Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane Foto: picture alliance/dpa
Amadeu-Antonio-Stiftung

Alles andere als entlastend

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung und seit Jahrzehnten wortgewaltige und entschlossene Kämpferin „gegen Rechts“, hat eine biographische Schwachstelle, die schmerzt. Die Tochter des prominenten DDR-Journalisten Max arbeitete von 1974 bis 1982 dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) mit dem selbst gewählten Decknamen „Victoria“ zu.

Das schadet ihrem Renommee, auch wenn sie, wie ihr Führungsoffizier damals vermerkte, aus politisch-ideologischen und persönlichen Gründen die Zusammenarbeit selbst beendete. Kahane ist daher um Schadensbegrenzung bemüht. Zu diesem Zweck ist auf der Internetseite der Amadeu-Antonio-Stiftung ein acht Seiten umfassender Text mit dem Titel „Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit“ abrufbar.

Akten potentieller Opfer nicht behandelt

Verfaßt hat dieses Gutachten der Historiker Helmut Müller-Enbergs, ein ausgewiesener Kenner der Stasi-Materie und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Kahanes Aussage, sie habe mit ihren Berichten an die Staatssicherheit niemandem geschadet, ist zunächst nur eine Schutzbehauptung, die fast jeder enttarnte IM anführt.

Gutachter Müller-Enbergs bescheinigt ihr unter anderem, aus dem ihm von ihr überlassenen Material ergebe sich tatsächlich nicht, daß sie irgendjemandem nachweislich geschadet habe. Allerdings weist der Stasi-Forscher auch darauf hin, daß man generell, um eine solche Aussage sicher belegen zu können, auch die Akten hätte heranziehen müssen, die die potentiellen Opfer betreffen – was offenbar nicht geschehen ist.

Unvollständiges Material zur Begutachtung?

Müller-Enbergs konzediert zwar, manche Äußerungen von Kahane gegenüber dem MfS seien durchaus „belastend“ für andere gewesen, legt aber Wert auf die Feststellung, sie habe auch freundliches, positives (im Sinne der DDR) berichtet und damit manch einem, über den sie berichtet hatte, vielleicht sogar genützt.

Das Müller-Enbergs von Kahane zur Prüfung übergebene Material scheint auch sonst lückenhaft gewesen zu sein. Er weist zum Beispiel darauf hin, Kahane habe keine erkennbaren materiellen Vorteile von ihrer Mitarbeit beim MfS gehabt, während die Welt bereits 2007 berichtet hatte, Kahane habe sehr wohl „kleine Geschenke und Geld“ erhalten.

Zuviele Fragen bleiben im Gutachten offen

In diesem Artikel werden auch wörtliche Aussagen Kahanes über von ihr bespitzelte Personen zitiert, etwa daß die Brüder Klaus und Thomas Brasch aus ihrem Bekanntenkreis zu den „Feinden der DDR“ gehörten. Der Schriftsteller Thomas Brasch konnte 1976, als diese Mitteilung gemacht wurde, vielfältig getroffen werden, denn derartige Informationen wurden selbstverständlich weitergegeben.

Braschs „Erzählungen“ durften nicht veröffentlicht werden, und verhaftet wurde er auch, bevor er in den Westen ausreisen durfte. Sein Bruder Klaus Brasch starb im Februar 1980 mit noch nicht einmal 30 Jahren an einem Cocktail aus Alkohol und Schmerztabletten. Auch daß Kahane zeitweise zu den Westreisekadern gehörte und ab 1979 längere Zeit als Übersetzerin in Afrika (Sao Tomé) arbeiten durfte, ist ohne Mitwirkung des MfS schwer vorstellbar.

Der von Kahane angestrebte Entlastungseffekt dieser gutachterlichen Stellungnahme dürfte sehr begrenzt sein. Zuviel bleibt offen, zu deutlich ist die Absicht, der Vorsitzenden der Amadeu-Antonio-Stiftung aus ihren selbstverschuldeten Schwierigkeiten zu helfen.

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Detlef Kühn war von 1972 bis 1991 Präsident des Gesamtdeutschen Instituts.

Die Studie auf den Seiten der Amadeu-Antonio-Stiftung

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Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane Foto: picture alliance/dpa

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