Anzeige
Anzeige

Literaturpolitik: Wenn linke Verlage sich ums Lesen drücken

Literaturpolitik: Wenn linke Verlage sich ums Lesen drücken

Literaturpolitik: Wenn linke Verlage sich ums Lesen drücken

Die „Verlage gegen rechts“ proben den Kulturkampf und fallen dabei eigenen Bildungslücken zum Opfer. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Kalaene
Die „Verlage gegen rechts“ proben den Kulturkampf und fallen dabei eigenen Bildungslücken zum Opfer. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Kalaene
Die „Verlage gegen rechts“ proben den Kulturkampf und fallen dabei eigenen Bildungslücken zum Opfer. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Kalaene
Literaturpolitik
 

Wenn linke Verlage sich ums Lesen drücken

Mit einer Broschüre wollen die „Verlage gegen rechts“ die Buchhändler und das Publikum vor den „falschen“ Titeln schützen. Bei diesem Versuch rennen sie nicht nur die Kunst- und Pressefreiheit über den Haufen – sondern offenbaren auch pikante Bildungslücken.
Anzeige

Kaum eine Sache auf der Welt ist so vertrackt wie ein gefährliches Buch. Hat man es gelesen, ist es schon zu spät – der tückische Inhalt steckt einem schon im Kopf. Hat man es aber noch nicht gelesen, so kann man nicht über dessen Gefährlichkeit urteilen. Ein Dilemma, welches eigentlich ein Indiz dafür sein sollte, zum guten alten Liberalismus zu greifen, wenn es um Literaturpolitik geht: Lesen und lesen lassen.

Nicht so das Aktionsbündnis „Verlage gegen rechts“ mit seinem unlängst im Netz veröffentlichten „Kompass“, der besorgten Branchenkollegen dabei helfen soll, „rechtes Verlegen aufzudecken“, wie es in der auch digital erschienenen Broschüre heißt. „In einer gesellschaftlichen Situation, in der eine extrem rechte Partei immer weiter an Zustimmung gewinnt“ sei davon auszugehen, dass auch das Publikum sowie einzelne Autoren mit der AfD sympathisieren. Der Buchhandel müsse als Teil der „pluralistischen und demokratischen Zivilgesellschaft“ dazu verpflichtet werden, „wehrhaft zu werden“, sprich: „solchen Inhalten keinen Raum zu geben“.

Wie der Kulturbetrieb die Pressefreiheit unter Druck setzt

Zwar seien die klassischen rechten Publikationen bereits hinlänglich bekannt – ausdrücklich erwähnt werden das Magazin Tumult sowie die beiden Verlage Antaios und Jungeuropa, aber auch die JUNGE FREIHEIT. Doch beklagen die Verleger, rechtes Gedankengut selbst sei hingegen immer schwerer zu erkennen. Schließlich sei auf der Rechten „Platz für unterschiedliche Strömungen, Strategien und Positionen“, die sich „teilweise widersprechen“. Dieser Binnenpluralismus bedeute jedoch nicht, daß die „harmloser auftretenden“ Inhalte auch wirklich harmloser seien, warnt die Kulturinitiative. „Diese Verwirrung ist leider bereits Teil rechtsintellektueller Strategien“, heißt es dazu raunend im „Kompass“.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Verlage gegen Rechts (@verlagegegenrechts)

Verwirrend ist in diesem Zusammenhang eher, wie linke Verlage beiläufig den Unterschied zwischen Kulturbetrieb und Medien nivellieren und damit ob beabsichtigt oder nicht neben der Kunst- auch die Pressefreiheit in Frage stellen – wird doch nicht nur die JF, sondern auch „Nius“ und „Apollo News“ als „rechtes Verlegen“ markiert, das verhindert werden soll. Mit so einem Seitenhieb erwecken die linken Verlage selbst den Eindruck, als sei ihre kulturelle Besorgnis nur Vorwand für einen Frontalangriff auf den politischen Gegner. Es erscheint dadurch mehr als fraglich, dass es ihnen wirklich um Bücher geht.

Unklar ist auch, ob die „Verlage gegen rechts“ das Feindbild, das sie aufstellen, auch wirklich einlösen können. Die Broschüre mit Tipps, wie man harmlos wirkende Titel zu Problemen stilisiert, spricht jedenfalls dafür, dass eben dieses Feindbild fehlt – und die vielgescholtenen Verlage gar nicht erst konsultiert wurden. Gerade das wäre aber die Aufgabe der Produzenten von Literatur.

Wer sind die „Verlage gegen rechts“?

Von den „Verlagen gegen rechts“ zuerst zum Feindbild erkoren wurde das Compact-Magazin, das nach seinem Auftritt auf der Leipziger Buchmesse 2016 nachgerade zum Anlass wurde, das Aktionsbündnis aus der Taufe zu heben. Zwar war damals auch die JUNGE FREIHEIT mit einem Stand auf dem Gelände vertreten, doch die Platzierung von Compact zwischen lauter linken Kollegen führte zu einem Entrüstungssturm in Begleitung des Hashtags #verlagegegenrechts – der bald darauf zu einer richtigen Literaturinitiative wurde. Diese umfasst gut zehn Jahre später linksliberale, linke und linksradikale Verlage.

Zu den Unterstützern der Kulturplattform gehören klassische Kleinverlage wie Verbrecher, März und Nautilus, die mit innovativen Gestaltungsideen sowie der liebevollen Betreuung literarischer Randfiguren (etwa Franz Jung oder Erich Mühsam) schon den ein oder anderen Buchpreis abgeräumt haben (den Deutschen Verlagspreis oder auch den Preis der Kurt Wolff Stiftung).

Zwar üben sich auch diese Häuser immer wieder in Verbalradikalismus, etwa in den zwei Bänden des Verbrecher Verlags von und über die deutsche Kommunistin Olga Benario, die in ihren sehr interessanten Erinnerungen an ihre Zeit im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands die fiebrige Stimmung im Berlin der 20er und 30er Jahre schildert. Aber die reine Lehre wird woanders ausgeschenkt.

Beispielsweise beim anarchistischen Unrast-Verlag aus Münster oder dem marxistischen Karl Dietz Verlag aus Ost-Berlin, der die legendäre, „MEW“ abgekürzte blaue Ausgabe der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels herausgibt. Aus Kostengründen wurde diese kürzlich vom Festeinband auf das kurzlebige Paperback umgestellt, was linker Taschenbuchästhetik zwar näher kommt, aber mit Rücksicht auf die Pflege deutscher Geistesgeschichte tatsächlich schade ist.

Wie links sind japanische Nationalisten?

So weit, so gut. Mit dabei ist aber auch das ein oder andere Haus, das bei den „Verlagen gegen rechts“ irgendwie durchgerutscht sein muss, bedenkt man dessen für die Initiative sicher problematisches Programm. Zum Beispiel der Mitteldeutsche Verlag aus Halle, der 2023 mit „Sonne und Stahl“ einen wegweisenden Essay des japanischen Nationalisten Yukio Mishima herausgegeben hat, der die Weltliteratur zwar um Werke von morbider Eleganz – etwa die „Bekenntnisse einer Maske“ – bereichert hat – aber 1970 eben auch das damalige Hauptquartier der japanischen Streitkräfte besetzte und die dortigen Soldaten erfolglos zu einem Putsch aufrief, um das Kaiserreich wieder zu errichten.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Mitteldeutscher Verlag (@mitteldeutscherverlag)

So ikonisch der Kleinstaufstand des Schriftstellers auch war, der mit seinem rituellen Selbstmord, dem „Seppuku“, endete – für das Programm eines „Verlags gegen rechts“ eignet sich die Personalie wohl kaum. Man kann hier den Spieß umdrehen und dem Aktionsbündnis mit den Worten seiner eigenen Handreiche sagen: „Überleg dir, ob du solche Inhalte lesen, bewerben oder verbreiten möchtest.“ Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie ernst es die Beteiligten mit ihrer Literaturinitiative überhaupt meinen und ob sie eigentlich wissen, wovon sie reden, wenn sie „rechts“ sagen.

Lesen die „Verlage gegen rechts“ ihre eigenen Bücher?

Gleich mehrere Stellen in dem rund 15seitigen Lektüreschlüssel lassen sogar Zweifel daran aufkommen, ob die „Verlage gegen rechts“ überhaupt Bücher lesen. So wird unter der Überschrift „Wie ein linkes Konzept zum zentralen Element rechtsintellektueller Strategie wurde“ referiert, die „Neue Rechte“ habe nach dem Zweiten Weltkrieg die Idee der „Metapolitik“ vom italienischen Kommunisten Antonio Gramsci „übernommen und politisch umgedeutet“, um die nötige Soft Power für ihre eigenen Ideen zu mobilisieren.

Das Problem an der Sache: Der Begriff „Metapolitik“ geht überhaupt nicht auf Gramsci zurück. Vielmehr haben Philosophen wie der Franzose Alain de Benoist – seines Zeichens Vordenker der „Nouvelle Droite“ – in Anlehnung an Gramsci über „Metapolitik“ geschrieben. Der berühmteste Gefangene des faschistischen Diktators Benito Mussolini selbst hatte mit der Vokabel hingegen nur recht wenig zu tun. Der Mitgründer der Kommunistischen Partei Italiens sprach lieber von „Hegemonie“, vertrat tatsächlich also eine andere, wenn auch ähnliche Theorie. An dieser Stelle der Rat an die linken „Verlage gegen rechts“: Werke der eigenen Traditionslinie darf man schon noch lesen – auch wenn sie, wie im Fall von Antonio Gramsci, mit Sicherheit „gefährlich“ sind. Das ist für die linke Literaturplattform um so peinlicher, als mit dem Hamburger Argument-Verlag der Betreuer der deutschen Ausgabe von Gramscis „Gefängnisheften“ zur Unterstützerliste zählt. Zumindest diesen Kollegen hätte der Schnitzer auffallen müssen.

Wie sich die Linken rechte Literatur vorstellen

Bei so viel Angst vor dem Lesen wundert es eigentlich kaum noch, dass auch die Kenntnis der rechtsintellektuellen Gegenseite ziemlich kümmerlich ausfällt. Das Dilemma der gefährlichen Bücher wurde hier offensichtlich in die Richtung „Aussortieren, ohne zu lesen“ aufgelöst. So wird mit Blick auf die „Neue Rechte“ in der Handreiche davon gesprochen, daß „Mimikry“ und „Selbstverharmlosung“ zwei ihrer zentralen Strategien wären. Der Chefredakteur der rechtsintellektuellen Zeitschrift Sezession und Verleger (Antaios) Götz Kubitschek stehe besonders für diese Strategie Pate. Untragbare Positionen würden mit Absicht kaschiert, der weichzeichnende Sammelbegriff „konservativ“ zur Selbstvermarktung missbraucht.

„Man testet immer wieder Grenzen des Sagbaren aus und verschiebt Diskurse“, warnen die „Verlage gegen rechts“ – was auch begreiflich macht, wieso sie sich so sehr davor fürchten, die „falschen“ Bücher aufzuschlagen. Dort könnte dem Leser nämlich als harmlos getarntes Gedankengut „radikaler Umstürzler“ begegnen. Kaum auszumalen, was das mit dem Gehirn macht, wenn man es nicht rechtzeitig erkennt. Bei dem japanischen Nationalisten Mishima ist das ja offenbar schon passiert.

Lesen ist überbewertet

Wie schon im Fall Gramscis wurde aber auch diesmal gar nicht oder nur sehr oberflächlich nachgelesen. Der Publizist Kubitschek hat sich in der Vergangenheit nämlich immer wieder sehr kritisch über die Strategie der „Selbstverharmlosung“ geäußert. In einem prominenten Sezessions-Artikel aus dem Jahr 2017 zu diesem Thema begrüßte er zwar das gezielte Schwanken rechter Parteien zwischen „Provokation“ und „Selbstverharmlosung“ und lobte dabei sowohl deren Vorstoß in „Grenzbereiche des gerade noch Sagbaren und Machbaren“ als auch den „Versuch, die Vorwürfe des Gegners durch die Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit abzuwehren“. Gleichzeitig wies er bei aller Anerkennung dieser Taktik aber auf die Gefahr hin, „eines nahen Tages tatsächlich aus der Harmlosigkeit nicht mehr herauszufinden“. Die einseitige Option für das Saubermannimage, das die „Verlage gegen rechts“ den Rechten in den Mund legen, findet sich so im Text also nicht wieder.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von götz kubitschek (@verlag.antaios)

Im Gegenteil: Der Autor des 2006 erschienenen Essays „Provokation“ – der für die Identitäre Bewegung nicht umsonst sehr bald zu einem maßgeblichen Text wurde – hat sich in seiner langen publizistischen Karriere immer eher um „Bekenntnislust“ als um Anpassung bemüht. Mit anderen Worten: Die „Verlage gegen rechts“ geben an dieser Stelle eine Fremd- als Selbstzuschreibung aus und verraten damit abermals die ausgebliebene Lektüre. Vielleicht wurde von den „gefährlichen“ Primärquellen auf die unverfänglicheren Sekundärtexte von sogenannten Rechtsextremismusexperten umgesattelt, unter denen Stichworte wie „Mimikry“, „Scharnierfunktion“ und „Diskurspiraterie“ durchaus verbreitet sind? In diesem Fall hätte man ganze Regalmeter gelesen, nur um sich einzelne Titel nicht ansehen zu müssen – eine Ironie.

Don’t judge a book by its cover? Denkste!

Da nimmt es nur noch wenig Wunder, wenn sich die „Verlage gegen rechts“ am Ende ihrer Handreiche auf das Buchcover als Indiz rechter Gesinnung kaprizieren. Die Frage: Wie sieht ein rechtes Buch aus? Die Antwort: „Auf den Buchcovern findet man häufig Schwarz-Weiß-Fotos von Denkmälern oder Bilder, bei denen Worte wie ‘episch’ oder ‘monumental’ in den Sinn kommen.“ Auch Kunstwerke aus der deutschen Romantik, die ja auch „ideologisch einige Überschneidungen mit gegenwärtigen extrem rechten Ideen“ habe, ließen auf einen bedenklichen Inhalt zwischen den beiden Buchdeckeln schließen.

Besonders skurril ist in diesem Zusammenhang, daß das Aktionsbündnis die „Verwendung alter Rechtschreibung“ als mögliches Signal für Rechtsextremismus auflistet. Doch was soll aus all diesen wahllosen Beobachtungen folgen? Dass man keine Bücher mehr liest, auf deren Umschlag ein Adler, eine Burg, eine antike Statue oder ein Schwert zu sehen ist? Sind Hardcover rechts? Oder Lesebändchen? Und geht es bei all dem Bohei überhaupt noch ums Lesen oder nicht in Wahrheit darum, Lesen zu verhindern? Dann wären die „Verlage gegen rechts“ in der Tat auf einer einigermaßen düsteren Mission unterwegs.

Die „Verlage gegen rechts“ proben den Kulturkampf und fallen dabei eigenen Bildungslücken zum Opfer. Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Kalaene
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles