Wer José Antonio Kast nach seinen ersten hundert Tagen bereits abschreiben wollte, dürfte sich zu früh gefreut haben. Der chilenische Präsident ist holprig gestartet, hat Minister verschlissen und sich mit steigenden Benzinpreisen unbeliebt gemacht. Politisch aber ist der Rechtskonservative keineswegs gescheitert. Fünfeinhalb Monate nach Amtsantritt zeigt sich ein bemerkenswertes Bild: Kast ist persönlich deutlich unpopulärer geworden, während seine Regierung bei ihren wichtigsten Themen Ergebnisse vorweisen kann.
In seiner ersten Amtswoche kam Kast in Umfragen auf 57 Prozent Zustimmung, der beste Start eines chilenischen Präsidenten seit Beginn dieser Messreihe. Danach folgte der Absturz: Kommunikationspannen, Streit über Haushaltskürzungen und der „Bencinazo“, der kräftige Anstieg der Treibstoffpreise, beendeten die politische Hochzeitsreise binnen Wochen; nach 69 Tagen musste Kast sein Kabinett umbauen. Ende August billigen nur noch rund 40 Prozent seine Amtsführung, 57 Prozent lehnen sie ab. Für einen Präsidenten, der mit dem Versprechen einer „Regierung des Notstands“ angetreten war, ist das eine Warnung.
„Die Regierung hat eine historische Wirtschaftsreform durchgeführt“
Die viel gescholtene Regierungsmaschine arbeitet allerdings schneller, als diese Werte vermuten lassen. Nach hundert Tagen verbuchte La Moneda, wie der Sitz des chilenischen Präsidenten genannt wird, 136 Gesetzesinitiativen, darunter 23 eigene Vorlagen und 113 ältere Projekte, denen die Regierung neue Dringlichkeit verlieh. Darunter auch Kasts erster großer parlamentarischer Sieg: das „Gesetz zur nationalen Wiederherstellung und der ökonomischen und sozialen Entwicklung“.
Die Unternehmenssteuer soll von 27 auf 23 Prozent sinken, Großinvestoren erhalten langfristige steuerliche Planungssicherheit, Genehmigungsverfahren werden gelockert und zeitweise wird der Wohnungskauf von der Mehrwertsteuer befreit. Im Senat kam das Paket mit 26 zu 24 Stimmen durch; ein Wermutstropfen blieb: Teile des Gesetzes kassierte anschließend das Verfassungsgericht, der Kern des Vorhabens blieb jedoch erhalten.
Selbst rechts von Kast wird der Schritt deshalb anerkannt, wenn auch mit Vorbehalten. „Nun ja, die neue Regierung hat eine historische Wirtschaftsreform durchgeführt, die zwar für unsere Vorstellungen noch ungenügend ist, aber erstmals seit dem Ende der Diktatur auch Steuersenkungen umfasst“, erklärt der rechtslibertäre Politiker und frühere Präsidentschaftskandidat Johannes Kaiser gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Ob daraus der erhoffte Investitionsboom entsteht, ist offen. Immerhin wuchs der Aktivitätsindex Imacec im Juni gegenüber dem Vorjahr um 2,4 Prozent – ein Lebenszeichen, aber noch kein Wirtschaftswunder.
Weniger Raub- und Gewaltdelikte
Deutlicher fällt die Bilanz dort aus, wo Kast seine Wahl gewonnen hat: bei Migration und Sicherheit. Ende Juli waren seit Jahresbeginn 1.330 Ausländer abgeschoben worden, mehr als im Vergleichszeitraum 2025. Gleichzeitig gingen die registrierten illegalen Grenzübertritte stark zurück. Mit dem „Plan Grenzschild“, verstärktem Militäreinsatz, technischen Sperren und härterer Abschiebepraxis ist aus der martialischen Wahlkampfrhetorik zumindest teilweise Verwaltungshandeln geworden.
Auch bei der Kriminalität gibt es Bewegung. Im ersten Halbjahr wurden 442 vollendete Tötungsdelikte registriert, 66 weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, ein Rückgang um 13 Prozent. Auch Raub- und Gewaltdelikte gingen zurück. Kast sollte sich diesen Erfolg allerdings nicht vollständig selbst anheften: Der Rückgang der Tötungsdelikte hatte bereits unter seinem linken Vorgänger Gabriel Boric begonnen. Kast hat den Trend bislang eher beschleunigt als geschaffen.

Hier sieht auch Kaiser die nächste große Bewährungsprobe der Regierung: „Jetzt sucht Kast nach Wegen, der Sicherheitskrise Herr zu werden. Wir werden sehen, ob er hier wieder einen wenigstens begrenzten Erfolg vermerken kann.“
Keine rechte Revolution, sondern ein mühsamer Kurswechsel
Der Satz trifft den Kern der kommenden Monate. Denn wer einen lateinamerikanischen Kulturkämpfer erwartete, der Chile im Stil eines Javier Milei oder Nayib Bukele per politischem Vorschlaghammer umbaut, bekommt bislang einen konventionelleren Präsidenten. Kast regiert hart in der Sache, aber erstaunlich institutionell, sucht Mehrheiten im Kongress und akzeptiert Niederlagen vor dem Verfassungsgericht.
Gerade darin liegt die eigentliche Überraschung seiner ersten Monate. Chile erlebt keine rechte Revolution, sondern einen mühsamen Kurswechsel innerhalb eines starken institutionellen Korsetts. Die Zwischenbilanz fällt deshalb besser aus als Kasts Umfragewerte, aber schlechter als seine Wahlkampfrhetorik. Entscheidend wird sein, ob sich aus sinkenden Kriminalitätszahlen, härterer Migrationspolitik und niedrigeren Unternehmenssteuern bald auch ein Gefühl wirtschaftlicher Verbesserung entwickelt. Gelingt das, können 40 Prozent Zustimmung eine Talsohle sein. Gelingt es nicht, wird Kasts größter Gegner nicht die Linke sein, sondern die Erwartung, die er selbst geweckt hat.





