Aufgeklärter Patriotismus

Patriotismus heißt zu deutsch Vaterlandsliebe. Das ist weniger als die Extremform des Nationalismus, aber mehr als bloß emotionale Sympathie für das Land, in dem man geboren und aufgewachsen ist oder dem man sich als Einwanderer verbunden fühlt“, schreibt Hans-Peter Schwarz in den Politischen Studien Nr. 407. Wie der Name der aktuellen Ausgabe, „Auf dem Weg zu einem aufgeklärten Patriotismus“, verrät, behandelt die von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung herausgegebene Zeitschrift das Thema Patriotismus. Die Ereignisse des vergangenen Jahres, vor allem der Ehrenmord an Hatun Sürücü und der Karikaturenstreit, der weltweit Wellen schlug, haben hierzulande eine Diskussion über Integration, Identität und über Patriotismus ausgelöst. Warnung vor einem übermütigen Nationalismus Auch die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung griff das Thema auf einem Seminar auf. Neben dem Historiker Hans-Peter Schwarz war auch sein Kollege Hans-Ulrich Wehler eingeladen, um über die aktuelle Thematik zu referieren. Ihre Vorträge wurden zusammen mit weiteren Aufsätzen in der Zeitschrift veröffentlicht. Im Editorial betont der Vorsitzende der Stiftung, Hans Zehetmair (CSU), deutsche Identität und der hiesige Patriotismus seien auf dem Weg, „erfrischend und unverkrampft“ konstruiert zu werden. Wörter, wie sie während der Fußballweltmeisterschaft beinahe inflationär gebraucht wurden. In allen Medien hieß es unisono, wie begeistert und unverkrampft die Deutschen auf einmal seien. Viele waren erleichtert: Nun dürfe man endlich sagen, was man wirklich für Deutschland empfinde. Die Weltmeisterschaft hat vieles verändert. Vielleicht wären auch die Aufsätze dieser Zeitschrift anders gewesen, wären sie erst nach der WM geschrieben worden: So zeigen die Beiträge, welche Dynamik derzeit in der Patriotismus-Diskussion in Deutschland steckt. Nicht alle Aufsätze treffen indes den Nerv des neuen Wir-Gefühls. Die Texte lassen den Begriff Patriotismus zwar in einem positivem Lichte erscheinen und die meisten Autoren treten den Gegenern eines deutschen Patriotismus deutlicher entgegen als sie es noch vor ein paar Jahren getan hätten. So schreibt Philipp Hildmann, Referent der Hanns-Seidel-Stiftung: „Im Gefolge der 68er-Bewegung stigmatisiert, oftmals simplifizierend mit Nationalismus gleichgesetzt und als rechtsextrem oder zumindest reaktionär diskreditiert, sind derzeit allerorten tastende Versuche zu beobachten, das totgesagte Wort wieder positiv zu konnotieren und mit konkreten Inhalten zu füllen“. Dennoch, die meisten Texte differenzieren scharf zwischen verschiedenen Formen des Patriotismus. Der auf die Nation gerichtete Patriotismus wird vor allem von Wehler weiterhin als problematisch gewertet. Man müsse immer noch aufpassen, daß daraus kein übermütiger Nationalismus entstehe. Leider geht durch solche Interpretationen aber die ursprüngliche Bedeutung des Patriotismus – die Liebe zum Vaterland und zur Nation – verloren. Ein nationaler Patriotismus ist seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland verpönt. Aus diesem Grund bestehe nach Schwarz hierzulande eine Neigung, gewisse subnationale oder übernationale Patriotismen gegen den Patriotismus des Nationalstaats auszuspielen. Dazu gehörten Lokalpatriotismus, Regionalpatriotismus und Europapatriotimus. Und trotzdem sei die Liebe zur eigenen Nation, zum funktionierenden Nationalstaat, die einzige Erscheinungsform des Patriotismus, die heute wirklich etwas bewegen könne und über die es sich ernsthaft zu reden lohne. „Der demokratische Nationalstaat konstituiert heute, im Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts, immer noch unsere vorrangige politische Wirklichkeit, dies trotz Globalisierung, trotz Verpflichtung auf die Regeln der Völkergemeinschaft und trotz der Einwirkungsmöglichkeiten und Ansprüche der Europäischen Union“. Kaum jemand mag noch daran zweifeln, daß in Deutschland derzeit die Entwicklung eines neuen Patriotismus zu beobachten ist. Die meisten Aufsätze schrecken jedoch davor zurück, diese Entwicklung, die während der WM augenscheinlich wurde, deutlich zu benennen. Es geht bei der aktuellen Debatte schließlich nicht um Regionalpatriotismus, sondern um das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land, ihrer Kultur, ihrem Erbe. Die Dauerbeflaggung und das „unverkrampfte“ Bekenntnis zur Nation in den vergangenen Wochen läßt Beiträge wie den von Wehler wie ein Relikt aus früheren Zeiten erscheinen. Der für ihn legitime rationale Kuschelpatriotismus, der sich lediglich auf Umwelt, Region und Heimat bezieht, wirkt nach den schwarz-rot-goldenen Begeisterungsstürmen nur noch veraltet und unpassend.

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