„Der Klügere spricht Deutsch“

Herr Tietz, mit der Rückkehr von „Spiegel“, „Süddeutscher Zeitung“, „Rheinischem Merkur“ und den Springer-Blättern zur bewährten Rechtschreibung ist das Thema deutsche Sprache wieder in den Medien präsent. Wäre das nicht die Gelegenheit, auch in puncto Kampf gegen Anglizismen eine neue Offensive zu starten? Tietz: Das ist völlig richtig, aber ich muß zugeben, auch wir sind von dem Erfolg der Rechtschreibreformgegner etwas überrascht worden. Der Verein für Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS), der den Kampf gegen die Rechtschreibreform wesentlich mitträgt (siehe Interview in JF 31-32/04), ahnte schon vor der offiziellen Ankündigung von „Spiegel“ und Springer, daß sich da etwas anbahnte. Haben Sie keinen Kontakt zu Ihren VRS-Kollegen? Tietz: Nein, denn der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat ausdrücklich nie Stellung im Streit um die Rechtschreibreform bezogen, weil unser Anliegen ein anderes ist und wir die Verfolgung unseres Ziels nicht durch die Verzettlung auf Nebenkriegsschauplätzen schwächen wollen. Nämlich? Tietz: Der VDS ist gegründet worden, um gegen die hirnlose Verhunzung unserer Sprache durch dumme Redewendungen und unnötige englische Begriffe durch Werbung, Medien und Politik Widerstand zu leisten. Sprachpflege bedeutet allerdings nicht, sich gegen natürliche Veränderungen der Sprache zu stellen, aber das Phänomen der Anglizismen stellt eben keine natürliche Veränderung, sondern eine Manipulation dar. Aus dem Englischen übernommene Redewendungen wie „Sinn machen“, „Es rechnet sich“, „realisieren“ – statt „wahrnehmen“ – oder Begriffe wie „Wellness“ oder „Handy“ zeugen nicht von natürlicher Entwicklung, sondern lediglich von Faulheit, Ignoranz und der Tendenz sich anzubiedern. Zum Thema Rechtschreibreform jedoch gibt es bei uns unterschiedliche Meinungen. Zwar bevorzugt die Mehrheit der Mitglieder – darunter auch der Vereinsgründer und -vorsitzende Walter Krämer – die alte Rechtschreibung, aber das ist Privatsache. Zwar veröffentlichen Sie Ihre Verbandsmitteilungen in neuer, Ihre Zeitung, die „Sprachnachrichten“, erscheint allerdings, seit der Umstellung der „FAZ“ im Jahr 2000, wieder in alter Rechtschreibung. Tietz: Aber das hat keinen Bekenntnischarakter, sondern folgt pragmatischen Erwägungen. Ich will nicht verhehlen, daß auch ich die bewährte Rechtschreibung bevorzuge, aber ich mache keine Glaubenssache daraus. Wichtiger als etwa die Frage „ß“ oder „ss“ erscheint es uns zum Beispiel, die „Fahrkarte“ vor dem „Ticket“ zu retten. Sehen Sie das Problem der Anglizismen durch das Thema Rechtschreibreform überschattet, oder profitiert Ihr Thema von dessen gegenwärtiger Popularität? Tietz: Trotz unserer Neutralität macht uns der Erfolg der Kollegen vom VRS Mut, denn er zeigt, daß sich Widerstand lohnt. In der Tat sensibilisiert die Diskussion um die Rechtschreibreform auch für unser Anliegen. So hatten wir in den letzten Wochen eine spürbare Zunahme der Presseanfragen zu verzeichnen. Das beste Beispiel aber ist die Äußerung des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt, der nach den Stellungnahmen der Ministerpräsidenten Stoiber, Wulff, Müller und Böhmer gegen die Rechtschreibreform sich in einem Interview mit der Freien Presse öffentlichen gegen die Anglizismen positioniert hat. Planen Sie denn unter dem Eindruck des Erfolgs der Rechtschreibreformgegner konkret neue Initiativen? Tietz: Das Problem ist, daß unser Verein nur aus ehrenamtlichen Mitgliedern besteht und diese schon durch unsere bisherigen, sehr umfangreichen Aktivitäten fast völlig ausgelastet sind: Infostände, Brief- und Postkartenaktionen, Stellungnahmen, Vorträge, Fernseh- und Rundfunkauftritte, Unterschriftensammlungen, Planung und Durchführung neuer Aktionen und des jährlichen Tages der deutschen Sprache – das alles bindet natürlich enorme Kräfte. Sie können sich vermutlich vorstellen, daß Initiativen wie die gegen die Telekom, die zum Beispiel dazu geführt hat, daß aus dem „Citycall“ wieder die „Nahverbindung“ geworden ist, einen Bürgerverein wie uns sehr viel Kraft kosten. Nach dem Bekenntnis von Georg Milbradt mußte zum Beispiel unverzüglich eine Dankeschön-Kampagne organisiert werden, um ihn und damit weitere Politiker zu ermutigen. Auch lassen wir uns ständig etwas Neues einfallen, so haben wir zum Beispiele als symbolische Protestaktion die deutsche Sprache bei ebay versteigert. „Freiwillige Selbstverpflichtung statt Sprachgesetze“ Die Rechtschreibreformgegner haben neben der Mobilisierung des allgemeinen Widerstandes vor allem das Ziel, Zeitungs- und Buchverlage zur Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung zu bewegen. Welche Strategie verfolgt der VDS? Tietz: Es ist ganz klar, daß es im Kampf gegen die Anglizismen – beziehungsweise für gutes Deutsch, wie wir das lieber nennen – im Gegensatz zum Kampf gegen die Rechtschreibreform keine entscheidende Bruchstelle gibt. Die Strategie des VDS ist die der kleinen Schritte, denn wir haben natürlich ungleich mehr Ansprechpartner. Wir wollen zum Beispiel Unternehmen zeigen, daß es auch ohne Denglisch in der Werbung geht. Aber natürlich wäre eine Umkehr großer Massenmedien auch ein tolles Signal: Entsprechend der Rückkehr zur alten Rechtschreibung könnten sich zum Beispiel Zeitungen und Zeitschriften in einer Art öffentlichen Manifest dazu verpflichten, auf Anglizismen zu verzichten. Immerhin gibt es schon erfolgversprechende Ansätze, so hat etwa die Stuttgarter Zeitung 2002 zum Tag der deutschen Sprache freiwillig eine anglizismen-freie Ausgabe herausgebracht. Übrigens könnte doch Ihre Zeitung in puncto Selbstverpflichtung gleich mit gutem Beispiel vorangehen! Die Beschäftigung mit der Rechtschreibreform fokussierten die Medien zuletzt vor allem auf die Stimmung unter den Schülern. Tietz: Natürlich sind die Schulen auch für uns ein wichtiges Feld, denn sind Menschen einmal geprägt, dann ist es schwer, dagegen noch anzukommen. Leider sind Kinder den Medien und der Werbewelt oft wehrlos ausgesetzt. Es wäre wichtig, dieser Beeinflussung wenigstens eine Sensibilisierung für den Umgang mit Sprache in der Schule entgegenzustellen. Der VDS unterhält deshalb eine Arbeitsgruppe Schulen, deren Arbeit allerdings in Zukunft unbedingt einer Intensivierung bedarf. Es ist aber leider oft sehr schwierig, überhaupt Zugang zu Schulen zu bekommen. Erstaunlicherweise haben sich gerade Deutschlehrer – von denen man annehmen sollte, sie wären die „natürlichen Verbündeten“ unsere Vereins – oftmals als erstaunlich unwillig herausgestellt, wenn es auch viele Gegenbeispiele gibt. Und auch die Schulbehörden sind leider oft nicht sehr kooperativ. Bessere Erfahrungen haben wir da – zu unserer eigenen Überraschung – zum Beispiel mit Englischlehrern, vermutlich weil diese bei ihren Aufenthalten in Großbritannien oder den USA etwas vom dortigen „Sprachstolz“ mitbekommen. Unternehmen, Medien, Schule – welche Rolle spielt die Politik? Tietz: Wir halten mehrheitlich nichts von Quoten und Sprachschutzgesetzen. Entweder der Widerstand gegen die Anglizismen kommt „von unten“, oder er wird sich nicht durchsetzen. Sprachschutzgesetze werden nichts als Unmut hervorrufen, befördern zudem nicht gerade unser Konzept von einer lebendigen Sprache selbstbewußter Bürger und würden wohl vor allem den Rechtsanwälten nutzen. Leider teilen wir in Deutschland nicht den gesunden Nationalstolz von Polen, Ungarn oder Franzosen. Für wichtig halten wir allerdings, daß die Politik Zeichen setzt – wie etwa nun Herr Milbradt. Voraussetzung ist natürlich, daß die Politik Konsequenz walten läßt. Dabei darf man auch vor der wenig spektakulären „kleinen“ Politik nicht zurückschrecken. So halten wir zum Beispiel die Selbstverpflichtung von Landkreisen und Gemeinden zur Vermeidung von Anglizismen bei der Abwicklung ihrer Dienstgeschäfte – auch wenn das bislang erst eine Handvoll sind – für ein langfristig erfolgversprechendes Projekt. Der VDS existiert bereits seit sieben Jahren, die Flut der Anglizismen konnte nicht spürbar zurückgedrängt werden. Ist nicht ein neuer Ansatz notwendig? Tietz: Wer sich bei uns engagiert, muß Geduld haben. Verglichen mit der Herausforderung mögen unsere Erfolge gering sein, verglichen mit unserer Größe, sind sie ganz erstaunlich. Auch wir sind ständig dabei unsere Arbeit zu verbessern. Künftig wollen wir verstärkt Positives hervorheben, Nörgelei bringt nichts. Statt des Holzhammers bevorzugen wir das Florett, wir nennen dies „Strategie der fröhlichen Aggressivität“. Zwar werden wir auch weiterhin Protestaktionen durchführen oder zum Beispiel den Sprachpanscher des Jahres wählen, aber wir wollen uns mehr mit konstruktiven Alternativ-Vorschlägen, belobigenden Auszeichnungen und kreativen Ideen profilieren. Zum Beispiel haben wir gerade eine Fotoaktion abgeschlossen, bei der phantasievolle Geschäftsbezeichnungen für Ladengeschäfte statt des üblichen Denglisch-Einerlei präsentiert wurden. Kritiker werfen Ihnen vor, mit dem Namen Verein Deutsche Sprache, einen umfassenden Sprachschutz vorzugeben, was aufgrund Ihrer Indifferenz in puncto Rechtschreibreform nicht zutrifft. Täuschen Sie Ihre Mitglieder? Tietz: Natürlich können wir Mißverständnisse nicht ausschließen, aber wer unser Werbe- und Informationsmaterial liest, der gewinnt durchaus Klarheit darüber, was die Ziele des VDS sind und was nicht. Daß darüber bei einzelnen Mitgliedern ein dauerhaftes Mißverständnis bestehen bleibt, kann ich mir nicht vorstellen. Initiativen innerhalb Ihrer Reihen, sich auch der Pflege der Schriftsprache in Gestalt eines Engagements gegen die Rechtschreibreform anzunehmen, werden angeblich von der Vereinsführung unsanft abgebügelt. Tietz: Davon ist mir nichts bekannt. Im Einzelfall bin ich gern bereit, das „Bügeleisen“ im vernünftigen Gespräch wieder abzukühlen. Sehen Sie denn keinen inneren Zusammenhang zwischen dem Problem der Rechtschreibreform und der Zunahme der Anglizismen? Tietz: Zumindest was die Anglizismen angeht, wurzelt deren Inflation wohl in dem mangelnden Selbstbewußtsein der Deutschen für ihre nationale Kultur. Mag sein, daß damit auch die Rechtschreibreform zu tun hat, ich vermag das nicht zu sagen. Sie sehen aber immerhin ein grundsätzliches Problem? Tietz: Auf jeden Fall, denn das unbefangene Bekenntnis zur eigenen Muttersprache ist immer auch mit einem Gefühl für nationale Würde verbunden. „Aufrechter Gang“ wurde das hier bei uns nach der Wende genannt. Viele hier in den neuen Bundesländern waren etwas überrascht, daß so viele Westdeutsche einfach nicht mehr das ganz normale Quentchen nationalen Stolzes „im Bauch“ haben, sondern entweder lieber kuschen oder sich an eine vorgebliche Weltläufigkeit anbiedern, die im Grunde nichts anderes als substanz- und rückgratlos ist. Ihr Vorsitzender Walter Krämer sprach im Interview mit dieser Zeitung (JF 20/00) von „Imponiergehabe“ und „Unterwürfigkeit“ der Deutschen. Tietz: Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die meisten Denglisch-Sprecher in der Tat. Gern wird argumentiert, „weil wir den Krieg verloren haben, könnten wir doch heute nicht mehr … “ Was für eine ungesunde Haltung! Allerdings muß ich sagen: Ich erlebe diese fast ausschließlich bei Westdeutschen. Der Verein Deutsche Sprache jedenfalls wirbt außer mit den europäischen Sternen vor allem auch mit Schwarz-Rot-Gold, weil es uns „ums Ganze“ geht. Prompt wirft man Ihnen „Deutschtümelei“ und „Antiamerikanismus“ vor. Tietz: Wer das Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold für Deutschtümelei hält, der stellt sich doch selbst ins Narreneck. Und was den Antiamerikanismus angeht, so muß man mal fragen, ob Nachäffen, wie das bei uns in vielerlei Hinsicht mit dem „Vorbild USA“ geschieht, wirklich ein Merkmal für Respekt gegenüber dem anderen ist. Und was unseren Aufkleber mit dem Albert Schweizter-Spruch von der „USA-Massenverblödung“ angeht, so ist das natürlich nicht gegen die Amerikaner in den Vereinigten Staaten, sondern gegen deren Nachahmer hierzulande gerichtet – wenn schon, dann wäre das also ein antideutscher Aufkleber. Der Sprachrettungsklub Bautzen arbeitet auch mit der Domowina, der Organisation der sorbischen Minderheit in der Lausitz, zusammen. Ein überraschendes Bündnis. Tietz: Die Sorben haben ihre eigenen Sprache, aber sie sind sich eben weit mehr als wir Deutschen der Bedeutung der eigenen Muttersprache bewußt. Die sorbische Volksgruppe umfaßt heute nur noch etwa 60.000 Menschen, deshalb sind die Sinne für die Einebnung der Kultur durch eine globalisierende Konsum- und Kommerzsprache geschärft. Zudem ist bei den Sorben die Heimatverwurzelung noch erfreulich tief. Das ließ auch sie auf die Barrikaden gehen, als der Lausitzring in „Euro-Speedway“ umbenannt wurde, ein würdeloser Tiefschlag gegen unsere Muttersprache und die Lausitzer Region. Sprache ist eben ein Kulturgut, und Menschen, die das erkannt haben, verbindet das. Deshalb wissen auch die Sorben: Der Klügere spricht Deutsch, nicht Dummdeutsch. Diethold Tietz , Vorstandsmitglied des Vereins Deutsche Sprache (VDS) und Vorsitzender des Sprachrettungsklubs Bautzen. Der Diplom-Ingenieur für Elektronik wurde 1942 in Aussig im Sudetenland geboren. Verein Deutsche Sprache (VDS): Der 1997 gegründete Verein ist mit 20.000 Mitgliedern die größte deutsche Laien-organistaion zum Schutz der deutschen Sprache vor Anglizismen und wird von zahlreichen Prominenten unterstützt. Jähr-lich verleiht der VDS den Kulturpreis deutsche Sprache, den Sprachpanscher des Jahres und richtet den Tag der deutschen Sprache aus. Außerdem gibt er vierteljährlich die Zeitung Sprachnachrichten heraus. Foto: Informationsstand des VDS in Pforzheim: „Wir sind vom Erfolg der Rechtschreibreformgegner überrascht worden. Aber wichtiger als etwa die Frage ‚ß‘ oder ’ss‘ ist es uns zum Beispiel, die ‚Fahrkarte‘ vor dem ‚Ticket‘ zu retten.“ weitere Interview-Partner der JF

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