Ölförderanlage
Ölförderanlage: Der Druck für den zügigen Exit aus dem Lockdown steigt Foto: imago images / ITAR-TASS
Amerikanischer Ölpreis bei minus 40 Dollar

Katastrophe mit Lichtblick

Vor einer Woche schien die Ölbranche aufzuatmen. Die 13 Mitgliedsländer der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), Rußland, Mexiko und Förderweltmeister USA einigten sich auf eine beispiellose Drosselung der Ölproduktion. Im Mai und Juni sollen insgesamt 9,7 Millionen Barrel (Faß je 159 Liter) weniger gefördert, bis Ende April 2022 die Förderlimits an die Nachfrage angepaßt werden. Das sei ein „großartigen Deal für alle“, twitterte US-Präsident Donald Trump. Zuvor hatte die Ölförderausweitung in Rußland und Saudi Arabien bereits zu Beginn des Jahres den Rohölpreis unter starken Abwärtsdruck gesetzt. Gleichzeitig kam die Corona-Krise – erst in China, kurz darauf weltweit.

Und der globale „Lockdown“ – der politisch verordnete Wirtschaftsstillstand – trifft nun den Markt für Rohöl ganz besonders hart. Die ausgehandelte Förderkürzung reicht nicht aus, um das Überangebot im Rohölmarkt abzubauen: Der Autoverkehr ist stark verringert, Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen, Flugzeuge fliegen nicht, Firmen haben die Produktion eingestellt. Für den Monat April schätzt die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris den Rohölnachfragerückgang auf 29 Millionen Faß pro Tag gegenüber dem Vorjahresmonat – was einem Rückfall auf das Nachfrageniveau des Jahres 1995 gleichkommt.

Markt stuft Preisverfall als vorübergehende Erscheinung ein

Vor einem Jahr kostete ein Faß der Nordseeölsorte Brent (Spot) noch über 70 Dollar. Im Januar dieses Jahres waren es noch 58 Dollar, am 20. April lag der Preis bei nur noch 21,74 Dollar – ein Preisrutsch von etwa 63 Prozent. Für besonderes Aufsehen sorgte, daß am selben Tag der Preis für die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) – die Benchmark für US-Rohöl – negativ wurde: Er fiel kurzzeitig auf minus 40 Dollar. Was war da los?

Der Mai-Futurekontrakt für WTI wird heute, am 21. April 2020, fällig. Händler haben vermutlich solche Terminkontrakte verkauft, um die physischen Lieferung zu vermeiden: weil befürchtet wurde, daß Käufer für das Rohöl ausbleiben und daher Kosten für die Lagerung (und hier gibt es bereits Engpässe) entstehen. Daher erschien es Future-Long-Händlern kostengünstiger, die Abnehmer des Rohöls zu bezahlen. Der Preis des Juni-Futurekontrakts für WTI fiel zwar ebenfalls im Tageshandel stark, blieb aber oberhalb von 20 Dollar – ein Indiz, daß die Marktteilnehmer den drastischen Preisverfall als eine vorübergehende Erscheinung einstufen.

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Allerdings ist der Terminmarkt häufig kein verläßlicher Ratgeber für die Zukunft. Hinzu kommen physische und regionale Unterschiede. Es muß dabei zwischen „waterborne“ und „landlocked“ Rohölsorten unterschieden werden. Erstere werden nahe Wasserwegen gefördert und abgesetzt wie das Nordseeöl Brent, zweitere haben längere Lieferwege zu Wasserwegen wie WTI. Für das geförderte „Landlocked“-Rohöl aus den USA, Kanada oder Rußland werden mittlerweile die Speicherkapazitäten knapp, während Waterborne-Rohöl immer noch leicht auf Tanker verbracht und gelagert werden kann.

Mit Jahrzehnte währenden Trend gebrochen

Das hat dazu geführt, daß jüngst der Preis für WTI deutlich stärker gefallen ist als der Preis für Brent. Am Dienstag vormittag waren es minus 0,29 Dollar für WTI und über 22 Dollar für Brent. Deshalb – und wegen des hohen Steuer- und Abgabenanteils – sind die deutschen Tankstellenpreise kaum gesunken. In Florida war der Liter hingegen für umgerechnet 35 Cent zu bekommen.

Neben diesen eher „technischen Erklärungen“ des Rohölpreisverfalls drängt sich die Frage auf: Signalisiert der Rohölpreisverfall ein düsteres Rezessions-Depressions-Szenario für die Weltwirtschaft? Das könnte man vielleicht aus dem Preisverhältnis zwischen Gold und Rohöl ablesen: Spätestens seit Anfang 2019 entwickeln sich Gold- und Ölpreis auffällig stark auseinander – und haben damit mit einem Jahrzehnte währenden Trend gebrochen. Doch vermutlich ist die Sache nicht ganz so einfach.

Natürlich droht eine wirtschaftliche Katastrophe, wenn die Volkswirtschaften dem „Shutdown“ nicht rechtzeitig entkommen; je länger er andauert, desto größer wird die Gefahr. Der politischen Druck für den zügigen Exit aus dem Lockdown steigt aber – daher nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, daß sich die kritische Lage in einer Weise entspannt, die aus aktueller Sicht vermutlich nicht für möglich gehalten wird.

Zudem überfluten die Zentralbanken die Finanzmärkte mit neuem Geld. Werden die Marktzinsen auf extrem niedrige Niveau gedrückt und dort halten werden, kann daraus ein neuerlicher, liquiditätsgetriebener Aufschwung erwachsen – bis zum nächsten Crash.

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Prof. Dr. Thorsten Polleit ist Volkswirtschaftler und Präsident des Mises-Instituts.

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