Roewer
Helmut Roewer (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa
Brandanschlag auf JF-Druckerei

Thüringer Ex-Verfassungsschutzchef: „Das war verabredet“

Herr Dr. Roewer, können Sie sich noch an die Ermittlungen nach dem Überfall und dem Brandanschlag auf die Druckerei erinnern?

Helmut Roewer: Ja, aber ich kann mich noch besser an notwendige Ermittlungsmaßnahmen erinnern, die damals nicht stattfanden.

Was meinen Sie damit?

Roewer: Gefragt waren das LKA und der Verfassungsschutz, weil es um eine einschlägige Klientel ging. Mit einem funktionierenden Verfassungsschutz hätten wir damals mehr Informationen liefern können. Meine Behörde, die ich zu dem Zeitpunkt erst ein paar Monate führte, konnte das aber nicht. Wir waren noch nicht in der Lage, die linksextreme Szene zu infiltrieren, um an gewisse Informationen zu kommen.

Hatte der Bundesverfassungsschutz keine Hinweise?

Roewer: Nach meiner Erinnerung: nein.

„Szene lebte von öffentlichen Geldern“

Wie war Ihr Amt an den Ermittlungen beteiligt?

Roewer: Ich verfolgte einen anderen Ansatz als das LKA. Wir wußten, daß sich die in Frage kommenden Personen damals in zwei Gebäuden in der Gerberstraße in Weimar aufhielten. Mir ging es darum, mit den politischen Verantwortlichen in Kontakt zu kommen, um herauszufinden, wer das finanziert. Das waren alles junge Leute, die dabei waren, in die Illegalität abzugleiten, und sie lebten von öffentlichen Geldern unter dem Fähnchen des angeblichen Antifaschismus. Leider hatte ich bei meinem Bemühen, die staatlichen Finanzströme für die Szene zu stoppen, wenig Erfolg.

Hatte die Weimarer Szene bei den Anschlägen auf die Druckerei Ihrer Meinung nach Unterstützung von auswärtigen Linksextremisten?

Roewer: Für mich gibt es keinen Zweifel, daß alle Taten, nicht nur der Brandanschlag und der Überfall, auch die Angriffe auf Kioske und Vertriebsfirmen, Teil einer bundesweiten Verabredung der linksextremen Szene waren, die JUNGE FREIHEIT „plattzumachen“. Und zwar mit militanten Mitteln. Das war damals unter Linksextremisten Konsens.

„Man war damals dicht dran“

Waren die Ermittler den Tätern und ihren Unterstützern damals dicht auf den Fersen? Ein Bericht der Sonderkommission läßt das zumindest vermuten.

Roewer: Ich denke, man war damals dicht dran, sonst hätte man die Verdächtigen nicht zum Verhör vorgeladen. Das tut man erst, wenn es konkrete Anhaltspunkte gibt.

Warum wurde Ihrer Ansicht nach das Verfahren 1996 eingestellt?

Roewer: Ich kann nicht für den Generalbundesanwalt und das LKA sprechen, sondern nur für den Verfassungsschutz. Unser Hauptgeschäft war der sogenannte „Kampf gegen Rechts“. Das war die allgemeine politische Meinung. Das mag bei der Entscheidung, das Verfahren einzustellen, damals eine Rolle gespielt haben.

Wären die Ermittlungen bei einem rechtsextremen Brandanschlag anders verlaufen und zu einem Ergebnis gekommen?

Roewer: Was meinen Sie? Etwa einen Anschlag auf die taz? Der mir erinnerliche Terroranschlag auf die taz passierte in Hamburg, und der wurde von Linksextremisten verübt, die sich rächen wollten, daß die taz ein Interview mit meinem Kollegen Christian Lochte über Linksterrorismus geführt hatte. Das mag als Antwort auf Ihre Spekulation genügen.

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Dr. Helmut Roewer, Jahrgang 1950, war von 1994 bis 2000 Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Thüringen.

> Das Interview erschien erstmals in der Ausgabe Nr. 50/19 der JF.

Helmut Roewer (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa

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