Herr Göcken, sind Sie ein Opfer von Zensur?
Fred Göcken: So würde ich das nicht sehen.
Aber für Ihre öffentliche Kritik sind Sie doch fristlos gekündigt worden.
Göcken: Das Problem ist eher, dass seitens des Jobcenters Bremen eine Art Kadavergehorsam erwartet wird: Wer aus der Reihe tanzt, wird fristlos entlassen.
Es geht also nur darum, Ihren Ungehorsam zu bestrafen, Ihre Kündigung zielt nicht darauf, zu verhindern, dass auch andere Mitarbeiter auspacken?
Göcken: Natürlich möchte man auch nicht, dass aus der Sache etwas Großes wird. Wobei ja gerade meine Entlassung dazu geführt hat, dass mein Fall nun richtig bekannt geworden ist, denn kaum eine Zeitung, die nicht darüber berichtet hat.
Göcken: „Die Bürger werden verhohnepiepelt“
Bereits Ihr Auftritt in der ZDF-Reportage von Sarah Tacke „Am Puls. System Bürgergeld – leben ohne Leistung“ vom 14. Mai hat eine bundesweite Debatte über Sozialmissbrauch ausgelöst. Denn während sonst die Zahl sogenannter Totalverweigerer mit unter einem Prozent angegeben wird, haben Sie in der Sendung damit überrascht, dass 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbezieher falsche Angaben machen.
Göcken: Ja, das Gerede von dem einen Prozent Totalverweigerern, war für mich die Initialzündung, aufzustehen und den Mund aufzumachen. Und zwar weil es nicht um die Totalverweigerer geht, also um jene, die sich grundsätzlich gegen jede Zusammenarbeit mit dem Jobcenter sperren. Die sind vielmehr ein Nebenaspekt, mit dem man die Bürger verhohnepiepelt, weil ihnen vorgegaukelt wird, diese Leute seien das Problem.
Nein, das Problem ist die enorme Anzahl derer, die sich im Bürgergeld eingerichtet haben. Die sich nicht total verweigern, sondern die genau wissen, bis zu welchem Punkt sie gehen können, ohne dass ihnen etwas passiert und auf diese Weise das System ausnutzen.
Zum Beispiel?
Göcken: Solche Leute nehmen etwa eine vermittelte Stelle an, verhalten sich aber so, dass sie nach kurzer Zeit wieder gekündigt werden. Sie erfüllen also formal die Anforderungen, unterlaufen sie de facto aber. Von einem besonders dreisten Fall habe ich schon früher berichtet, nämlich eines Lagerlogistikers, der sich vom Jobcenter einen LKW-Führerschein als Qualifizierungsmaßnahme hat bezahlen lassen sowie die Anschaffung eines Autos, das er brauchte, weil er den neuen Arbeitsplatz sonst nicht hätte erreichen können. Doch nur 14 Tage später war er schon wieder arbeitslos – konnte Führerschein und Auto aber behalten.
Oder Paare trennen sich scheinbar, um zwei Familien – sogenannte „Bedarfsgemeinschaften“ – anzumelden und so mehr Leistungen zu beziehen, als wenn sie nur eine gemeinsame Familie haben. Ein weiteres Problem sind Schwarzarbeiter, die zugleich Bürgergeld empfangen. Einen solchen hat ja die ZDF-Doku präsentiert, der stolz berichtete, seine grundsätzlichen Lebenshaltungskosten lasse er sich vom Jobcenter bezahlen, so dass ihm alles, was er den ganzen Tag schwarz verdient, als „Taschengeld“ zur Verfügung steht.
Sie sehen, keiner von diesen Leuten verweigert sich total, sondern sie kooperieren so viel wie nötig ist, um das System zu ihren Gunsten auszunehmen. Aber natürlich, wenn das Jobcenter es mit sich machen lässt, dann melden sie sich gar nicht mehr, auch das gibt es. So kommen diese bizarren Fälle zustande, bei denen Menschen zehn Jahre Leistungen beziehen, ohne einen einzigen Termin wahrgenommen zu haben.
„Wer die Probleme benennt, wird entlassen – das ist schon entlarvend“
Aber worauf basiert Ihre Zahl? Denn begründet wurde Ihre Kündigung damit, „dass die Behauptung, 30 bis 40 Prozent der Leistungsbezieher bezögen Sozialleistungen missbräuchlich, jeder belastbaren Grundlage entbehre“, so die Bremer Sozialsenatorin Claudia Schilling.
Göcken: Natürlich ist das nur eine Schätzung, die allerdings auf meiner zwanzigjährigen Berufserfahrung beruht, sowie auf meinen Gesprächen mit Kollegen, die das ähnlich einschätzen.
Gibt es keine offiziellen Zahlen?
Göcken: Nicht, dass ich wüsste. Dabei wäre es durchaus möglich, solche zu erheben, wenn die Jobcenter ihre Mitarbeiter dazu befragen würden.
Sie meinen, man will es gar nicht wissen, wie groß das Ausmaß des Betrugs ist?
Göcken: Ganz genau.
Warum?
Göcken: Tja, die Frage stellt sich ja ebenso bei der Reaktion auf meinen ZDF-Auftritt: Warum hat danach keiner mit mir das Gespräch gesucht, um mehr über die Probleme zu erfahren, die ich angesprochen habe? Über einen Anruf meiner Vorgesetzten, der Sozialsenatorin oder auch von Sozialministerin Bärbel Bas hätte ich mich sehr gefreut. Stattdessen wird derjenige, der aus Verantwortungsbewusstsein, aus dem Gefühl staatsbürgerlicher Pflicht, aufsteht und die Probleme benennt, entlassen – das ist schon entlarvend.
Sie haben dem ZDF das Interview ohne Einwilligung Ihres Dienstherrn gegeben. War Ihnen nicht klar, dass das Ärger geben würde?
Göcken: Doch, aber das war mir in dem Moment egal, weil ja mal jemand den Mund aufmachen muss. Zum Glück bin ich finanziell in der Lage, mir das zu erlauben und auch, rechtlich gegen meine Entlassung vorzugehen.
Die Kündigung ist für Sie nicht existenzbedrohend? Warum nicht?
Göcken: Wie gesagt, weil ich finanziell unabhängig bin, mehr möchte ich dazu nicht sagen.
„Ich versuche schon seit Jahren, auf die Probleme hinzuweisen“
Allerdings befinden Sie sich schon länger in einer arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung mit der Sozialverwaltung Bremen, wegen zwei Abmahnungen, die Ihr Dienstherr Ihnen gegenüber ausgesprochen hat. War Ihr ZDF-Auftritt also vielleicht gar nicht so selbstlos, sondern eine Art Racheakt?
Göcken: Nein, tatsächlich versuche ich ja schon seit Jahren, auf die Probleme hinzuweisen, und habe mich schon früher gegenüber Medien und Politik geäußert. Und wenn mir jemand vorwirft, warum ich nicht erst versucht hätte, die Probleme intern zu regeln: Das habe ich! Und zwar jahrelang, meine Mitarbeiter sind Zeugen – aber ohne Erfolg. Zum Beispiel als wir 2021 feststellten, dass es irrsinnig viele Anträge schwarzafrikanischer Frauen gab, die angaben, der Vater ihres Kindes sei deutscher Staatsbürger, um Leistungen zu erlangen.
Sogar die Tagesschau sprach von „tausendfachem Missbrauch“: Männer anerkennen ausländische Kinder, wofür diese und ihre Mütter Aufenthalt und Sozialleistungen erhalten. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Deutsch-Afrikaner Jonathan A., bekannt in seiner Heimat Nigeria als „Mr. Cash Money“, weil er dank dieses Modells dort als reicher Mann leben kann, der auf Youtube demonstrativ mit Geldscheinen um sich wirft.
Göcken: Solche Missstände sind ein Skandal erster Güte, der zum Beispiel in NRW von Innenminister Herbert Reul thematisiert wurde. Dagegen bei uns in Bremen: nichts, keinerlei Reaktion.
Warum nicht?
Göcken: Weil es die Sozialverwaltung als ihre Kernaufgabe betrachtet, Geld auszugeben.
Moment, ist das nicht in der Tat der Sinn und Zweck einer Sozialbehörde?
Göcken: Nein, eigentlich ist der Sinn, Geld auszugeben, um einem Zweck zu dienen. Inzwischen aber ist das Geldausgegeben an sich der Zweck.
„Die Missstände interessieren die Führung gar nicht“
Wo genau ist der Unterschied?
Göcken: Sehen Sie, es gibt kein Interesse der Geschäftsführung, sich mit uns, der operativen Ebene, die die konkrete Arbeit mit den Menschen macht, auszutauschen. Die Missstände, die wir dabei täglich feststellen, interessieren die Führung nicht. Hauptsache, das Geld geht raus. Und warum? Weil die Geschäftsführer keine Lust haben, vom Senat gegrillt zu werden, wenn sie das Geld nicht ausgeben.
Wie bitte? Normalerweise funktioniert das doch so: Eine Behörde versucht, ihr Geld auszugeben, weil die Politik ihr sonst im nächsten Jahr das Budget kürzt.
Göcken: Richtig, und eben das ist ein wichtiger Unterschied: Hier besteht die Politik darauf.
Das heißt, der Missbrauch des Sozialsystems ist nicht nur Folge schlechter Politik, sondern ist regelrecht gewollt. Aber warum?
Göcken: Weil man einer linken Opferrollenpolitik anhängt, die Mainstream geworden ist. Und wenn etwas Mainstream ist, folgt der Mensch ihm.
Was meinen Sie konkret?
Göcken: Ich meine die Vorstellung, dass die Menschen, die wir betreuen, alle Opfer sind und die Gesellschaft an ihnen etwas wiedergutmachen müsse. Daher stellt man keine Fragen nach ihrer individuellen Verantwortung, sondern verteilt Geld, um ihre angebliche Benachteiligung wiedergutzumachen. Das ist die Haltung dahinter.
Ist das nicht Irrsinn, da absehbar nicht zu finanzieren?
Göcken: Natürlich, das ist absolut toxisch für das ganze System. Aber das sehen Jobcenter und Politik nicht, beziehungsweise man will es nicht sehen, denn sonst müsste man ja an die echten Probleme ran.
„Viele sind sehr wohl in der Lage zu arbeiten“
Was sind die echten Probleme?
Göcken: Dass keineswegs alle Menschen, die wir betreuen, ein Interesse daran haben, zu arbeiten. Dass man in der Praxis herausfinden muss, wer will nur nicht und wer kann wirklich nicht.
Darauf wird in der Debatte immer wieder hingewiesen, um die Forderung nach schärferen Sanktionen abzuwehren: viele sozial Schwache seien psychisch zu instabil, um sich strengeren Anforderungen, wie regelmäßig Jobcenter-Termine wahrzunehmen, zu stellen. Wie hoch schätzen Sie deren Anteil an den von Ihnen gemutmaßten 30 bis 40 Prozent ein? Ist der größte Teil davon vielleicht gar nicht unwillig, sondern krank?
Göcken: Nein, nach meiner Erfahrung verhält es sich genau andersherum. Natürlich aber gibt es auch die, die wirklich nicht können, und wir sind uns sicher einig, dass diese Menschen von der Gesellschaft getragen werden müssen. Leider aber gibt es auch hier keine Zahlen, weil offenbar auch hier keine Anstrengungen unternommen werden, solche zu ermitteln, weshalb ich wieder nur schätzen kann. Aber nach meiner Berufserfahrung ist der größere Teil der 30 bis 40 Prozent nicht krank, sondern sehr wohl in der Lage zu arbeiten.
Es gibt doch bereits jetzt die Möglichkeit, gegen jene vorzugehen, die erkennen lassen, dass sie nicht wollen. Warum passiert das nicht konsequent?
Göcken: Weil das ganze System nicht darauf ausgerichtet ist. Es bedeutet Mehraufwand, solchen Fällen nachzugehen, also bleiben sie liegen. Auch Überlastung spielt eine Rolle. Wenn ein Mitarbeiter 400 Fälle betreuen muss, bleibt ihm kaum Zeit, in verdächtigen Fällen nachzurecherchieren.
Entscheidend ist aber, dass es von seiten der Führung keinen Anreiz für die Mitarbeiter gibt, sich in dieser Hinsicht reinzuhängen. Und das hängt vor allem wiederum mit der aus meiner Sicht irrigen Weltsicht der Führung und der ihr übergeordneten Politik zusammen, wonach man die Menschen nicht unter Druck setzen dürfe, sondern nur mehr fördern müsse – Stichwort Opferrollenpolitik.
„Wir sind kein Jobcenter mehr, sondern ein Integrationsamt“
Zunächst sprach Friedrich Merz von „zweistelligen Milliardenbeträgen“, dann von sechs, schließlich von gut fünf Milliarden Euro, die er beim Bürgergeld einsparen wolle. Reaktion der Kritiker: das sei unmöglich. 2024 wurde Bürgergeld in Höhe von 51,7 Milliarden an gut fünf Millionen Bezieher ausbezahlt. Wenn Sie mit Ihren 30 bis 40 Prozent recht haben, entspricht dieser Anteil Ausgaben von etwa 15 bis 20 Milliarden. Könnten also rein rechnerisch nicht in der Tat mehr als fünf bis sechs Milliarden gespart werden?
Göcken: Ja, aber lassen Sie sich doch nicht täuschen: Alles in allem sind es nicht nur gut fünfzig Milliarden, sondern deutlich mehr, die wir pro Jahr für dieses Monster aufwenden. Denn zum Bürgergeld kommen ja noch die Kosten für den Verwaltungsapparat hinzu, und allein der verschlingt übrigens rund zehn Milliarden. Zusätzlich wenden wir viel Geld für die Bewirtschaftung der Jobcenter Liegenschaften und der Infrastruktur auf.
Ein Problem sind also jene, die das System ausnützen. Ein anderer Faktor ist, dass die Hälfte der Empfänger keinen deutschen Pass hat. Welche Rolle spielt das?
Göcken: Würden wir die Zahl noch genauer analysieren, etwa danach, wie viele der Empfänger in den letzten Jahren den deutschen Pass bekommen, aber eigentlich Wurzeln im Ausland haben, dann schätze ich, liegt der Anteil bei 70 bis 75 Prozent. Im Grunde hat das dazu geführt, dass wir gar kein Jobcenter mehr sind, sondern ein Integrationsamt, sprich, es geht vielfach nicht mehr nur um Arbeit und Soziales, sondern auch um Sprache und Kultur.
Sprich, das Problem wird nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ immer weiter aufgebläht. Ist angesichts all dessen das System noch reformierbar?
Göcken: Das glaube ich inzwischen nicht mehr, und zwar, weil jene, die es leiten, das nicht wollen. Das zeigt auch die Art, wie sie auf meine Kritik reagieren, die im Grunde eine Kampfansage ist. Ganz ehrlich, so wie ich dort inzwischen auch angesehen werde – wenn Blicke töten könnten …
„Gefahr eines totalitären Staates“
Übertreiben Sie jetzt nicht?
Göcken: Nein, das ist mein Eindruck. Und das ist für mich auch kein Wunder angesichts der ideologischen Verhärtung dieser Leute. Leider macht sich der Normalbürger von dieser keine Vorstellung. Einige sind wirklich wie das Politbüro der DDR, vollkommen realitätsblind vor lauter Ideologie. Und wenn sie nur könnten, sie würden nicht davor zurückschrecken, ihre Ansichten mit Hilfe eines totalitären Staates durchzusetzen. Was sie ja auch versuchen! Doch werden sie damit an der Realität scheitern, wie andere Totalitarismen vor ihnen auch – bis dahin aber leider noch viel Schaden anrichten.
Was ist mit der Ersetzung des Bürgergelds durch die neue „Grundsicherung“ seit 1. Juli mit mehr Sanktionsmöglichkeiten. Ist das nicht die Lösung?
Göcken: Ich bezweifele, dass das den Durchbruch bringt, obwohl ja sogar die Einrichtung eines „Kompetenzzentrums“ zum Aufspüren von Leistungsmissbrauch geplant ist. Dennoch begrüße ich die Reform natürlich, weil sie ein Schritt in die richtige Richtung ist.
Aber das Problem ist viel komplexer, und Politik und Medien müssten den Jobcentern streng auf die Finger schauen, da ich fürchte, dass diese vieles sonst gar nicht umsetzen, weil sich dort eben seit Jahrzehnten eine andere Haltung eingebürgert hat. Womit aber angesichts der geschilderten ideologischen Verblendung nicht zu rechnen ist.
Nein, ich fürchte, dass die Reform nicht reicht, sondern wir im Grunde nicht weniger als eine Zerschlagung des alten und den Neustart eines vollkommen anderen Systems brauchen.
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Fred Göcken war ab 2001 als Arbeitsvermittler beim Sozialamt Bremen tätig. 2005 gehörte er zur Gründungsmannschaft des Jobcenters in der Hansestadt. 2022 wurde er nach längerer Krankheit in die Verwaltung versetzt und im Juni 2026, infolge seines ZDF-Auftritts, gekündigt. Geboren ist der Diplom-Pädagoge 1966 im ostfriesischen Esens bei Wittmund.






