Der Rassebegriff in der Wissenschaft

Die Jenaer Erklärung auf dem Prüfstand

Die Deutsche Zoologische Gesellschaft und die Universität Jena haben in einer jüngst veröffentlichten Erklärung den Rassenbegriff für Menschen zurückgewiesen. Dies gebiete die „wissenschaftliche Redlichkeit“.

Tatsächlich positioniert sich die Jenaer Erklärung gegen Rassismus und Rassen gleichermaßen. Sie ist also politisches und wissenschaftliches Statement in einem – was die Frage aufwirft, ob die beiden Ebenen miteinander vermischt werden.

Eindringlich wird die millionenfache Versklavung und Ermordung aus rassistischen Motiven angeprangert. Als historische Beispiele dienen die nationalsozialistische Rassenhygiene, die Apartheid in Südafrika, aber auch die heutige Fremdenfeindlichkeit. Diese Verbrechen sind unbestritten – haben jedoch in einer biologischen Auseinandersetzung keine Aussagekraft. Genausowenig widerlegen die Hunderttausenden Toten der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki die Quantentheorie – im Gegenteil!

Gene variieren innerhalb einer Spezies

Ein oft vorgebrachtes Argument besagt, daß sich Europäer, Afrikaner, Asiaten und andere Ethnien nur zu etwa 1/10.000 in ihrem Erbgut unterscheiden – bei derartig kleinen Unterschieden sei der Rassenbegriff nicht angebracht. Diese Aussage ist wahr und falsch zugleich.

Tatsächlich ähneln sich Europäer, Afrikaner, Asiaten und weitere bezüglich ihres Erbguts stark – allerdings sind Menschen und Menschenaffen auch zu 98 bis 99 Prozent genetisch identisch. Unsere Verwandtschaft mit den meisten Säugetieren beträgt etwa 90 Prozent. Insekten ähneln wir zu etwa 60 bis 70 Prozent und selbst mit den meisten Pflanzen teilen wir uns etwa 50 Prozent unserer Gene.

Ein Großteil des Erbguts ist für grundlegende chemische Funktionen verantwortlich und daher bei allen Lebewesen identisch. Um so entscheidender sind die Gene, die nur innerhalb einer Spezies variieren. Dort zeigt sich: Die Menschenrassen unterscheiden sich etwa zu 15 Prozent.

Und der Neandertaler?

Das heißt, daß die Variation innerhalb einer Rasse größer ist als die Variation zwischen den Rassen, doch gilt dies auch im Tierreich. Bei Säugetieren unterscheiden sich die Rassen zu etwa fünf bis 25 Prozent – der Mensch liegt also genau im Mittelfeld. Bei Hunderassen, die gezielt auf bestimmte Merkmale hin gezüchtet werden, können die Unterschiede noch bedeutender ausfallen – dies trifft aber ebenso auf isoliert lebende menschliche Inselpopulationen zu.

Tatsächlich gibt es keine Gene, die exklusiv bei einer einzelnen Rasse auftreten. Ein bestimmtes Gen mag beispielsweise bei Europäern mit einer Häufigkeit von 20 Prozent vorkommen, bei Afrikanern zu 30 Prozent und bei Asiaten zu 40 Prozent. Es ist daher für sich betrachtet nicht in der Lage, seinen Träger zweifelsfrei zu identifizieren. Nimmt man jedoch mehrere dieser Merkmale zusammen, ergibt sich daraus sehr schnell eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit.

Was ist eigentlich mit den Neandertalern? Da sie ausgestorben sind, können sie nicht mehr rassistisch diskriminiert werden – wohl deswegen werden sie oft als separate Menschenrasse bezeichnet. Um sich dieser Frage zu nähern, wählte der amerikanische Genetiker David Reich als Maßstab den durchschnittlichen genetischen Abstand zwischen Menschen und Schimpansen, den er als 100 Prozent definierte. Nach diesem Kriterium unterscheiden sich die einzelnen heutigen Menschenrassen zu sechs bis neun Prozent, Neandertaler und heutige Menschen hingegen zu etwa zwölf Prozent. Die Zahlen liegen also in einer vergleichbaren Größenordnung.

Erbkrankheiten haben genetische Ursachen

Die Jenaer Wissenschaftler weisen darauf hin, daß es keine trennscharfen Grenzen zwischen den Menschenrassen gibt und jede Einteilung daher willkürlich erfolgt. Soweit korrekt. Kein Marker im Erbgut definiert die Schwelle vom Europäer zum Afrikaner. Stattdessen gibt es einen fließenden Übergang. Dies würde aber in allen anderen Lebensbereichen nicht als Argument gelten. Das Farbspektrum ist ein fließender Übergang – doch niemand würde deswegen behaupten, nicht Rot, Grün, Gelb oder Blau unterscheiden zu können.

Eine Unterteilung der Menschheit in Rassen ist tatsächlich mit Willkür verbunden – allerdings ergeben sich aus einer solchen Einteilung reale Unterschiede. Bestimmte Erbkrankheiten treten auf den Kontinenten mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit auf. Europäer leiden fast nie unter der Sichelzellenanämie, Afrikaner vergleichsweise häufig.

Wissenschaftler hatten schon lange vermutet, daß die höhere Prostatakrebsrate unter Afroamerikanern genetische Ursachen hat. Wie aber kann man diesen Effekt von anderen Einflußfaktoren wie dem oftmals niedrigeren Sozialstatus trennen? David Reich machte sich den Umstand zunutze, daß Afroamerikaner im Schnitt zu 80 Prozent afrikanischer und 20 Prozent europäischer Abstammung sind. Diese Werte können jedoch im Einzelfall variieren und tatsächlich ließ sich zeigen, daß Afroamerikaner um so seltener an Prostatakrebs leiden, je höher ihr europäischer Erbanteil ist. Mit diesem Ansatz ließen sich auch einzelne Genregionen identifizieren, die maßgeblich für die Krankheit verantwortlich sind. So ist die gezielte Vorsorgeuntersuchung von Risikopatienten möglich.

Die Jenaer Forscher lehnen sich aus dem Fenster

Rassenunterschiede lassen sich dann besonders einfach nachweisen, wenn ein bestimmtes Merkmal (wie eine Krankheit) entweder vorliegt oder nicht und wenn dieses Merkmal nur von sehr wenigen Genen bestimmt wird. Die menschliche Intelligenz hingegen ist ein sehr viel komplexeres Merkmal und wird neben den sozialen Umständen von einer Vielzahl an Genen beeinflusst. Ob der im IQ-Test gemessene Unterschied zwischen Europäern und Afrikanern also womöglich rassisch bedingt ist, läßt sich im Augenblick noch nicht mit Gewißheit sagen.

Die Jenaer Forscher sind also äußerst selbstbewußt, wenn sie ohne ausreichende Forschungsergebnisse verkünden, die These, Menschen würden sich in „genetisch fixierten Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen“ unterscheiden, sei eindeutig widerlegt. Die hierfür nötigen genome-wide association studies (GWAS) befinden sich derzeit noch in den Kinderschuhen, sie werden aber in den 20ern, spätestens in den 30ern völlig neue Erkenntnisse liefern.

Tierpflegerin mit Schimpanse: Das Erbgut von Menschen und Menschenaffen ist zu 98 bis 99 Prozent identisch – was nichts über Unterschiede zwischen Menschenrassen aussagt Foto: picture alliance/WILDLIFE

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

All articles loaded
No more articles to load

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load