Aluhutträger in München
Aluhutträger bei Demonstration gegen Corona-Einschränkungen in München Foto: picture alliance/ZUMA Press
Corona-Krise

Extremismusforscher: Verschwörungsmythen dringen in Mitte der Gesellschaft

BERLIN. Der Extremismusforscher Uffa Jensen hat vor einer Ausbreitung von Verschwörungsmythen wegen der Corona-Krise gewarnt. Die Zweifel und die Suche nach alternativen Erklärungen seien bis weit in die sogenannte gesellschaftliche Mitte populär geworden, sagte Jensen am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst. „Es ist ja kein Zufall, daß ein FDP-Politiker wie Thomas Kemmerich auf solchen Demonstrationen mitläuft.“

Kemmerich hatte sich am Sonntag einem sogenannten Corona-Spaziergang in Gera angeschlossen. Teilnehmer der Kundgebung protestierten gegen die von Bund und Ländern verhängten Corona-Einschränkungen. Nachdem der Thüringer FDP-Landesvorsitzende auch parteiintern heftig kritisiert worden war, kündigte er an, seine Mitgliedschaft im FDP-Bundesvorstand vorerst ruhen zu lassen.

Präzedenzlose Situation

Jensen verwies auch auf den Appell mehrere katholischer Würdenträger, darunter Kardinal Gerhard Ludwig Müller, in dem unter anderem vor den Gefahren einer möglichen Weltregierung gewarnt wird. Die durch die Corona-Krise ausgelöste Verunsicherung und das Verbreiten von Verschwörungstheorien dürfe nicht nur bei extremen Rechten oder Linken verortet werden, warnte der stellvertretende Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung.

Es gebe zwei maßgebliche Erklärungen dafür, daß Verschwörungstheorien derzeit verstärkt verbreitet würden. Der sogenannten Lockdown wegen der Corona-Pandemie habe die Gesellschaft in eine präzedenzlose Situation geführt. Viele Menschen erlebten dadurch schwere Einschränkungen und echtes Leid, wodurch sie extreme Emotionen wie Angst, Verunsicherung und Verzweiflung empfänden. „Allein das würde schon für einen Aufwind kruder Verschwörungstheorien reichen.“

Doch hinzu komme, daß sich die Politik in einer völlig neuen Weise auf die Wissenschaftler verlassen müsse, da diese derzeit die einzigen seien, die in dieser Situation Wissen anzubieten hätten. Das führe zu Kritik an solchen Experten und andere Erklärungen könnten sich besonders gut verbreiten.

Pandemie sei für viele etwas Abstraktes geblieben

Außerdem sei Deutschland besser durch die Krise gekommen als andere Länder. Dadurch könne sich die Wut auf die Politik viel leichter manifestieren, gab Jensen zu bedenken. „Zum einen weil die Leute schlicht nicht mit dem bloßen Überleben beschäftigt sind. Zum anderen haben viele Menschen in Deutschland die Verheerungen des Virus nicht aus eigener Anschauung erlebt, wie etwa in Norditalien oder in New York.“

Es gebe viele Personen, für die die Pandemie etwas Abstraktes geblieben sei, vergleichbar mit einem Gerücht oder wie eine Obsession von Politikern, Medien und Eliten. Zugleich habe dieses vermeintliche Gerücht enorme Konsequenzen im Leben aller. Deshalb erhielten Verschwörungstheorien, die behaupten, dies sei alles gelogen, stärkeren Zulauf. „Das mag für viele auf den ersten Blick wie simpler Blödsinn erscheinen, aber es ist eben sehr alter, sehr wirksamer und leicht zu glaubender Blödsinn.“ (ls)

Aluhutträger bei Demonstration gegen Corona-Einschränkungen in München Foto: picture alliance/ZUMA Press

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