Eigentlich ist der Fall schon ein halbes Jahr alt, dennoch wird erst jetzt umfassend darüber berichtet – und auch das augenscheinlich nur, weil Druck aus den Sozialen Medien kommt. Was im Journalismus eigentlich ein Unding ist, nämlich spät dran sein, spielt sich im Vereinigten Königreich gerade im ganz großen Stil ab.
Drei Monate war der 18jährige Henry Nowak aus Southampton schon tot, als die BBC einen emotionalen Bericht über ein Gedenkfußballspiel zu Ehren des ermordeten Studenten brachte. „Henry hat ein sehr sehr großes Loch in unserer Familie hinterlassen“, zitieren die Reporter beispielsweise den Vater des Jungen, abgelichtet auf der Zuschauertribüne des Testwood Stadium in Totton, wo sich zwei Mannschaften, denen der polnischstämmige Jugendliche angehörte, die Trauerpartie lieferten.
Die BBC berichtete zu spät über Henry Nowak
Neben dem Vater wurde auch ein Teamkollege von Nowak befragt, der mit der Aussage zitiert wird, dass sein Kumpel einen „ansteckenden Charakter“ gehabt habe: „Wenn er um die Ecke kam, dann haben wir uns fast so gefreut, als hätten wir gerade ein Tor geschossen.“
An der Recherche vor Ort waren gleich zwei Kollegen der BBC beteiligt. Wie wahrscheinlich ist es, dass keiner von ihnen im Gespräch mit der Gemeinde die verstörenden Details mitbekommen hat, die seit ein paar Wochen ganz Großbritannien aufschrecken?
Erst die Polizeibilder bringen Fahrt in die Geschichte
Nur wenige Wochen später lieferte die BBC dann die Gerichtsreportage zum spektakulären Urteil – ohne die Szenen einzuordnen. Erst als auf die Kameraaufnahmen der Polizei vor Ort ein Aufschrei folgte, sortierte sich der Rundfunk neu.
„Der Mord an Henry Nowak: Was wir über die Ereignisse wissen“, hieß etwa ein Artikel von Anfang Juni, der sich mühte, tiefer in die Materie einzusteigen und nun auch den falschen Rassismusvorwurf des Mörders – Vickrum Singh Digwa, ein 23 Jahre alter Sikh – adressierte.
„Ich wurde niedergestochen“ – „Das glaube ich nicht, Kumpel“
Digwa hatte Nowak mit einem 21 Zentimeter Dolch nach einem Streit niedergestoßen und dann behauptet, von seinem Opfer rassistisch beleidigt worden zu sein. Nowak wurde sterbend von den eintreffenden Polizisten in Handschellen gelegt.
Seine Wehklage „Ich wurde niedergestochen“ wurde von einem der Beamten mit den Worten „Das glaube ich nicht, Kumpel“ in den Wind geschlagen. Nur wenige Minuten später war Nowak tot.
Soziale Medien geben den Ausschlag
Vor allem in den Sozialen Medien sorgte der Fall für Unruhe. Die Bodycam-Aufnahmen erreichten Millionen Aufrufe und provozierten Wortmeldungen aus der ganzen Welt bis hin zu US-Vizepräsident JD Vance, der Nowaks Tod als „so tragisch wie empörend“ bezeichnete.
Henry Nowak died the same way a civilization dies: abandoned, handcuffed by authorities who neither trusted nor cared for him, and accused of hate crimes he did not commit. His murder is as tragic as it is enraging. He should still be alive today, and he would be if the last few… https://t.co/e3HkjzWzwU
— JD Vance (@JDVance) June 5, 2026
Vance warnte den Westen vor einer „Politik des Selbsthasses“ und einer „massenhaften Invasion von Migranten“ (siehe Seite 9). Doch statt auf den Skandal einzugehen, versuchte die BBC immer wieder, den Fokus der Debatte zu verschieben.
Statt sich auf den Mord zu konzentrieren, macht die BBC Faktenchecks
So berichtete der Sender Anfang Juni in einem „Faktencheck“ über „Fehlinformationen“ im Zusammenhang mit dem Mord. Zwei Briten seien im Internet fälschlich als die verantwortlichen Polizisten identifiziert worden und müsste sich seither wegen Drohungen verstecken.
Die Nachrichtensendung „Newsnight“ zitierte den Chef der rechtspopulistischen Partei „Reform UK“ mit den Worten, dieser habe seine Landsleute nach dem Mord zu „weißem, kaltem Zorn“ aufgerufen.
Wie Farage die Worte im Mund umgedreht werden
Das Problem: Farage hatte überhaupt nicht zu „weißem“, sondern zu „reinem, kaltem Zorn“ aufgerufen. Die Anklänge an rassistische Rhetorik fehlten also in dem beanstandeten kurzen Video, das von dem Politiker in den sozialen Netzen kursierte. Einen Tag später musste sich die BBC offiziell entschuldigen, die Anwälte von Farage hatten sich eingeschaltet.
🚨The BBC had just sunk to a new low.
On Newsnight last night, presenter Matt Chorley claimed Nigel Farage said people should respond to the murder of Henry Nowak with “white cold rage”.
Nigel DID NOT SAY THIS.
The insertion of the word “white” by the BBC is obviously… pic.twitter.com/OwFxXNUy5N
— Zia Yusuf (@ZiaYusufUK) June 3, 2026
„Wir bitten für diesen Fehler um Verzeihung“, hieß es. Doch auch die Falschschreibung des Namens „Novak“, die sich in die Berichterstattung des Senders einschlich, sowie die Priorisierung des Ukraine-Krieges auf der BBC-Website erzeugten bei vielen den Eindruck, das Thema werde unter den Teppich gekehrt.
Parallelen zu George Floyd sind klar – Unterschiede auch
„Schon seit Jahren wurden Fragen der öffentlichen Sicherheit, der Polizeiarbeit und der ethnischen Herkunft in der Öffentlichkeit aus Angst davor links liegengelassen, es könnte sich jemand von ihnen angegriffen fühlen“, erläuterte etwa die Kampagnenleiterin von „Defund the BBC“ – auf deutsch in etwa „Streicht BBC“ bedeutet –, Rebecca Ryan, im Nachrichtensender GB News.
Die BBC sei eine „treibende Kraft“ hinter dieser Geisteshaltung gewesen. Seit Jahren schon bemüht sich die Initiative um eine Abschaffung der Rundfunkgebühren im Vereinigten Königreich – 180 Pfund jährlich – und deren Umwandlung in eine freiwillige Abgabe.
ARD und ZDF verschieben den Fokus, berichten über„Rechtsextreme“
Ganz ähnlich sieht es in Deutschland aus, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk ebenfalls Kritik wegen seiner Berichterstattung über den Mord auf sich zieht. Ein Fernsehbeitrag aus der Vorabendsendung ZDF-„heute“ von Anfang Juni wies darauf hin, dass die Proteste gegen das Polizeiversagen vom „Rechtsextremen“ Tommy Robinson organisiert wurden.
Ein ARD-Radiobeitrag sprach von „rechten Agitatoren“, die die Tat aufgegriffen hätten. In einer vorherigen Version des Beitrags war von dem Mörder verharmlosend als von einem „Messernarr“ die Rede.
In der ARD heißt es, der Nowak-Mord werde „groß gemacht“
ARD-Reporterin Valerie Krall verstieg sich in der Schalte aus London sogar zu der Aussage, der Mord an Nowak werde „in den Medien“ und „von Politikern groß gemacht“. Für eine Benachteiligung weißer Briten durch Behörden etwa gebe es „keine Belege“.
„Und dann gibt es immer wieder Fälle wie diesen, die in den Medien von Politikern groß gemacht werden. In der Vergangenheit war die Polizei immer mehr unter Druck, wenn es um strukturellen Rassismus und Sexismus ging.“
Einfach mal die ÖRR Berichterstattung über Henry Nowak mit… pic.twitter.com/xtJEaZXwLd
— Alexander Steffen (@Alex__Steffen) June 3, 2026
Diese Vorwürfe würden „von Rechtsaußen schon seit mehreren Jahren vorangetrieben“. Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland wurde von Beobachtern schnell auf die Parallelen des Mordes an Henry Nowak mit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer Verhaftung im Jahr 2020 aufmerksam gemacht.
„I can’t breathe“: Geschichte wiederholt sich
So gehörte „I can’t breathe“ – auf deutsch „Ich kann nicht atmen“ – jeweils zu den letzten Worten der beiden Opfer. Vor allem aber wurde auf die Unterschiede der beiden Geschichten aufmerksam gemacht, zum Beispiel auf die völlig unterschiedliche Medienberichterstattung in beiden Fällen.
So stellte die „Tageschau“ die tagelangen Straßenschlachten und Plünderungen in den USA immer wieder mit verständnisvollem Unterton dar. Den meisten Protestlern der „Black Lives Matter“-Bewegung ginge es nur um den Kampf gegen den Rassismus.
„Black Lives Matter“ und die Doppelstandards
Zu den Ereignissen in Großbritannien hingegen hieß es aus der Redaktion der Abendnachrichten: „Rechtsaktivisten riefen zu Demonstrationen auf; einige von ihnen liefern sich Kämpfe mit der Polizei.“
Ein merklich anderes Bild mit vollkommen anderer Stoßrichtung. Am Ende bleibt der Eindruck hängen, dass zweierlei Maß offenbar nicht nur in vielen Polizeiwachen, sondern auch in nicht wenigen Redaktionsbüros herrscht.






