Spieler von Hannover 96 protestieren gegen Rassismus Foto (Archivbild): picture alliance / dpa
Politisierung des Fußballs

Offene Flanke

Alles begann vor Jahren wie auf einem Appellplatz: Die Mannschaftskapitäne mußten vor Anpfiff vorgefertigte Erklärungen verlesen. Daß DFB-Spielführer Philipp Lahm dabei wie ein Jungpionier wirkte, lag nur zum Teil an seiner körperlichen Statur. Sportler für die politische Propaganda zu instrumentalisieren, gehört zu den Erkennungszeichen undemokratischer Staaten. Inzwischen entwickeln sich Fußballbund und Bundesliga-Klubs zu politischen Vorfeldorganisationen, deren hartes Regime aktuell gleich in mehreren Fällen sichtbar wird. Gerade weil er in Deutschland die schönste Nebensache der Welt ist, haben Funktionäre – nicht selten Parteimitglieder – den Fußball zum Kampfplatz ihrer politischen Ideologie auserkoren. In dieser Arena darf es nur einen Sieger geben.

Nicht nur Schalke 04 hat sich ein Statut mit einem verpflichtenden Bekenntnis gegen Rassismus, Diskriminierung und für Multikulti gegeben. Fans, die dagegen verstoßen, erhalten Stadionverbot. Insofern verdient dessen Aufsichtsratsvorsitzender, Clemens Tönnies, wegen der ihm entgegenschlagenden Feindseligkeit kein Mitleid. Seine flapsige, aber berechtigte Äußerung zur Bevölkerungsexplosion in Afrika zählt zu den Tabus, die der Patriarch selbst geschaffen hat und für die er sich einst auf die Schultern klopfen ließ.

Aufgebauschter „Hitler-Skandal“

Daß nahezu alle Medien fordern, mit einer dreimonatigen Suspendierung Tönnies’ sei es nicht getan, sondern der Schalke-Funktionär müsse für alle Zeiten entsorgt werden, unterstreicht die totalitären Züge, die der Kampf um den Fußball angenommen hat. Selbst seine mehrfach geübte Selbstkritik schützt den 63jährigen nicht. Unwillkürlich kommen die von Wolfgang Leonhard geschilderten stalinistischen Kritik- und Selbstkritik-Tribunale und der Titel seines Buches „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ in Erinnerung.

Die Rassismuskeule hat auch Patrick Owomoyela getroffen. Der dunkelhäutige Rasta-Mann von Borussia Dortmund veralberte als Kommentator bei einem Testspiel gegen einen italienischen Verein im Klub-TV Namen der Gegenspieler und sprach einen Satz über eine „Schlacht“ im Hitler-Tonfall. Der Ex-Nationalspieler meinte es spaßig. Doch nun war Schluß mit lustig. Genau wie Tönnies warf er sich gleich mehrfach in den Staub. Die Bild-Zeitung wetterte über einen „Hitler-Skandal“, und die Vereinsführung distanzierte sich von dem 39jährigen öffentlich und heftig.

Immer wieder betonen die Funktionäre, die sich als verlängerter Arm der Merkel-Republik begreifen, Politik habe rund um den Fußball nichts verloren. Was sie tatsächlich meinen: Die Sportarena als riesiger Stammtisch der Nation mit Volkes Stimme muß ein Ende haben. Unlängst erklärten Eintracht Frankfurt und Werder Bremen – unter dem Jubel von Medien und Politik – AfD-Wähler zu unerwünschten Subjekten im Stadion.

Frahn mußte gehen, Jatta bekommt Lob

Doch im Namen der Entpolitisierung wird der Fußball richtig politisiert. Im Namen der Toleranz toleriert der Deutsche Fußballbund (DFB) nur eine Weltsicht. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise mußten die Spieler mit „Refugees welcome“-Stickern auf dem Ärmel wie Antifa-Litfaßsäulen über den Platz rennen. Und vor den Geschäftsstellen flattern – nicht nur bei Hertha BSC – statt der Vereins- die Regenbogenflaggen. Der Klub wünscht sich bei seiner gesellschaftlichen Neuausrichtung einen Stadionblock „voller Transen und Dragqueens“.

Der VfL Wolfsburg hält inzwischen auch die Eckfahnen und die Kapitänsbinde in den Farben der Schwulenbewegung. Der Spielführer verlor sein Amt, weil er das monierte. In dieser rauschhaften Stimmung kann jeder interpretationswürdige Schritt das Karriereende bedeuten. Der Kapitän des Drittligisten Chemnitzer FC, Daniel Frahn, setzte sich, als er kürzlich ausfiel, zu den Fans in die Kurve. Daraufhin erhielt er die fristlose Kündigung. Denn die Anhänger, neben denen er seine Kollegen anfeuerte, gelten als „rechts“. Was ist mit dem Fußball und dem Land geschehen, wenn ein Verein seinen besten Spieler feuert, weil der politisch nicht mehr zuverlässig sein soll?

Anders als Frahn, der sich juristisch nichts zuschulden hat kommen lassen, kann ein mutmaßlicher Straftäter auf die Loyalität seines Vereins setzen. Offenbar spielt HSV-Kicker Bakery Jatta unter einem Fake-Namen und mit um zweieinhalb Jahre zurückdatiertem Geburtsdatum. Der Hamburger Zweitligist aber lobt den mutmaßlichen Betrüger als „tadellosen Sportsmann“ und „verläßlichen Mitspieler“.

Moralische Entrüstung blieb aus

Jattas Fußball-Märchen vom „Schutzsuchenden“ zum Bundesliga-Profi, das Journalisten ausgiebig feierten, war wohl ein echtes Märchen. Der damals angeblich 17jährige, minderjährige unbegleitete Flüchtling wollte 2015 bei seiner Ankunft in Deutschland noch nie in einem Verein gespielt haben. In Wirklichkeit aber hat er wohl unter seinem richtigen Namen in Afrika eine beachtliche Karriere hingelegt. Schon 2016 hatte der HSV davon Wind bekommen, wollte jedoch „die Story des Wunder-Flüchtlings“ nicht zerstören. Zwar prüft der DFB Konsequenzen, aber moralische Entrüstung, die er sonst perfekt beherrscht, bleibt aus.

Der Fall berührt eine offene Flanke. Wenn es möglich ist, mit falschen Papieren bis auf die Profi-Bühne zu gelangen, wie steht es dann allgemein um die Seriosität der vergötterten Einwanderungspolitik? Die Funktionäre müßten einräumen, daß Skeptiker ihrer Zuwanderungs-Jubelkampagne kein Stadionverbot, sondern eine Bitte um Entschuldigung verdient hätten. Aber auch Selbstkritik ist im deutschen Fußball nur in eine Richtung statthaft.

JF 34/19

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