Albrecht Rothachers Buch „Europa neu denken“ ist ein ambitionierter und kenntnisreicher Versuch, die europäische Einigungsdebatte aus der Erstarrung zu lösen und sie wieder in einen größeren historischen und politischen Horizont einzubetten. Ausgangspunkt ist die Diagnose einer tiefgreifenden Krise der Europäischen Union, die sich nicht allein in institutionellen Dysfunktionen oder demokratischen Defiziten erschöpft, sondern auf eine grundlegende Überforderung eines zentralistischen Integrationsmodells hinweist, das Vielfalt eher nivelliert als konstruktiv zu ordnen. Rothacher plädiert stattdessen – wie so viele – für eine Rückbesinnung auf konföderale Strukturen, die historisch erprobt seien und sowohl politische Handlungsfähigkeit als auch nationale Eigenständigkeit garantieren könnten.
Eine der großen Stärken des Buches liegt zweifellos im langen Atem seiner Darstellung. Rothacher entfaltet ein breites Panorama europäischer Ordnungsformen vom römischen Imperium über das mittelalterliche Reich und den Deutschen Bund bis hin zu föderalen und konföderalen Modellen innerhalb und außerhalb Europas, insbesondere in der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Dabei wird deutlich – wenig überraschend, aber immer wieder erwähnenswert –, daß politische Stabilität in Europa historisch weniger aus strikter Zentralisierung denn aus einer flexiblen Balance zwischen Einheit und Vielfalt hervorging.
Allerdings zeigt sich gerade hier auch eine erste problematische Verkürzung, die weniger den historischen Befund als seine implizite Bewertung betrifft. Die Tendenz, politische Ordnungen der Vergangenheit primär daran zu messen, ob und wann sie einmal „untergegangen“ sind, greift als Gradmesser ihrer Qualität zu kurz.
Legitimität läßt sich nicht durch moralische Selbstzuschreibung ersetzen
Daß selbst langlebige Gebilde wie das Römische Reich letztlich zerfielen, falsifiziert nicht die Güte ihrer historischen Strukturen, sondern verweist vielmehr auf eine Grundbedingung aller politischen Ordnung: Eine Ewigkeitsgarantie kann es in der Geschichte nicht geben, und selbst die besten Ordnungen können, ja müssen zivilisatorischen Großzyklen und natürlich auch äußeren Bedrohungen erliegen.
Die Gegenwartsanalyse des Buches zeichnet ein ebenso ernüchterndes wie altbekanntes Bild der Europäischen Union. Rothacher beschreibt eine Institution, die sich zunehmend von ihren Bürgern entfremdet hat, deren Entscheidungsprozesse schwer durchschaubar sind und deren politische Energie sich oft in normativer Überregulierung erschöpft.

Besonders überzeugend ist seine Kritik an der Vorstellung, politische Legitimität lasse sich dauerhaft durch administrative Effizienz oder moralische Selbstzuschreibung ersetzen. Die EU erscheint hier als ein Gebilde, das zwar über enorme wirtschaftliche und regulatorische Macht verfügt, diese jedoch nur unzureichend in strategische Handlungsfähigkeit übersetzt.
Hin zu einer caesaristischen Logik
Gleichwohl bleibt die Analyse in einem entscheidenden Punkt unvollständig, was weniger als Vorwurf denn als zeitgeschichtliche Verschiebung zu verstehen ist. Das Buch argumentiert, ohne den tiefgreifenden Paradigmenwechsel einzubeziehen, der sich gegenwärtig insbesondere in den Vereinigten Staaten vollzieht: die Abkehr vom liberal-institutionellen Multilateralismus hin zu einer offen machtpolitischen, teilweise caesaristischen und imperialen Logik.
Diese Entwicklung – sichtbar in der Neuorientierung amerikanischer Sicherheits-, Handels- und Bündnispolitik mitsamt der daraus folgenden Neuaufstellung der „Alten Welt“ und natürlich der eurasischen Mächte – verändert die Rahmenbedingungen europäischer Politik fundamental. Daß Rothacher diesen Aspekt kaum berücksichtigt, dürfte natürlich vor allem dem Entstehungszeitraum des Buches geschuldet sein und kann daher kaum dem Verfasser angelastet werden; gleichwohl führt diese Leerstelle dazu, daß gewisse, nur lose konföderale Zukunftsentwürfe heute angesichts der neuen Bündnis- und Bedrohungssituationen weniger tragfähig erscheinen, als sie es noch vor wenigen Monaten gewesen wären.
Rothachers Offenheit für Eurasien wirkt romantisierend
Ebenfalls kritisch zu betrachten ist daher auch die stellenweise allzu idealisierende Perspektive auf den russisch-eurasischen Raum. Rothachers Offenheit für eine größere strategische Einbindung Eurasiens ist verständlich als Reaktion auf eine einseitige Westbindung Europas, wirkt jedoch bisweilen etwas romantisierend.
Die geopolitischen, kulturellen und machtpolitischen Ambitionen Rußlands und seines Umfelds lassen sich langfristig kaum als harmonische Ergänzung eines europäischen Ordnungsprojekts denken. Eine nüchternere Analyse der asymmetrischen Machtverhältnisse und imperialen Interessen hätte hier gutgetan, um den Eindruck zu vermeiden, daß alternative geopolitische Räume primär aus Enttäuschung über den Westen verklärt werden.
Schließlich berührt das Buch nur implizit eine zentrale Frage der Gegenwart, die weiter hätte ausgearbeitet werden können: die alles andere als monolithischer Natur des Nationalstaats und der Nation, die beide ja ebenfalls eine lange Geschichte hinter sich haben, welche suggeriert, daß beide ebenso, wie sie sich erst langsam und schwerfällig aus erheblich bedeutsameren vormodernen Ordnungsprinzipien herausgearbeitet haben, auch ebenso wieder verschwinden können, so daß man sie keineswegs ohne weiteres als eine Art letztes Wort der Geschichte betrachten oder diskussionslos als wünschenswerte Entitäten per se anschauen sollte.
Die einzige realistische Perspektive liegt in einem starken Verbund
Unabhängig davon, wie man diese Entwicklung normativ bewertet, ist daher kaum zu bestreiten, daß der Nationalstaat schon heute in zentralen Bereichen – Außenpolitik, Sicherheit, Technologie, Finanzmärkte – nur noch begrenzt handlungsfähig ist, und zwar nicht aufgrund irgendwelcher nationalen Fehlentscheidungen der Vergangenheit, sondern der gegenwärtigen globalen Lage.
Gerade deshalb liegt seine einzige realistische Zukunftsperspektive nicht in der Rückkehr zur isolierten Souveränität, sondern in einem politisch und außenpolitisch starken Verbund. Eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft mit mehr als zwei Dutzenden voneinander unabhängigen Außenpolitiken bleibt strukturell schwach und lädt geradezu zur Einflußnahme externer Großmächte ein: Hier stößt auch das konföderale Ideal an seine Grenzen, wenn es nicht mit einer klaren gemeinsamen strategischen Linie verbunden wird.
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Prof. Dr. David Engels lehrte Römische Geschichte in Brüssel und jetzt am Catholic Institute of Higher Studies (ICES) in der Vendée.






