PARIS. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat in einem Interview mit mehreren europäischen Zeitungen, darunter der Süddeutschen Zeitung, einen Kurswechsel in der europäischen Außen- und Wirtschaftspolitik gefordert. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg sagte Macron wörtlich: „Es muß möglich sein, den Dialog mit Rußland wiederaufzunehmen.“
Europa dürfe diese Aufgabe nicht anderen überlassen. „Unsere geographische Lage wird sich nicht ändern. Ob wir Rußland mögen oder nicht, es wird auch morgen noch da sein.“
Macron zeichnete im Gespräch ein düsteres Bild der geopolitischen Lage. Europa habe sich zu lange darauf verlassen, daß Sicherheit, Energie und wirtschaftliche Stabilität von außen garantiert würden. Diese Annahmen seien zerbrochen. Die Vereinigten Staaten agierten zunehmend unberechenbar, China habe sich von einem Absatzmarkt zu einem aggressiven Konkurrenten entwickelt, und Rußland sei kein verläßlicher Partner mehr. Der Kontinent stehe damit vor einer doppelten Herausforderung, wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch.
Macron sieht beschleunigte Deindustrialisierung
Zugleich kritisierte Macron eine tief verwurzelte europäische Mentalität. Über Jahrzehnte habe sich die Europäische Union davor gedrückt, Macht gemeinsam zu denken und durchzusetzen. Diese Phase sei vorbei. Wer heute auf politische Zurückhaltung setze, riskiere, zwischen den Großmächten zerrieben zu werden. Europa müsse entscheiden, ob es Akteur bleiben oder zum Zuschauer seiner eigenen Marginalisierung werden wolle.
Besonders offen äußerte sich der französische Präsident zur wirtschaftlichen Entwicklung. Während China und die USA ihre Industrien konsequent schützten, habe Europa seinen Markt nahezu schrankenlos geöffnet. Die Folgen seien sichtbar. Schlüsselindustrien stünden unter massivem Druck oder verlören ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Macron verwies dabei ausdrücklich auf Deutschland, dessen frühere Stärke im Export nach China inzwischen in Defizite umgeschlagen sei. Die beschleunigte Deindustrialisierung in zentralen Branchen sei ein Warnsignal für den gesamten Kontinent.
Aus dieser Diagnose leitete Macron die Notwendigkeit eines Kurswechsels ab. Europa müsse seine Industrie gezielt schützen und strategische Bereiche absichern. Dabei gehe es nicht um ideologischen Protektionismus, sondern um wirtschaftliche Selbstbehauptung in einer Welt, in der sich zentrale Akteure nicht mehr an gemeinsame Regeln hielten. Ohne Gegenmaßnahmen drohe Europa dauerhaft Marktanteile und politische Gestaltungsmacht zu verlieren.
Das Pariser Verhältnis zu Berlin sei stabil
Auch die Finanzpolitik stellte Macron infrage. Europa investiere deutlich zu wenig in Verteidigung, Schlüsseltechnologien und Zukunftsindustrien. Nationale Haushalte reichten dafür nicht aus. Deshalb sprach sich der Präsident erneut für gemeinsame europäische Investitionen aus, begrenzt auf klar definierte Zukunftsbereiche. Ziel sei es, schneller und entschlossener handeln zu können, ohne alte Schulden zu vergemeinschaften.
Das Verhältnis zu Deutschland bezeichnete Macron als stabil. Die Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Friedrich Merz sei eng, Differenzen innerhalb Europas normal. Entscheidend sei, daß das deutsch-französische Verhältnis handlungsfähig bleibe, insbesondere bei Industrie- und Rüstungsprojekten. Ein Scheitern gemeinsamer Vorhaben würde Europas strategische Schwäche weiter vertiefen.
Mit Blick auf Rußland betonte Macron, daß der Krieg in der Ukraine in eine Phase eingetreten sei, in der über ein Ende nachgedacht werden müsse. Europa werde die Folgen eines künftigen Friedens unmittelbar tragen. Deshalb sei es notwendig, Gesprächskanäle auf europäischer Ebene offen zu halten und eine eigene Verhandlungsfähigkeit zu entwickeln. Der Dialog mit Moskau sei aus seiner Sicht kein Ausdruck von Nachgiebigkeit, sondern ein Gebot europäischer Eigenständigkeit. (rr)






