Die US-Botschafterin Monica Crowley, Protokollchefin der Vereinigten Staaten und Vertreterin der Regierung von Präsident Trump für den 250. Geburtstag Amerikas, ist voller Euphorie: „Der Anblick so vieler Großsegler aus befreundeten Nationen auf der ganzen Welt, die unser Land ehren und Amerikas 250jähriges Jubiläum im Hafen von New York und New Jersey feiern werden, wird wahrhaft inspirierend sein. Diese einwöchige Veranstaltung wird uns wie nie zuvor im gemeinsamen Streben nach Freiheit und Demokratie zusammenbringen.“
Am 4. Juli 2026 werden 48 Großsegler aus 20 ausländischen Nationen im Rahmen der „International Parade of Sail“ unter der Verrazzano-Narrows-Brücke hindurchdurchfahren, vorbei an der Freiheitsstatue und den Hudson River hinauf bis zur George-Washington-Brücke. Insgesamt werden 46 Nationen im Hafen von New York und New Jersey vertreten sein, wobei die Marinekommandanten vieler dieser Länder persönlich anwesend sein werden. Die USCGC Eagle führt stets die Parade an. Es folgen ihr unter anderem ihre Schwesterschiffe „Sagres“ (Portugal), die „Mircea“ (Rumänien) und die deutsche „Gorch Fock“.
Die Dreimastbark „Eagle“ wurde am 13. Juni 1936 von der Mutter des ermordeten 23jährigen SA-Manns auf den Namen „Horst Wessel“ getauft. Ein goldener Reichsadler mit Hakenkreuz prangte als Galionsfigur am Bug. Der Adler blieb und das Schiff hieß „Eagle“, als es 1945 an die USA fiel. Mit 89 Meter Länge war es sieben Meter länger als die 1933 gebaute erste „Gorch Fock“.
Neubau der „Gorch Fock“ dank Volksspende
Gerade der Bau der „Gorch Fock“ war das Ergebnis einer Katastrophe. Um dem Vertrag von Versailles zu genügen, war die Dreimastbark „Niobe“ ab 1923 zum Segelschulschiff der Reichsmarine umgebaut worden. Heraus kam eine Fehlkonstruktion. Das Schiff kenterte am 26. Juli 1932 vor Fehmarn und sank binnen drei Minuten. 109 Mann, meist Seekadetten, ertranken. Eine nationale Tragödie.
Der „Flottenbund Deutscher Frauen“ regte eine Volksspende „Niobe“ an, die 200.000 Reichsmark einbrachte. Schon Ende 1932 gab Großadmiral Raeder grünes Licht für den Neubau, der bis zum 1. Juli 1933 fertig sein sollte. Der Zeitplan wurde eingehalten.
Nach weniger als 100 Tagen lief die „Gorch Fock“ am 3. Mai 1933 in Anwesenheit der Mutter des Marine-Schriftstellers Johann Kinau alias Gorch Fock vom Stapel. Kinau war Sohn eines Hochseefischers aus Finkenwerder. Er fiel 1916 in der Seeschlacht am Skagerrak.
Als Museumsschiff in Stralsund
Die Konstrukteure bei „Blohm und Voss“ hatten die Mängel der Niobe genau analysiert, 300 Tonnen Ballast im Kiel sollten der GF ein Aufrichten aus fast 90 Grad Seitenlage ermöglichen. Mit ihrem 82 Meter langen Stahlrumpf galt sie als das modernste Segelschiff ihrer Zeit.
Nach Trainingsfahrten in Nord- und Ostsee reiste sie 1939 bis nach Trinidad. Bei Kriegsende wurde sie bei Stralsund versenkt. Die Russen hoben das Schiff wieder, setzten es instand und feierten es als „Towaritsch“ (Genosse), bei seinem Eintritt in die Rote Flotte, Heimathafen wurde Odessa. 2003 kam sie zurück nach Stralsund, wurde restauriert und erlebte eine dritte Geburt als Museumsschiff im Hafen von Stralsund.
USA hat „Horst Wessel“ im Blick
Die „Horst Wessel“ alias Eagle verschlug es nach Westen. Mit Flüchtlingen vollkommen überladen schlich sie sich am 28. April 1945 nachts aus dem Hafen von Sassnitz. 500 Menschen waren an Bord, jede Koje war dreifach belegt. Die Positionslichter waren gelöscht. Erst wenige Wochen zuvor war die „Wilhelm Gustloff“ vor Danzig torpediert worden. Auf See meldete der Rundfunk: „Der Führer ist gefallen.“ Dönitz übernahm das sinkende Staatsschiff. Während sein Stab nach Flensburg verlegte, gingen die Flüchtlinge am 2. Mai 45 nur wenige Kilometer entfernt von Bord.
Auf die „Horst Wessel“ hatten die USA ein Auge geworfen. Die Ausbildung der Marine sollte nach deutschem Vorbild reformiert werden. Man dachte an Steuben. Man musste die Besatzung suchen. „Die ausgehungerten Nachkriegsjünglinge“ trauten ihren Ohren nicht. New York! „Ein Rausch der Abenteuerlust“ überkam sie, aber auch Bedenken. Waren sie Verräter? War die Seeherrschaft der Großmächte nicht eine Anmaßung? Gegründet auf Kolonien, Ausbeutung und Seeräuberei. So dachten viele. Und jetzt sollten sie denen helfen, ihr Raubgut nach Hause zu bringen? Die Propagandaformeln wirkten nach.

Auf Kohlenzügen fuhren sie nach Bremerhaven durch ein Meer von Ruinen. Die Reise nach Westen war alternativlos. Am 30. Mai 1946 begann die Überfahrt. Rein menschlich kamen sie mit den Amis gut aus, die waren unkompliziert und hatten keine Ahnung vom Segeln. Das sollten ihnen die Deutschen beibringen. Der Wissenstransfer funktionierte reibungslos. Am Abend des 8. Juli, nach 40 Tagen, kamen sie in New York an. „Zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder eine Großstadt in friedensmäßigem Lichterglanz. Und dann noch New York!“ Am nächsten Morgen ging die letzte Etappe den Hudson River hinauf zur Endstation, dem Gefangenenlager Camp Shanks. Wehmütig streichelten sie ein letztes Mal ihr Schiff, gaben ihre deutschen Uniformen ab und wurden als POW registriert.
Segelschiff nach Freikorpskämpfer benannt
Am 3. August 1946 sind die 49 Seeleute wieder in Bremerhaven. Dort wartet ihr baugleiches Schwesterschiff, die „Albert Leo Schlageter“ (3) in der Rickmers-Werft. Sie soll auch an die USA gehen. Die verkaufen es 1948 nach Brasilien, 1961 wird es nach Portugal weitergereicht. Es erhält den Namen „Sagres“, den eines berühmten Hafens in Portugal. Auch das Vorgängerschiff der Portugiesen hieß „Sagres“, es diente bis 1918 als „Rickmer Rickmers“ bei der Kaiserlichen Marine. Heute liegt sie als Museumsschiff vor den Landungsbrücken in Hamburg.
Die neue „Sagres“ alias „Schlageter“ lief am 30. Oktober 1937 vom Stapel. Benannt war sie nach einem Freikorpskämpfer, der als angeblicher Kopf einer Sabotagegruppe gegen die Ruhr-Besetzung 1923 hingerichtet worden war. Während die „Sagres“ mit ihrem markanten Malteserkreuz auf allen Meeren präsent ist, ist die Gedenkstätte für Schlageter und die Opfer des Ruhrkampfs heute verwildert und umgewidmet.
Als viertes Schiff der Gorch-Fock-Klasse wurde die „Mircea“ für das befreundete Rumänien gebaut und 1939 übergeben. Sie war praktisch baugleich mit der Gorch Fock von 1933. Heute fährt sie wieder im Dienst Rumäniens und trifft ihre Schwestern bei den Paraden in New York.
US-Präsidenten zeigten sich Stolz am Ruder der „Eagle“
Die fünfte im Bunde sollte den Namen des Hitlerjungen „Herbert Norkus“ tragen, der durch den Roman „Hitlerjunge Quex“ und den gleichnamigen Film bekannt wurde. Der Notstapellauf am 7. November 1939 erfolgte ohne Masten und Takelage. Die Aufbauten waren vorhanden, aber wurden nicht montiert. Das Schiff wurde bei der Bombardierung Hamburgs schwer beschädigt, und als ein Verkauf misslang, beluden britische Soldaten es mit Giftmunition und versenkten es an der tiefsten Stelle des Skagerrak. Das Ende von 150 Jahren deutscher Marine-Tradition schien besiegelt.
Ein Stück aber überlebte und fährt weiter zur See. Die Arbeiter bei Blohm und Voss hatten Takelage und Masten der „Herbert Norkus“ beiseite geschafft, 1958 fanden sie beim Bau der neuen „Gorch Fock“ Verwendung.
Bundesmarine auf „Gorch Fock“ ausgebildet
Der Schiffsneubau war vom Untergang der „Pamir“ (114 Meter lang) im Herbst 1957 überschattet, bei dem 80 der 86 Mann Besatzung ums Leben kamen. Wieder eine nationale Tragödie. Aber eine „Niobe-Spende“ gab es nicht. Im Gegenteil. Man stritt heftig, ob ein Segelschiff noch zeitgemäß sei, die Wiederbewaffnung war sehr umstritten.
Trotz alledem fand der Stapellauf am 23. August 1958 statt, wiederum nach 100 Tagen Bauzeit. Dabei hielt Rudolf Kinau, der Bruder Gorch Focks, die Taufrede auf plattdeutsch: „Boben dat Leven steiht de Dod …“ Alle Offiziere und Unteroffiziere der Bundesmarine wurden in den kommenden Jahren auf der „Gorch Fock“ ausgebildet. Sie war eine hohe Schule der Seefahrt, eine Institution, die über Handwerk und Wissen hinaus Persönlichkeiten formte, die die Gefahren auf hoher See zu meistern verstanden.
Rennen nach Boston ist Höhepunkt der Parade
Seit den neunziger Jahren nahm das Ansehen des Schiffes Schaden. 2010 stürzte eine Seekadettin tödlich aus der Takelage, der Kapitän wurde suspendiert, die Ausbildung sei zu hart. Danach fiel es mehrfach für Reparaturen aus, zur Ausbildung wurde die „Mircea“ von Rumänien geliehen. Ab 2015 begann eine Grundsanierung, deren Kosten von zehn auf 135 Millionen hochschnellten. Betrug, Veruntreuung, Bestechung wurden aufgedeckt. Zuletzt klagten Umweltschützer gegen den Gebrauch von Teakholz aus Myanmar.
Der weitere Betrieb des Schiffes wird immer wieder in Frage gestellt. Das ist in den USA vollkommen anders. Alle Präsidenten (außer Bush sen.) zeigten sich voller Stolz am Steuer ihres Großseglers, der für die Größe der Vereinigten Staaten steht, die aus vielen Nationen zusammengewachsen sind.
Ergo wird es der Höhepunkt der 250-Jahr-Parade sein, wenn am 9. Juli 2026 das Rennen von New York nach Boston um den „Five Sisters Cup“ zwischen vier der fünf identischen, vormals deutschen Schwesterschiffe ausgetragen wird: zwischen der „Eagle“, der „Sagres“, der „Mircea“ und der „Gorch Fock“, die seit den 200-Jahr-Feiern 1976 den von Tiffany gefertigten Pokal in ihrem Besitz hat.






