Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Postsowjetische Zustände

Vor 20 Jahren fiel in Berlin die Mauer, und der Eiserne Vorhang zwischen Ostsee und Schwarzem Meer zerriß, doch weiterhin gibt es in Europa Völker, die durch Grenzen getrennt sind. Hunderttausende Tote und Kriegsversehrte kosteten in den neunziger Jahren die Kriege in und um den Vielvölkerstaat Jugoslawien. Die ehemaligen innerjugoslawischen Republiksgrenzen blieben auf Drängen von EU, Nato und Uno bestehen, so daß speziell Albaner, Kroaten und Serben weiter auf zwei oder drei selbständige Staaten verteilt leben. Ob es in Zukunft ein „Großalbanien“ oder „Großserbien“ geben wird, kann dennoch nicht ausgeschlossen werden.

Während in der Republika Srpska (innerhalb Bosnien-Herzegowinas) wohl eine klare Mehrheit für eine Vereinigung mit Serbien plädieren würde (JF 44/08) und der Regierungschef Albaniens, Sali Ram Berisha, kürzlich bei einem Besuch im albanischen Kosovo von „unserer Nation“ sprach (JF 43/09), ist auch in der Debatte um das „Rumänentum“ in der Republik Moldau (Moldawien) wieder Bewegung gekommen.

Nach den Wahlen im Juli, bei denen die proeuropäischen über die prorussisch-kommunistischen Kräfte siegten, hat der neue Ministerpräsident Vladimir Filat eine Verfassungsänderung in Angriff genommen. Anstelle von „Moldauisch“ – das unter Stalin zwangsweise mit kyrillischen Buchstaben geschrieben werden mußte – soll die Amtssprache der Ex-Sowjetrepublik wieder „Rumänisch“ heißen. Ein erster Schritt hin zu einer Wiedervereinigung mit Rumänien? Brüssel könnte eine solche EU-Osterweiterung wohl kaum verhindern, wenn Bukarest dabei auf das Beispiel DDR verweisen würde. Doch die Lage im Armenhaus Europas ist weit komplizierter.

Im Mittelalter unter ungarischem und polnischem Einfluß stehend, geriet das Fürstentum Moldau im 16. Jahrhundert in osmanische Knechtschaft. Infolge der napoleonischen Kriege wurde das Gebiet zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr (Nistru) als Gouvernement Bessarabien 1812 von Rußland annektiert. Das westliche Restgebiet (die heutige rumänische Region Moldau) wurde 1859/61 mit dem Fürstentum Walachei zum Staat Rumänien vereinigt. Nach der Oktoberrevolution 1917 erklärte Bessarabien zunächst die Unabhängigkeit, 1918 erfolgte die „Heimkehr“ ins Königreich Rumänien. Aufgrund des Molotow-Ribbentrop-Pakts annektierte die Sowjetunion 1940 die Provinz. Stalin vereinte Bessarabien mit Gebieten der mehrheitlich ukrainisch besiedelten Moldauischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik links des Dnjestr (Transnistrien). Der Süden fiel endgültig an die Ukraine. Ab Juli 1941 war das ganze Gebiet kriegsbedingt wieder rumänisch. Nach Kriegsende wurde die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) einer allumfassenden Russifizierung unterworfen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte die MSSR 1991 ihre Unabhängigkeit. 1992 brach ein blutiger Bürgerkrieg aus. Das mehrheitlich von Russen und Ukrainern bewohnte Transnistrien erklärte sich – dank des Schutzschirms russischer Truppen – für eigenständig. Die „Transnistrische Moldauische Republik“ unter dem in Tiraspol residierenden Ex-Sowjetfunktionär Igor Nikolajewitsch Smirnow wird allerdings nicht einmal von Rußland anerkannt. „Moldauisch“ (mit kyrillischer Schrift), Ukrainisch und Russisch sind „Amtssprachen“. Der schmale Landstreifen an der ukrainischen Südwestgrenze ist zu einem bedeutenden Knotenpunkt des internationalen Drogen-, Waffen- und Menschenhandels geworden. Ein Beitritt der Moldau-Republik zu Rumänien könnte dann zur Moskauer Anerkennung Transnistriens führen.

Nachdem speziell unter dem kommunistischen Staatspräsidenten Vladimir Voronin ab 2001 wieder eine Wende Richtung Moskau vollzogen wurde, scheint es unter Premier Filat wieder Richtung Bukarest zu gehen. So wurde statt des Phantasiefachs „Integrative Geschichte“ wieder „Geschichte der Rumänen“ eingeführt – „wie es normal ist“, so Filat. Dies rief den russischen Botschafter in Chişinău (Kischinau), Walerij Kusmin, auf den Plan, der das als Ausdruck von „Russophobie und antirussischen Stereotypen“ kritisierte.

Filat dementiert aber vehement, eine „prounionistische“ Politik zu betreiben. Der 40jährige verweist dabei auf das Referendum von 1994, in dem die Bevölkerung mehrheitlich für die Eigenstaatlichkeit votiert hatte. Allerdings hat dies über eine Million (von etwa vier Millionen) Moldau-Bürger nicht daran gehindert, einen rumänischen Paß zu beantragen. Der steht ihnen in Rumänien aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu – und der Paß ermöglicht die visafreie Einreise in die EU. Einen vom Parlament gewählten Staatspräsidenten hat die Republik Moldau zur Zeit auch nicht. Die Amtsgeschäfte führt der liberale Parlamentspräsident Mihai Ghimpu. Sollte der sprachgewandte Ökonom Marian Lupu, ein Überläufer von der KP-Fraktion, demnächst keine Mehrheit finden, drohen Neuwahlen.

Ob dann aus einer möglichen Stärkung der proeuropäischen Kräfte auch eine Wiederbelebung des national-rumänischen Identitätsgefühls resultiert, weiß niemand. Jedwede Regierung in Bukarest würde allerdings eine Rückkehr Bessarabiens aus ganzem Herzen begrüßen.

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