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Buchrezension: Kriegstüchtig oder selbstvergessen? Ein Weckruf an die Bundeswehr

Buchrezension: Kriegstüchtig oder selbstvergessen? Ein Weckruf an die Bundeswehr

Buchrezension: Kriegstüchtig oder selbstvergessen? Ein Weckruf an die Bundeswehr

Bundeswehrsoldaten gehen eine Treppe herunter, die Waffe im Anschlag
Bundeswehrsoldaten gehen eine Treppe herunter, die Waffe im Anschlag
Bundeswehrsoldaten während einer Übung in Berlin. Foto: picture alliance/dpa | Christophe Gateau
Buchrezension
 

Kriegstüchtig oder selbstvergessen? Ein Weckruf an die Bundeswehr

Während die Bundeswehr ihr siebzigstes Jubiläum nahezu unbeachtet begeht, ringt Deutschland erneut mit der Frage nach Wehrpflicht, Kriegstüchtigkeit und mentaler Verteidigungsbereitschaft. Der ehemalige Fallschirmjäger Reiner Fink hält der Republik mit seinem Buch einen unbequemen Spiegel vor.
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Am 12. November 2025 wurde die Bundeswehr siebzig Jahre alt. Denn am gleichen Tag 1955 war die Stunde Null der – zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen – Bundeswehr. Damals wurden die ersten 101 Freiwilligen vereidigt – noch nicht einmal alle mit Uniformen ausgestattet. Das Ganze nach zähem Streit um die „Wiederbewaffnung“ Deutschlands, dem heftigen Widerstand der SPD und schließlich dem Beitritt der Bundesrepublik bereits zum 6. Mai 1955 zur Nato.

Der 70. Geburtstag der Bundeswehr selbst ging fast geräuschlos über die Bühne. Irgendwie fremdelt dieses Land immer noch mit seinen Soldaten. Zugleich ist – wie vor gut zwei Generationen bei der Debatte um die „Wiederbewaffnung“ – aktuell eine Debatte um Wehrpflicht „für einen Krieg“ aufgetaucht. Letztere mündete am 5. Dezember 2025 in ein neues „Wehrdienstgesetz“.

Vor diesem Hintergrund ist es gut, wenn die gequälte Debatte um einen neuen Wehrdienst ein Buch aufgreift, was „Bundeswehr“ war, ist und in Zukunft sein muß. Der Major a. D., frühere Fallschirmjäger und langjährige Unternehmensberater Reiner Fink hat nun den Mut gefaßt und über eine Bundeswehr in einem offenbar naiv vulgärpazifistischen Land reflektiert. Es ist daraus unter dem provozierenden Buchtitel „Kriegstüchtig oder postheroisch?“ ein Weckruf geworden.

Wie macht sich die Bundeswehr „ehrlich“?

Finks Buch ist eine Art Brevier – im zeitgeschichtlichen und im perspektivischen Ansatz. Ein Buch, mit dem Fink Politikern, Militärs und Medienleuten einiges ins Stammbuch schreibt. Beispielsweise, wenn Fink längere Kapitel darauf verwendet, die globale sicherheitspolitische Rolle der USA, Rußlands, Chinas und der BRICS-Staaten, zu denen das Nato-Mitglied Türkei seine Vollmitgliedschaft beantragt hat, zu analysieren.

Fink leitet zum Beispiel die Rolle der USA historisch unter anderem aus der Monroe-Doktrin (1823), dem Wilsonschen Idealismus (1918), Trumans Doktrin des Containments her und mißt sie an der Außenpolitik Trumps und seines Außenministers Rubio des Jahres 2025. Fink sieht – mit Folgen, die Europa noch nicht erkannt hat – eine Hinwendung der USA in den pazifischen Raum und ein Ende der US-Interventionspolitik, wie man sie aus dem Koreakrieg, der Kuba-Krise, dem Vietnamkrieg sowie in Laos, Kambodscha, Grenada, Libyen, Nicaragua, El Salvador, Panama, Iran, Kuwait, Afghanistan, Syrien erlebte.

Reiner Fink: Kriegstüchtig oder postheroisch? 322 Seiten, Gerhard-Hess-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Reiner Fink: Kriegstüchtig oder postheroisch? 322 Seiten, Gerhard-Hess-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Abseits der geopolitischen Betrachtungen geht es dem Autor darum, daß sich Deutschland „ehrlich macht“. Ehrlich ist Fink tatsächlich, wenn er darlegt, wie die Bundeswehr in drei Jahrzehnten heruntergewirtschaftet wurde und Deutschland vor lauter „Eigenhaß“ sowie mittels eines links-woken Kampfes gegen „toxische Männlichkeit“ verteidigungsunfähig wurde. Daß 16 Jahre Merkel inklusive der Kür von Ursula von der Leyen zur Verteidigungsministerin (2013–2019) hier eine katastrophale Wirkung hatten, kommt zur Sprache.

Schluß mit der Work-Life-Balance

Finks Perspektiven gelten einer „Kriegstüchtigkeit“ vor allem mit Hilfe des Heeres und im besonderen der Infanterie. Hier praktiziert der Autor einen ganzheitlichen Ansatz. Er projektiert unter Berücksichtigung von Wald- und Mittelgebirgsanteilen eine „Raumverteidigung 4.0“ mit 256 hochmobilen Infanteriekompanien – für: Objektschutz, Jagdkampf, Aufklärung, Heeresfliegern, Artillerie, Logistik, Instandhaltung und Sanitätswesen.

Fink bleibt hier nicht stehen, denn „Kriegstüchtigkeit“ ist für ihn nicht nur eine Frage der Ertüchtigung der Bundeswehr. Vielmehr gehe es bei „Kriegstüchtigkeit“ auch um die Überwindung der gängigen „Work-Life-Balance“-Mentalität der Deutschen (Fink: „It’s the Mentality, Stupid!“), zudem um Energieversorgung, Infrastruktur (Schiene, Straßen, Brücken), Zivil- und Bevölkerungsschutz oder Gesundheitswesen.

Man muß nicht alles teilen, was Fink aktuell oder retrospektiv etwa zum Verhältnis Rußland-Ukraine oder zum Verhältnis Rußland-Deutschland analysiert: Wenn etwa davon die Rede ist, daß Putin in seinem Land Zustimmungswerte von 87 Prozent und die aktuelle Bundesregierung Zustimmungswerte von 29 Prozent habe. Oder wenn von „absurdem Putin-Bashing“ und „Kriegstreiberei“ in Deutschland die Rede ist.

Als Zugeständnis gab die Ukraine alle Atomwaffen an Rußland ab

Auch die sogenannte Nato-Osterweiterung kann man anders sehen als Fink. Es gibt schließlich ein Selbstbestimmungsrecht von Völkern und Staaten – etwa des ukrainischen Volkes und der baltischen Staaten. Und es gibt seit 1993/1994 ein russisch-ukrainisches Grenzabkommen. Als Zugeständnis gab die Ukraine alle Atomwaffen an Rußland ab. Daß zudem die über Jahrzehnte hinweg eisern neutralen Länder Schweden und Finnland unter den Schutzschirm der Nato gingen, ist keine hysterische Reaktion. Das heißt: Finks Rußlandbild könnte differenzierter ausgefallen sein.

In einem Nachfolgebuch müßten die Rolle der Luftwaffe und der Marine (Ostsee, Handelswege), neue Formen des Krieges durch Drohnen oder der Cyberkrieg beleuchtet werden. All dies zu analysieren und zu projektieren wäre eigentlich Aufgabe einer überfälligen neuen Auflage des „Weißbuches“; die letzte Auflage gab es 2016. Ersetzt wurde es 2023 durch eine (Fink: „naive“) „Nationale Sicherheitsstrategie“, die sich sehr im Allgemeinen bewegte und bereits überholt ist.

Das Buch ist des Lesens wert

Zu Recht aufgewertet wird Finks Buch durch ein Geleitwort des vormaligen Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral a.D. Kay-Achim Schönbach. Schönbach ist ein Mann, der für seine realistische Einschätzung („Die Halbinsel Krim ist weg, sie wird nicht zurückkommen …“) von der Kurzzeit-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) am 22. Januar 2022 zum Amtsverzicht gedrängt wurde. Allein dieses Geleitwort hat es in sich: Schönbach schreibt von einem gewollten Niedergang Deutschlands, von der Verirrung des Glaubens an eine „Friedensdividende“ ab 1990, von der „schweigenden Generalität“ und von der „Zeitenwende“ als „Papiertiger“.

Alles in allem: Das Buch ist des Lesens und Nachdenkens wert. Es wäre sogar ein geeignetes Vademecum für die Offiziersschule des Heeres in Dresden und für die Stabslehrgänge der Führungsakademie in Hamburg.

Aus der JF-Ausgabe 5/26.

Bundeswehrsoldaten während einer Übung in Berlin. Foto: picture alliance/dpa | Christophe Gateau
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