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Bierabsatz auf Rekordtief: So nimmt das Brauereisterben seinen Anfang

Bierabsatz auf Rekordtief: So nimmt das Brauereisterben seinen Anfang

Bierabsatz auf Rekordtief: So nimmt das Brauereisterben seinen Anfang

Friedrich Merz (CDU), Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat, trinkt neben Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, im Konrad-Adenauer-Haus ein Bier. Brauereien sind derweil bedroht.
Friedrich Merz (CDU), Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat, trinkt neben Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, im Konrad-Adenauer-Haus ein Bier. Brauereien sind derweil bedroht.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) genießt ein Bier. Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
Bierabsatz auf Rekordtief
 

So nimmt das Brauereisterben seinen Anfang

Weniger Trinker, teure Energie und Druck vom Einzelhandel: Diese Mischung zwingt immer mehr Brauereien dazu, dicht zu machen. Doch warum gibt es immer weniger Biergenießer? Und mit welchen Mitteln können Betriebe trotzdem überleben?
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Die deutschen Brauereien stehen vor großen Problemen: sinkender Konsum, steigende Kosten und der Druck des Einzelhandels (JF berichtete). Sogar traditionsreiche Betriebe müssen um ihr Überleben kämpfen. Es findet eine Konzentration der Kräfte statt. Die jüngste Hiobsbotschaft aus Mannheim klang wie ein Nachruf: Nach fast 350 Jahren stellt die Privatbrauerei Eichbaum ihren Betrieb ein. Bis Ende September werden noch bestehende Aufträge erfüllt, danach werden Anlagen, Grundstücke und andere Vermögenswerte verkauft. Rund 240 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. „Es schmerzt, dass wir diesen Schritt gehen müssen“, erklärten die Geschäftsführer Uwe Aichele und Frank Reifel. Unter den aktuellen Bedingungen sei die Schließung jedoch unausweichlich.

Eichbaum, gegründet im Jahr 1679, ist nur das prominenteste Beispiel einer Krise, die die gesamte deutsche Brauwirtschaft erfasst hat. Innerhalb weniger Monate meldeten auch das Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig, die Schussenrieder Brauerei Ott, die Aktienbrauerei Kaufbeuren, die oberfränkische Brauerei Leikeim und die Colbitzer Heide-Brauerei bei Magdeburg Insolvenz an. Die Zahlen zeigen, warum. Voriges Jahr produzierten die Braustätten laut Deutschem Brauer-Bund (DBB) nur noch 74 Millionen Hektoliter (hl) – ein Rückgang von einem Viertel innerhalb von 20 Jahren. Erstmals fiel der Absatz unter 75 Millionen hl. Im letzten Vor-Corona-Jahr 2019 wurden noch 86,2 Millionen hl gebraut.

Sinkende Bierproduktion in Deutschland. Quelle: DRV. Grafik: JF

Auch die Zahl der Brauereien sinkt. 2019 gab es in Deutschland noch 1.552 große und kleine Braustätten, Mitte 2025 waren es nur noch 1.459. Von denen waren nur 38 Großbrauereien mit einer Jahreserzeugung von über 500.000 hl. 2019 waren es noch 44 gewesen. Es gab zwar voriges Jahr noch 1.128 Kleinbrauereien mit unter 10.000 hl, aber der Boom der Neugründungen ist vorbei. Seit 2018 schlossen in Bayern 70 Brauereien, obwohl der Freistaat mit 588 Braustätten weiterhin das Zentrum der deutschen Bierproduktion ist.

Der anhaltende Nachfrageeinbruch trifft auf eine Kostenexplosion

„Keine Brauerei schließt von heute auf morgen“, warnt der DBB-Präsident Christian Weber. Er ist Chef der saarländischen Karlsberg-Brauerei und hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Viele betroffene Betriebe hätten bereits mehrere Jahre mit geringen Erträgen hinter sich und ihre Reserven seien aufgebraucht. Die Krise ist kein Konjunkturphänomen, sondern das Ergebnis mehrerer sich verstärkender Entwicklungen. Zunächst trinken die Deutschen weniger Bier. 1993 lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei rund 141 Litern, heute sind es etwa 90 Liter. Die Bevölkerung altert, ein Teil trinkt keinen oder wenig Alkohol, und veränderte Lebensstile verdrängen das Feierabendbier.

Michael Weiß, Inhaber der Meckatzer Brauerei im Allgäu, beschreibt den Wandel unverblümt: „Die Geburtsraten sind seit 30 Jahren rückläufig. Jugendliche und junge Erwachsene trinken weniger Bier. Viele Menschen mit Migrationshintergrund trinken gar keinen Alkohol.“ Seine Schlussfolgerung: „Ich gehe davon aus, dass viele Brauereien in Schwierigkeiten geraten.“ Der Nachfrageeinbruch trifft zudem auf eine Kostenexplosion. Brauen ist energieintensiv. Sudhäuser, Kessel, Kühlanlagen, Abfüllung und Flaschenreinigung verbrauchen große Mengen Gas und Strom. Seit Beginn des Ukrainekrieges haben sich die Belastungen vervielfacht. Gleichzeitig verteuerten sich Malz, Hopfen, Glas, Kronkorken, Etiketten, Kartonagen, Transporte und Personal. Kleine und mittlere Familienbetriebe können diese Kosten nur bedingt weitergeben.

Denn der Preis wird zunehmend vom Lebensmitteleinzelhandel diktiert. Einige große Ketten dominieren den Markt und locken Kunden regelmäßig mit Billigangeboten. Der Kasten Markenbier wird zur Aktionsware. Wer nicht mitzieht, verliert Regalfläche; wer mitzieht, opfert Marge. Regionalbrauereien verfügen weder über die Skalenvorteile großer Konzerne (Radeberger, Oettinger, Paulaner, TBC, Beck, Krombacher, Warsteiner, Bitburger) noch über die Finanzkraft, längere Verlustphasen zu überstehen.

Produktion soll „klimaneutral“ werden

Auch die Gastronomie, traditionell ein wichtiger Absatzkanal, hat sich von den Corona-Jahren nicht vollständig erholt. Viele Gaststätten schlossen, andere reduzierten Öffnungszeiten oder Personal. Steigende Löhne, Pachten und Energiekosten belasten die Wirte. Jeder geschlossene Landgasthof bedeutet für die örtliche Brauerei weniger Fässer und oft den Verlust eines über Jahrzehnte gewachsenen Vertriebsweges.

Zusätzlich stehen Milliarden-Investitionen an. Bis 2045 soll die Produktion „klimaneutral“ werden. Für viele Betriebe bedeutet das, nahezu den gesamten Maschinenpark umzubauen. „Wer eine Brauerei von Gas auf Strom umstellt, muss die Anlagen zu 80 Prozent neu bauen“, sagt Weber. Manche der benötigten Technologien seien noch nicht marktreif. Für Firmen, die kaum Gewinne erzielen, wird die Energiewende damit zur Existenzfrage.

Die Insolvenzen zeigen, wie schnell selbst große Namen fallen können. Eichbaum hatte im Oktober 2025 ein Insolvenz-Verfahren in Eigenverwaltung beantragt. Rückläufige Exporte und die sinkende Nachfrage im Inland führten zu einem Liquiditätsengpass. Monatelang wurde nach Investoren gesucht, zeitweise schien eine Rettung möglich. Am Ende fehlte das Geld, um den defizitären Betrieb und weitere Verhandlungen zu finanzieren.

Alkoholfreies Bier kann Brauerei-Branche nicht retten

Die Branche setzt seit Jahren verstärkt auf „Mode-Mix-Getränke“ und auf alkoholfreies Bier. Dessen Anteil erreicht inzwischen etwa zehn Prozent, und Deutschland gehört bei Herstellung und Qualität zu den führenden Märkten. Doch alkoholfreie Sorten können den Rückgang des klassischen Bieres bislang nur abfedern, nicht ausgleichen. Zudem erfordern neue Verfahren, Marketing und Vertrieb weitere Investitionen. Der DBB fordert von der Bundesregierung niedrigere Energiekosten, weniger Bürokratie, steuerliche Investitionsanreize, um eine Stärkung der Gastronomie zu gewährleisten. Diese Forderungen sind nachvollziehbar. Sie ändern jedoch nichts daran, dass der heimische Biermarkt schrumpft. Staatshilfen können den Strukturwandel bremsen, aber nicht aufhalten.

Viele Brauereien setzen auf Spezialisierung: regionale Markenpflege, Direktvertrieb, Gastronomie-Kooperationen, alkoholfreie Produkte und sparsame Anlagen. Nicht jeder Betrieb wird diesen Weg finanzieren können. Weitere Übernahmen und Schließungen sind wahrscheinlich.

Mit jeder Brauerei verschwindet mehr als nur ein Produktionsstandort. Verloren gehen Ausbildungsplätze, Wirtshauskultur, Vereinsförderung und ein Stück regionaler Geschichte. Deutschland bleibt vorerst ein Land mit außergewöhnlicher Biervielfalt. Doch die Grundlage dieser Vielfalt wird dünner. Das Brauereisterben hat gerade erst begonnen.

Aus der JF-Ausgabe 31-32/26.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) genießt ein Bier. Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt
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