Sechzig Jahre und kein bißchen weise

Im Jahr 2009 wird man zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen den 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland feiern. Gewiß: Sie entstand aus dem politischen Kalkül der westlichen Sieger von 1945, aber die Väter des Grundgesetzes handelten mehrheitlich aus patriotischen Motiven: Im Abgrund und am Nullpunkt der deutschen Geschichte sollte der Kern- und Treuhandstaat für die wiederzugewinnende deutsche Einheit geschaffen werden. Unterdessen hat die zweite deutsche Republik die erste, die von Weimar, bereits um Jahrzehnte überdauert. Überhaupt ist diese zweite Republik besser aus dem Zweiten Weltkrieg herausgekommen, als man 1945 zu denken gewagt hatte (Arnulf Baring), wozu der Ost-West-Konflikt und die überlegene politische Strategie des ersten Bundeskanzlers entscheidend beitrugen. Nach über vierzig Jahren deutscher Teilung gelang schließlich auch die Wiederherstellung der staatlichen Einheit, wenn auch unter schmerzlichen Verlusten im Osten. Doch den Westdeutschen und ihrer politischen Klasse gebührt wenig von dem Ruhm, wesentlich an der Wiedervereinigung mitgewirkt zu haben. Als List der Geschichte wirkte vor allem der unerwartete Zusammenbruch der Sowjetunion. Am Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren in West-Deutschland die nationalpatriotischen Impulse nahezu erloschen. Nicht mehr Kernstaat und deutsche Einheit waren Parole und Hoffnung. An ihre Stelle trat die Hinnahme der Teilung als Buße für die deutsche Schuld in der NS-Zeit. Diese anationale Grundhaltung ist – vor allem in wesentlichen Teilen der politischen, wirtschaftlichen und medienpolitischen Kommandohöhen – bis heute dominant geblieben. Die Alibis sind weit verbreitet, mögen sie nun „Europa“ oder eine diffuse „multikulturelle“ Zukunft heißen. Viele bei uns neigen zur Auflösung unseres Staates nach dem Muster der Auflösung des Zuckers im Tee, der dann besonders gut schmecke. Der Kampf zwischen der Partei „ohne Aar und Halm“ (Otto von Bismarck), der Leute ohne geschichtliche Verwurzelung, und den anderen, die sich in der Verantwortung für den tausendjährigen deutschen Staat seit König Heinrich I. (919 bis 936) sehen, ist noch nicht entschieden und damit auch nicht über die Frage nach der Dauer und Zukunft unseres Staates, der Bundesrepublik Deutschland.   Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim.

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