Demonstration am polnischen Unabhängigkeitstag in Warschau 2016 Foto: picture alliance / dpa
Wahl in Polen

Bastion gegen Brüssel

Am heutigen Sonntag findet, von den meisten westeuropäischen Medien ignoriert, eine Wahl statt, welche nicht nur über die Zukunft Ostmitteleuropas, sondern vielleicht sogar des gesamten Kontinents entscheiden wird: die polnische Parlamentswahl.

Was vielleicht auf den ersten Blick allzu bombastisch klingen mag, ist wahrscheinlich sogar noch zu bescheiden formuliert. Denn sollte die gegenwärtige Regierung weiterhin die Mehrheit erhalten, ist die Hoffnung auf eine konservative Erneuerung zumindest der östlichen Hälfte Europas nicht vergebens. Sollte es allerdings zu einer Machtübernahme der linksliberalen Opposition kommen, dürfte einer völligen Gleichschaltung des Kontinents unter politisch korrekten Vorzeichen nichts mehr im Wege stehen.

Das Land zwischen Oder und Bug ist selbst bei seinen deutschen Nachbarn immer noch ein großer Unbekannter. Findet man Polen überhaupt irgendwo in den Medien erwähnt, so geschieht dies meist irgendwo zwischen dem mittlerweile obligaten Kotau vor der EU und der ebenso obligaten Anti-Trump-Meldung. Die Rechtsstaatlichkeit werde abgeschafft, heißt es; die Minderheitenrechte unterdrückt; die Frauenemanzipation aufgehalten; religiöse Toleranz abgebaut; der Klimawandel nicht ernst genommen; EU-Gelder ohne jegliche Gegenleistung eingesteckt; die Medienunabhängigkeit bedroht; irrsinnige Reparationszahlungen von Deutschland gefordert; der „europäische Geist“ verleugnet, und so weiter.

Liebe zum Eigenen

Wann aber wurde je einmal darüber reflektiert, daß die polnische Rechtsreform nur die Dominanz linksliberaler Richter-Cliquen parlamentarischer Kontrolle unterwerfen will? Daß man die LGBTQ-Bewegung als Hebel betrachtet, mit dem die Familie und somit die wichtigste außerstaatliche Quelle gesellschaftlicher Kohäsion geschwächt werden soll? Daß der Wunsch nach „Selbstentfaltung“ nicht gleichbedeutend mit der fast industriellen Tötung ungeborener Kinder sein darf? Daß man Parallelgesellschaften wie überall in Paris, London oder Berlin vermeiden will und daher lieber zu jener Religion hält, welche über Jahrhunderte das Fundament der abendländischen Kultur gebildet hat?

Daß es immer noch besser ist, Energieproduktion und Industrie auf eigene Kräfte zu gründen, anstatt sich unter dem Druck zweifelhafter Klima-Lobbys in die Steinzeit zurückzuentwickeln oder in die Abhängigkeit von Zulieferern wie Rußland oder China zu begeben? Daß die EU-Gelder nur ein gerechter Ausgleich dafür sind, daß die polnische Wirtschaft seit den neunziger Jahren schutzlos dem westlichen Kapital ausgeliefert wurde?

Daß öffentlich-rechtliche Medien eben auch etwas anderes als linksgrüne Durchhalteparolen verbreiten können? Daß die Überheblichkeit, mit der die Regierung Merkel über die Zusammensetzung der polnischen Bevölkerung entscheiden will, das Trauma früherer deutscher Umvolkungsversuche wachruft? Daß der europäische Geist für die Polen eben nicht mit dem Jahre 1789 assoziiert wird, sondern vielmehr 1683, als das polnische Heer bei der Schlacht am Kahlenberg ganz Mitteleuropa vor dem Ansturm des Islams rettete?

Dorn im Auge linksliberaler Politiker

Polen ist verständlicherweise, mehr noch als Ungarn, ein Dorn im Auge vieler linksliberaler Politiker. Nicht, weil die weitgehend nach innen wirkende PiS-Regierung das in Westeuropa vorherrschende System offen angreifen würde, sondern weil sie täglich zeigt, daß der gegenwärtige kulturelle, demographische, wirtschaftliche und politische Niedergang Europas eben nicht völlig „alternativlos“ ist, sondern im Gegenteil einen Irrweg darstellt, der unserer Zivilisation irreparable Schäden zufügt.

Gerade daher ist jener stille, aber beharrliche Widerstand der polnischen Bevölkerungsmehrheit gegen den vermeintlichen Zeitgeist für seine Gegner im In- und Ausland unerträglich, zumal er beginnt, breitere Kreise zu ziehen und mit Hilfe der Visegrad-Union oder der Drei-Meeres-Initiative zu demonstrieren, daß auch jenseits der EU eine enge europäische Zusammenarbeit möglich ist und man durchaus mit allen Kräften eine „hesperialistische“, eine christlich-abendländische europäische Vereinigung fördern kann, ohne sich der Seelenlosigkeit des Brüsseler Paragraphenapparats zu unterwerfen oder die Liebe zur abendländischen Kultur einem chimärischen Multikulturalismus zu opfern.

Zeichen stehen auf Sieg der PiS-Regierung

Wenn die nächste Eurokrise zuschlägt, stehen die Chancen daher nicht schlecht, daß Westeuropa in einen Abgrund, Ostmitteleuropa unter Führung Polens aber „nur“ in ein Schlagloch stürzt und späteren Generationen ein letztes Abbild dessen vermitteln wird, wie einmal das „echte“ Abendland aussah. Allein dies schon erklärt, mit welcher Energie daran gearbeitet wird, auch Polen als letzten bedeutenden europäischen Staat zum Einscheren in den Konsens politischer Korrektheit zu zwingen. Ob es der polnischen Bevölkerung gelingen wird, ein weiteres Mal in ihrer tragischen Geschichte erfolgreich dem Zwang zur Selbstaufgabe zu widerstehen?

Die anstehenden Wahlen werden hieran wohl entscheidenden Anteil tragen. Alle Zeichen lassen einen Sieg der Regierungspartei erwarten. Sollte dies der Fall sein, könnte sich Polen, im Verein mit Ungarn, im Laufe der nächsten Legislaturperiode tatsächlich zur Keimzelle eines alternativen Europas entwickeln und auch jenen anderen europäischen Parteien, die sich um eine Einigung des Kontinents aus dem Geiste christlich-abendländischer Identität bemühen, als Vorbild und Bundesgenosse dienen. Höchste Zeit wäre es jedenfalls.

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Prof. Dr. David Engels ist Professor für Römische Geschichte in Brüssel und forscht am Instytut Zachodni in Posen.

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Demonstration am polnischen Unabhängigkeitstag in Warschau 2016 Foto: picture alliance / dpa

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