Liberaler Homo-Nazi?

Wie schön, daß wir eine neue Debatte haben! In bester Sarrazin’scher Manier hat Westerwelle mit einer wahren, aber polternd hervorgebrachten Behauptung die Gemüter erhitzt. Er darf sich der heimlichen Zustimmung vieler Steuerzahler und Volkswirte sicher sein. Ein überbordender Sozialstaat ist auf Dauer einfach nicht finanzierbar. Es war also gut, daß er die öffentliche und deutliche Diskussion angestoßen hat. Jetzt müßte nur noch entsprechend gehandelt werden.

Freilich war absehbar, daß Westerwelle dafür harsche Kritik ernten würde. Schließlich witterten die Roten endlich wieder eine Gelegenheit, sich bei ihrer potentiellen Wählerschaft zu profilieren. Es mutet allerdings aberwitzig an, wenn sie ihm ausgerechnet seine Wortwahl vorwerfen. Nicht etwa, weil der „Duktus“ des Vizekanzlers so einwandfrei und unangreifbar gewesen wäre, das war er nämlich nicht. Sondern weil die Reaktionen auf seine Kritik in ihrer Heftigkeit noch weit über Westerwelles Polemik hinausgingen.

„Im braunen Sumpf“

Da war zum Beispiel SPD-Häuptling Sigmar Gabriel: Er scheute sich nicht, den „Brandstifter“ aus der Schublade hervorzukramen. Wir erinnern uns an Max Frischs Drama, das auch als Parabel auf den Nationalsozialismus gelesen werden kann. Biedermann ließ die Brandstifter ins Haus, vertrieb sie nicht, und sie fackelten es ab. Der gelernte Deutschlehrer Gabriel wird wissen, daß auch andere Interpretationen möglich sind. Aber die Deutung als Parabel auf den Kommunismus wird wohl kaum seine Stoßrichtung gewesen sein. Die herzallerliebste Hannelore Kraft, SPD-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen, behauptete sogar, Westerwelle fische „im braunen Sumpf“.

Politiker sitzen alle im Glashaus

Dabei hat er weder über „Kopftuchmädchen“, noch über den Berliner Gemüsehandel philosophiert. Überhaupt ist Westerwelle politisch und privat dermaßen liberal, daß man sich bei solchen Vorwürfen verwundert die Augen reiben muß; der FDP-Chef quasi als „liberaler Homo-Nazi“. Geht’s noch?

Wenn seine aufgeregten Kritiker nun über seine vermeintliche „Hilflosigkeit“, sein „Getöse“ und seine „fragwürdigen Verallgemeinerungen“ lamentieren, liegen sie vielleicht gar nicht so verkehrt. Aber diesbezüglich sitzen doch alle Politiker miteinander im Glashaus. Irgendwie geht’s ja auch nicht  anders; oder doch?

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