Manche sind empört, andere sehen sich bestätigt. Jedenfalls bekommt Liv von Boetticher mit einem Satz hohe Aufmerksamkeit: „Wir verlieren dieses Land.“ Nicht, weil sie das gesagt hätte, sondern weil es aus dem Mund von Polizisten stammt. Polizisten, die täglich erleben, was politische Debatten oft nur abstrakt verhandeln: Kriminalität, Migration, Überforderung des Rechtsstaats und das Schweigen jener, die genauer hinsehen müssten.
Nein, von Boetticher ist keine Aktivistin am Rand der Medienlandschaft. Sie ist Investigativjournalistin bei RTL, arbeitete zuvor für die Privatsender Sky und ntv und bewegt sich mitten in jenem publizistischen Betrieb, der bei Migration und innerer Sicherheit eher zur Nachsicht neigt. Gerade deshalb fällt auf, worüber sie recherchiert. Ihr neuer Bestseller „Wir verlieren dieses Land. Polizisten erzählen, worüber niemand offen spricht“ ist das erschütternde Ergebnis vieler Gespräche mit Beamten, die von einer schleichenden Kapitulation des Staates berichten, von einer steigenden Kriminalitätsflut, die uns verschlingt.

Von Boetticher besuchte das Taliban-regierte Afghanistan
Wer aber ist Liv von Boetticher? 1986 in Freiburg geboren, wuchs sie am Bodensee auf. Die Neugier führte sie nach Neuseeland und das Studium nach Wien und München. Aus der Reporterin wurde eine Journalistin für investigative Großrecherchen.
2021 realisierte sie die Dokumentation über das Verschwinden des Tengelmann-Milliardärs Karl-Erivan Haub. Daraus entstand ihr Buch „Die Akte Tengelmann“, in dem es um Russland, Geheimdienste und die Frage geht, weshalb deutsche Behörden bestimmten Spuren nicht entschlossener nachgingen. Man muss nicht jede Deutung teilen, um zu erkennen: Von Boetticher sucht dort, wo andere die Akten schließen.
Als Reporterin war sie bei den Taliban: Zwei Monate reiste sie durch Afghanistan und zeigte ein Land, in dem die Entrechtung von Frauen nicht nur ein Regimeproblem ist, sondern tief in gesellschaftlichen Strukturen steckt. Das war keine bequeme Erzählung für westliche Selbstgewissheiten. Von Boetticher berichtet nicht, um Erwartungen zu bestätigen, sondern um Widersprüche sichtbar zu machen.
Die RTL-Journalistin kann eine Inspiration sein
Das setzte sich fort: 2024 recherchierte sie zu Urlaubsreisen afghanischer Asylbewerber in ihr Herkunftsland und zu islamistischen Netzwerken. 2025 folgte die Aufdeckung eines Geschäfts mit gefälschten Sprachzertifikaten, die den Weg zur Einbürgerung erleichtern sollten (JF berichtete). Immer geht es um die gleiche Grundfrage: Funktioniert der Staat, wenn seine Regeln missbraucht werden?
Genau darin liegt die Brisanz ihrer Arbeit. Boetticher berichtet aus etablierten Medien heraus über Themen, die etablierte Politik und deren Anhänger gern ausblenden. Sie skandalisiert nicht nur, sie macht sichtbar, dass die Wirklichkeit vieler Bürger und die Sprache offizieller Beschwichtigung auseinanderdriften. Ihr neues Buch setzt das fort und führt direkt in deutsche Polizeidienststellen.
Liv von Boetticher war lange Reporterin für das Ungeklärte. Nun ist sie zur Chronistin eines Rechtsstaats geworden, dessen eigene Beamte sich nicht mehr sicher sind, ob er noch durchgreift. Sie kann eine Inspiration für Journalisten sein, sich vom bisherigen Mainstream abzusetzen und endlich auf die Seite der Lebenswirklichkeiten zu finden.






