Das Wort Rassismus mit Blutstropfen

„Critical Race Theory“
 

Anti-weiße Haßprediger

Zum ersten Mal seit langer Zeit kommt die Linke zaghaft ins Schleudern. In den USA regt sich Widerstand gegen die „Critical Race Theory“ (CRT) und gegen ihre zentralen Konzepte wie den „systematischen Rassismus“, das „weiße Privileg“ oder das „Weißsein“. Die CRT-Anhänger sind bemüht, kritische Stimmen, die sich nicht der Herrschaft der „neuen Antirassisten“ unterwerfen wollen, als Teil einer Haßkampagne zu brandmarken. Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein linkes oder linksliberales Medium die Kritik an der Ideologie als unsachlich ächten will. „Warum ist das Land in Panik wegen der ‘Kritischen Rassentheorie’?“ fragte auch die New York Times am Mittwoch recht unbedarft, ganz so als würde die Ideologie völlig harmlose Auswirkungen auf die Realität haben. Rassismus zu bekämpfen und die rassistische Geschichte des eigenen Landes aufzuarbeiten, daran kann sich doch eigentlich keiner stören, oder?

Das Interessante ist: Der konfrontative Part im liberal-konservativen Milieu ist personell äußerst dünn besetzt, hat dafür aber bereits einige Wirkungstreffer gelandet. In den USA übernehmen ihn vor allem der Dokumentarfilmer Christopher Rufo und der Mathematiker James Lindsay. Sie bieten öffentlich Paroli, ohne auf die semantischen Taschenspielertricks der CRT-Anhänger hereinzufallen, setzen sich auf dem Blog „New Discoures“ mit den Texten der „Critical Race Theory“ auseinander und tauchen öfter beim Sender „Fox News“ sowie anderen Mainstream-Plattformen auf.

Ansonsten agierte man auf konservativer Seite bislang äußerst behäbig. Auch in der Republikanischen Partei kam das Thema erst spät aufs Tableau. Kein Wunder: Die meisten im liberal-konservativen Spektrum konzentrieren sich noch immer auf bedeutungslose Debatten über Steuererleichterungen oder einen „schlanken“ Staat. Im Höchstfall der Gefühle beschwören sie, verpackt in einem eher peinlich-berührenden Ton, die Rückkehr zu einem gesunden Patriotismus. Dinge also, die im heutigen Kulturkampf kaum Raumgewinne ermöglichen.

Intellektuelles Feld liegt brach

„‘Conservatism, Inc.’ (Red.: wie der Mainstream-Konservatismus in den USA genannt wird) brauchte erst einen Journalisten, um eine Strategie zu erhalten, den neuen rassischen Essentialismus zu bekämpfen“, stellte die ehemalige The Intercept-Reporterin Zaid Jilani am Montag in einem Essay auf der Plattform „The American Mind“ fest. Und lieferte den Grund gleich mit: „Weil zu viel von ‘Conservatism, Inc.’ in den 1980er Jahren feststeckt und wenige eigene Ideen hervorbringt“. Das intellektuelle Feld auf der rechten Seite liegt tatsächlich seit Jahren brach.

Noch am selben Tag schlug auch Abigail Shrier, Journalistin des Wall Street Journal, in dieselbe Kerbe: „Chris Rufo tut etwas, das so spektakulär unkonservativ ist, daß er vielleicht seine politische Zugehörigkeit überprüfen müßte: Er gewinnt.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit sähen sich linke Aktivisten mit ihrem anti-weißen Haß „einer tatsächlichen Gegenwehr gegenüber“. Erst Rufo habe die Amerikaner wachgerüttelt: „‘Anti-Rassismus’“ ist nur Rassismus im progressiven Gewand“, so Shrier.

Die Situation läßt sich in Teilen auch auf Deutschland übertragen. Führende Rollen im Kampf gegen die „neuen Antirassisten“ haben hierzulande liberale Autoren wie Anna Schneider von der Welt oder Judith Sevinç Basad von der Bild übernommen. Wenngleich ihre direkte Quellenkritik (noch) übersichtlich bleibt. Sie reiben sich meist an offensichtlichen Phänomenen, wenn etwa im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein deutscher CRT-Aktivist mal wieder allzu Abstruses vom Stapel gelassen hat. Sie erkennnen die rassistische Denkweise der Aktivisten, die das liberale Individuum bedroht. Doch tatsächlich fällt es ihnen schwer, klar zu benennen, worauf jene Ideologie  hinausläuft: einen explizit anti-weißen Rassismus.

White Supremacy als globales Ausbeutungssystem

Hierfür ist es noch einmal wichtig, sich der zentralen Ziele der „Critical Race Theory“ bewußt zu werden. Denn die CRT verlangt nicht etwa nur eine Umdeutung des Rassismusbegriffs, das heißt die Erkenntnis, daß struktureller Rassismus weißen Mehrheitsgesellschaften stets inhärent ist. Nein, am liebsten würde sie ihn gleich gänzlich loswerden. An seine Stelle soll das Konzept der white supremacy treten, das gemäß Anhängern der CRT eine bessere Beschreibung des ausbeuterischen Weltgeschehens ermöglicht. „Weiße Vorherrschaft ist das unbenannte politische System, das die Welt zu dem gemacht hat, was sie heute ist“, schrieb der jamaikanische Philosoph Charles W. Mills in seinem 1997 erschienenen Buch The Racial Contract. Dieses global agierende System sei „ein bestimmtes Machtgefüge aus formeller und informeller Herrschaft, sozioökonomischen Privilegien und Normen für die unterschiedliche Verteilung von materiellem Reichtum und Chancen, Nutzen und Lasten, Rechten und Pflichten.“

Jene Definition findet sich bis heute in den meisten Schriften der CRT wider, auch unter den deutschsprachigen Aktivisten von Emilia Roig über Naika Foroutan bis hin zu Natasha A. Kelly. Der Fokus der Kritik richtet sich gerade nicht auf offen rassistische Weiße, sondern explizit alle Menschen weißer Hautfarbe. So verdeutlichte David Gillborn, Professor an der University of Birmingham, schon 2005, daß white supremacy nicht „im Sinne des üblichen engen Fokus auf extreme und explizit rassistische Organisationen“ verstanden werden soll, „sondern im Sinne einer zentralen und umfassenden Form des Rassismus, die sich den vereinfachenden Definitionen des liberalen Diskurses entzieht“. Diese Beschreibung eines weißen Machtsystems müsse das Konzept des Rassismus ersetzen, da letzteres dazu neige, den Fokus auf offenkundig rassistische Praktiken zu legen, „die keineswegs die ganze Wahrheit sind“. Der Rückzug auf eine individuelle Verantwortung wird also verneint, schließlich sind alle weißen Menschen Nutznießer dieses Systems, „ob sie wollen oder nicht“, wie Gillborn es ausdrückt.

Ganz gleich, ob eine weiße Person ökonomisch vor dem Abgrund steht und nicht weiß, ob er oder sie die nächste Monatsmiete zahlen kann – ganz unten kann die Person nie ankommen, denn ihre weiße Hautfarbe verspricht Rettung. „Weißsein behält stets seinen Wert als Trostpreis“, erklärte Cheryl Harris, ihres Zeichens Professorin an der University of California, 1993 im Aufsatz „Weißsein als Besitz“. „Es bedeutet nicht, daß alle Weißen gewinnen werden, sondern einfach, daß sie nicht verlieren werden, wenn Verlieren definiert wird als am unteren Ende der sozialen und wirtschaftlichen Hierarchie zu stehen – die Position, zu der Schwarze verdammt sind.“

Menschenverachtende Konsequenz

Seine menschenverachtende, reale Konsequenz findet ein solcher Gedanke etwa in der kürzlich bekanntgewordenen internen Anweisung der größten britischen Obdachlosen-Wohltätigkeitsorganisation „Shelter“. Das Unternehmen klärte seine Mitarbeiter darüber auf, daß auch weiße Obdachlose ihre Privilegien überprüfen müßten. Geschäftsführerin Polly Neate warf weißen Obdachlosen dazu in einem Tweet vor, strukturellen Rassismus aufrechtzuerhalten und von Privilegien aufgrund ihrer Hautfarbe zu profitieren. Egal wie tief man also sinkt, als weißer Mann darfst und kannst du in diesem Weltbild kein Opfer sein. Das Machtsystem, in dem Weiße „individuell und kollektiv“ profitieren, allein durch die „Herrschaft des weißen Rassenprivilegs“, bietet für Minderheiten keinen Schutz, wissen deshalb auch die CRT-Autorinnen Sabina Vaught und Angelina Castagno. Denn: „Weiße rassische Macht durchdringt jede Institution“, wie sie 2008 in ihrem Essay „Ich glaube nicht, daß ich rassistisch bin“ erklärten.

Es ist somit auch kein Zufall, daß sich die „Critical Race Theory“ aus dem Denken einer juristischen Fakultät bzw. der „Critical Legal Theory“ entwickelte. Denn das imaginäre rassistische Gefüge der Mehrheitsgesellschaft kann nur zerschlagen werden, wenn gesetzliche Restriktionen den Anteil von Weißen in allen Institutionen mindern und wenn der Einfluß der autochthonen Bevölkerung minimiert wird. Bereits 1995 schrieb Kimberlé Crenshaw, die Grande Dame der „Kritischen Rassentheorie“: „Das Gesetz produziert soziale Macht und ist das Produkt sozialer Macht“. Es geht um Kontrolle und Herrschaft. Ganz im Sinne des postmodernen Denkens muß das jetzige System dekonstruiert werden.

Denn auch Wissen, Logik oder Vernunft sind lediglich Instrumente, die von weißen Menschen erfunden wurden, um ihre white supremacy zu erhalten. „Wissen wird immer noch als universell, objektiv und neutral betrachtet“, beklagte Emilia Roig vergangene Woche im Deutschlandfunk Kultur. „Wir müssen anerkennen, daß Wissensproduktion immer noch von weißen Menschen, männlichen Menschen und Menschen aus dem globalen Norden dominiert wird.“ Noch drastischer formulierte es der Historiker Noel Ignatiev vor 25 Jahren, als er die Abwicklung des problematischen „sozialen Konstrukts“ von whiteness erörterte: „Der Schlüssel zur Lösung der sozialen Probleme ist die Abschaffung der weißen Rasse.“

In nordamerikanischen und europäischen Ländern wird die weiße Mehrheitsgesellschaft damit zwangsläufig zum Feind des häufig sogar von weißen Personen implementierten woken Glaubensbekenntnisses. In der Sprache der Aktivisten werden Personen wie Horst Seehofer (CSU) somit zu „Token“, die noch immer denken, hier gehe es darum, Rassismus zu bekämpfen, wenn sich jedoch zeitgleich der anti-weiße Rassismus bereits eingeschlichen hat.

Schrullige Gäste einer Hausparty

Doch die häufige Weigerung, jene Ideologie in der Konsequenz auch als anti-weiße Ideologie zu brandmarken, hat natürlich Gründe. Liberale und Konservative haben meist den moralischen Argumentationsrahmen des Gegners akzeptiert. Sie spielen somit immer in der Defensive. Ihre Antworten sind Teil der dialektischen Strategie der Linken. Wenn du im Traum des anderen gefangen bist, gibt es aus diesem auch kein Entkommen mehr. CRT-Ideologen werden von Konservativen deshalb noch immer wie schrullige Gäste einer Hausparty behandelt. Man tuschelt ein wenig und lächelt über ihre Obszönitäten, ihre Sonderbarkeit. Trotz allem geht man davon aus, daß doch alle gemeinsam nett und höflich zusammenleben wollen. Und man doch irgendwie diesen Rassismus aus der Welt schaffen will. Solange Redefreiheit, freie Glaubensausübung und Rechtsstaatlichkeit einigermaßen gewahrt sind, ist doch alles in Ordnung, oder nicht?

Ob Chris Rufo, James Lindsay oder Judith Sevinç Basad – sie alle haben diese Lüge erkannt. Doch auch ihre Antwort fokussiert sich nicht auf den Haß gegenüber weißen Personen, sondern lediglich auf die Verneinung des eigenverantwortlichen Individuums. Sie nehmen den CRT-Aktivisten den Ball ab, attackieren aber nicht das gegnerische Tor, sondern bleiben an der Mittellinie stehen, wodurch der nächste Angriff auf das eigene Tor nur eine Frage der Zeit ist. Daß der Liberalismus jene Zustände erst befördert hat, bleibt außen vor.

Man kann noch hundertmal die Heuchelei der Antirassisten kritisieren, die neuesten woken Streiche verlachen oder wie der US-Moderator Dave Rubin in jedem Gespräch mantraartig wiederholen, wie verrückt doch die Linke mittlerweile geworden ist. Es wird nichts mehr ändern. Antirassismus heißt die Religion unserer Zeit. Liberale, aber auch die meisten heutigen Konservativen, haben vor nichts mehr Angst als auszusprechen, daß Europäer endlich eine „geistig-moralische Verteidigungslinie ziehen“ müssen, hinter der sie eine „neue Kraft für eine kühle Interessenvertretung“ schöpfen können (Thorsten Hinz). Wer auf das veritable Gruppeninteresse der Antirassisten nur mit dem Verweis auf ein universalistisches Prinzip der Freiheit antwortet, dessen Ansatz ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

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