Noch lachen sie: Ralf Stegner und Gesine Schwan wollen als Doppelspitze die SPD führen Foto: picture alliance / NurPhoto
Vakanter SPD-Vorsitz

Bauer hat Frau gefunden

Seit Freitag ist es offiziell: Ralf Stegner und Gesine Schwan bewerben sich gemeinsam für den SPD-Vorsitz. Gemeinsam deshalb, weil Doppelspitze neuerdings Trumpf ist bei den Sozialdemokraten, die, wie alle anderen Parteien derzeit, von den Grünen wieder das Siegen lernen wollen. Noch vor wenigen Tagen hieß es aus diesem Grund in den deutschen Medien etwas irreführend: „Ralf Stegner sucht eine Frau!“ Gemeint war eine politische Partnerin, mit der er im Tandem die Spitze seiner Partei erklimmen kann. Kurz vor Toresschluß hat Ralf Stegner nun also noch eine Frau gefunden, auch wenn es eben nur Gesine Schwan ist. In der Not, so sagt man, frißt der Teufel Fliegen.

Dabei wäre Stegner durchaus auch alleine für das Amt des Parteichefs geeignet gewesen. Als Gesicht der SPD, in ihrem jetzigen Zustand, wäre Stegner, den böse Zungen auch „Grumpy Cat“ nennen, wahrscheinlich sogar die absolute Idealbesetzung gewesen. Wobei er auf der Bundespressekonferenz, wo er und Schwan ihre Kandidatur den anwesenden Journalisten erklärten, ungewohnt heiter, ja regelrecht gutgelaunt wirkte. Aber auch von depressiven Selbstmördern wird oft berichtet, daß ihr Umfeld sie, in den letzten Tagen vor ihrem Freitod, auffallend gelöst und unbeschwert erlebt hat.

Politischer Schleudersitz

Daß die Kandidatur für den SPD-Parteivorsitz eine Art Selbstmordkommando ist, wurde in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Auch den beiden sozialdemokratischen Urgesteinen scheint es mehr als bewußt zu sein. Daß sie, trotz ihres fortgeschrittenen Alters, noch einmal antreten, um frischen Wind in die Partei zu bringen, erklären Schwan und Stegner unter anderem auch damit, daß viele ihrer jüngeren Genossen Angst vor dem politischen Schleudersitz haben. Das Spitzenamt der SPD werde als schwierig beschrieben, sagte Schwan, und fügte hinzu: „Das halten wir beide aus.“ Auch Stegner zeigte sich selbstbewußt und verwies darauf, daß er „jede Menge Kampfkraft“ mitbringe.

Wer den beiden Alt-Kandidaten zugehört hat, hätte den Eindruck bekommen können, sie würden sich auf einen Kriegseinsatz oder zumindest einen Schwergewichtskampf im Käfig der UFC vorbereiten. Die beiden erfahrenen Sozialdemokraten wissen, mit welch schmerzvollen Erfahrungen ihr Vorhaben verbunden sein kann und werden nicht müde, das zu betonen. Ob sie sich damit selbst Mut zusprechen oder eher eine Warnung an potentielle Gegner aussprechen wollen, wurde auf der Bundespressekonferenz noch nicht so ganz klar.

Unbekannte Töne

Ihre Partei sieht das Duo in einer „sehr, sehr tiefen existenziellen Krise“, aus der es sie herausführen will. Vieles, was die SPD seit ihrer Gründung erreicht habe, sei heute wieder in Frage gestellt. Die beiden Sozialdemokraten beklagen die Folgen der Globalisierung und sogar die Tatsache, daß der Nationalstaat, der bisher Garant für das Erkämpfte gewesen sei, an Bedeutung verloren habe. Zumindest diese Grundanalyse dürfte auf breite Zustimmung stoßen.

Auch beim Thema Zuwanderung und „Vielfalt“ schlugen Stegner und Schwan überraschende, von deutschen Sozialdemokraten kaum noch gekannte Töne an. Hier soll das Volk doch in Zukunft tatsächlich ein Mitspracherecht haben. Auch ganz allgemein wünschen sich die beiden angeblich mehr direkte Beteiligung an Demokratie.

Und dann die unangenehme Überraschung

Bevor einige jetzt aber Stegner und Schwan im ersten Freudenüberschwang über deren neugewonnene Erkenntnisse schon im neurechten oder konservativen Lager begrüßen wollen, sollte an dieser Stelle betont werden, daß die beiden Kandidaten große Teile der ihnen in der Bundespressekonferenz zur Verfügung stehenden Zeit darauf verwendet haben, gegen alle zu schießen, die all das schon lange vor ihnen gesagt haben. Stegner sprach einmal wieder sehr viel davon, Themenfelder nicht den „Populisten“ und „Rechtsradikalen“ zu überlassen. Die „Feinde sind nicht in der eigenen Partei“, sagte der sozialdemokratische Vorzeigedemokrat mit Blick auf den politischen Gegner.

Auch wenn Ralf Stegner bei der Pressekonferenz so unbeschwert und gelöst wie selten wirkte, einer dürfte ihm dann doch ein wenig die Laune verdorben haben. Kurz vor seinem großen Auftritt an der Seite von Gesine Schwan wurde bekannt, daß offenbar auch Olaf Scholz für den Parteivorsitz kandidieren will. Mit welcher Frau hat er zwar noch nicht verraten. Das spart sich der hanseatische Stratege vermutlich für die nächste große Pressekonferenz zweier seiner Konkurrenten auf.

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