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Urlaubstrips zum Trip: Die Modedroge Ayahuasca

Urlaubstrips zum Trip: Die Modedroge Ayahuasca

Urlaubstrips zum Trip: Die Modedroge Ayahuasca

Ein Mann steht an einem Topf, in welchem Pflanzenteile schwimmen und rührt darin umher: Er braut Ayahuasca
Ein Mann steht an einem Topf, in welchem Pflanzenteile schwimmen und rührt darin umher: Er braut Ayahuasca
Ein Mann braut in Ceu do Mapia, Brasilien, Ayahuasca: Die Droge zieht Touristen an. Foto: 43052 PM, tstargardter|Hold|Held|8/2/2016 31917 AM, Eraldo Peres
Urlaubstrips zum Trip
 

Die Modedroge Ayahuasca

Dschungel, Drogen, Dollars: Die psychedelische Substanz Ayahuasca lockt Sinnsucher, Patienten und Abenteurer nach Lateinamerika. Das bringt auch Probleme mit sich.
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Wer hätte sie sich noch nicht ersehnt, die tiefe Erkenntnis der Welt, des Universums und des ganzen Rests? Seit jeher nutzen Menschen zu diesem Ansinnen unterschiedliche Verfahren, sei es nun Meditation, Askese oder die Einnahme von Drogen. Letztere, so könnte man etwas despektierlich sagen, dienen quasi der Abkürzung hin zur Erweiterung des Bewusstseins, weshalb sie in den meisten Kulturen stets in einem spirituellen, religiösen Kontext eingefasst wurden.

Wie beispielsweise bei den indigenen Völkern des südamerikanischen Amazonasbeckens, wo seit etwa 2.500 Jahren in rituellen Zeremonien Ayahuasca, ein Sud aus zwei im dortigen Regenwald wachsenden Pflanzen, konsumiert wird. Dabei ermöglicht die Kombination aus der Liane Banisteriopsis caapi und Blättern von Psychotria viridis die Aufnahme und Aktivierung des halluzinogenen Wirkstoffs Dimethyltryptamin, kurz DMT, dem LSD oder Psilocybin nicht unähnlich. Kaum nötig zu erwähnen, dass Ayahuasca bereits in den 1950er und 1960erJahren eine gewisse Bekanntheit erlangte, als stets an außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen interessierte Autoren wie William Burroughs und Allen Ginsberg oder der Ethnobotaniker Richard Evans Schultes auf das „Mysterium Ayahuasca“ aufmerksam machten.

Denn hat man den abstoßend schmeckenden Trank einmal heruntergewürgt und das nachfolgende Erbrechen überwunden, so einschlägige Erfahrungsberichte, erlebe man eine ungeahnte Reise hin zu fremden Welten und unbekannten Lebensformen, mindestens aber zu einer tiefen Verbundenheit mit sich selbst. Doch wie bei allen Psychodrogen kann der Trip auch zur Horrorvision werden – immerhin bedeutet Ayahuasca in der Sprache der Quechua sowohl „Liane der Seele“ als auch „Liane des Todes“.

Spätestens die Netflix-Dokus lockten in den Dschungel

Dennoch hat der indigene Trank seit den 2000er Jahren einen veritablen Hype erfahren. Grund hierfür ist nicht nur der Wunsch nach Erweiterung des Bewusstseins, sondern zunehmend wurde ihm auch eine medizinische Wirkung zugesprochen. Klinische Studien in Brasilien wie auch den USA fanden Anzeichen dafür, dass das im Ayahuasca enthaltene DMT psychische Probleme heilen könne, darunter vor allem Depressionen, Angst- und posttraumatische Belastungsstörungen.

Es folgten die üblichen Einlassungen der Informationsindustrie, die wahlweise mit den Schlagworten Ekstase und Entgrenzung oder Heilung und Selbstoptimierung lockten. Spätestens durch einschlägige Netflix-Dokus wurde der Lianentrank dann endgültig zur neuen Modedroge – überwiegend im Sinne ihres medizinischen Nutzens, selbstverständlich.

Interessant dazu ist, dass bereits in den 1980er Jahren Loren S. Miller, Eigentümer des kalifornischen Pharmaunternehmens International Plant Medicine Corporation (IPMC), versuchte, ein Patent auf die Pflanze Banisteriopsis caapi anzumelden, um den potentiellen „medizinischen Wert der Sorte in der Krebsbehandlung und Psychotherapie“ erforschen zu können. Ein Vorhaben, dass am Amazonas mit größtem Unmut registriert wurde; das Koordinierungsgremium der Organisationen indigener Völker des Amazonasbeckens (Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica, COICA) warf Miller nicht nur Biopiraterie zugunsten der Umsatzsteigerung seines Unternehmens vor, sondern betrachtete die – zumindest befürchtete – Kommerzialisierung ihres rituellen Tranks als religiöses Sakrileg. Und das nicht zu Unrecht, wie die weitere Entwicklung bewies.

In Lateinamerika sind inzwischen „Ayahuasca-Retreats“ entstanden

Denn unbestritten hat sich Ayahuasca inzwischen als wahrer Kassenschlager entwickelt. Was jedoch nicht an Herrn Miller liegt; dessen Patent ist inzwischen verfallen. Längst hat sich ein immenser Markt für die Psychodroge entwickelt, die Ströme von Touristen anlockt. Ein Segen zunächst für viele indigene Gemeinden, für die Ayahuasca inzwischen zur Haupteinnahmequelle geworden ist: Sämtliche benötigten Inhaltsstoffe wachsen im Regenwald, zur Herstellung benötigt es lediglich einen Kessel, was die Produktionskosten auf ein Minimum beschränkt. Mal wird es als Sud oder Gelee auf Märkten verkauft, mal in einer rituellen Zeremonie von Schamanen angeboten.

Eine die Ressourcen unter sich aufteilende Drogenmafia gibt es (noch) nicht, doch längst hat die immense Nachfrage eine umfassende Kommerzialisierung ausgelöst: In Peru, Ecuador oder Kolumbien sind inzwischen „Ayahuasca-Retreats“ entstanden, die speziell auf westliche Besucher überwiegend aus den USA, Großbritannien und Frankreich zugeschnitten sind. Besucher, die durchaus bereit sind, mehrere tausend Euro für ihren von spezialisierten Anbietern weltweit vermittelten „Trip“, ihre psychedelische Reise zu bezahlen.

Allein in der peruanischen Stadt Iquitos gibt es rund 70 behördlich registrierte schamanische Zentren, hinzu kommen unzählige inoffizielle Angebote; die Ausstattung der Orte reicht von luxuriösen Retreats bis hin zu naturnahen Mulden im Dschungel. Die zunehmende Kommerzialisierung allerdings drängt, wie so oft, die Einheimischen und deren Traditionen ins Abseits. Immer tiefer muss in den Regenwald eingedrungen werden, um die benötigten Pflanzen zu finden.

Eingeborene wehren sich gegen Medikalisierung

Auch die mit dem ursprünglichen Wissen ihres Volkes vertrauten Schamanen, die als Fachleute für Wohl und Sicherheit im Drogenrausch sorgen, werden zunehmend von eher experimentell agierenden „Heilern“ ersetzt. Beides führt nicht zuletzt auch dazu, dass der traditionelle Sud inzwischen vielerorts mit Koka, Pilzen, Marihuana oder gar Opium gemischt wird, was gefährliche Effekte wie Psychosen oder gar den Tod auslösen kann.

Wenngleich Ayahuasca seit 2008 als nationales Kulturerbe des Amazonasgebietes gilt, ist das Interesse an seinem therapeutischen Potential im Bereich der Psychomedizin weltweit verbreitet und wird eingehend erforscht. Daher wehren sich indigene Gruppen auch weiterhin gegen die zunehmenden Versuche, den Schamanentrank zu medikalisieren: „Ayahuasca ist kein Psychedelikum, sondern ein fühlendes Wesen.“ Ob dieses Argument die globale Pharmaindustrie überzeugen wird, darf bezweifelt werden.

Aus der JF-Ausgabe 17/26.

Ein Mann braut in Ceu do Mapia, Brasilien, Ayahuasca: Die Droge zieht Touristen an. Foto: 43052 PM, tstargardter|Hold|Held|8/2/2016 31917 AM, Eraldo Peres
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