Selten hat eine Verletzung gleich einen doppelt negativen Effekt. Mit seiner Übersicht, seiner klugen Spieleröffnung und seinem Zweikampfverhalten sollte Nico Schlotterbeck unserer Nationalmannschaft zu der Stabilität verhelfen, die uns nach zwölf Jahren mal wieder um den WM-Pokal mitmischen lässt. Doch durch seinen Bänderriss im linken Sprunggelenk ist damit nun schon nach anderthalb Spielen Feierabend.
Beim Spiel gegen Ecuador übermorgen und auch im Sechzehntelfinale können wir das wohl noch verkraften. Bedrohlich wird es aber ab dem Achtelfinale, wenn wir vermutlich auf Top-Favorit Frankreich treffen. Gegen Mbappé, Olise und Co. bräuchten wir den stets fairen Sportsmann wirklich dringend – und zwar in Bestform.
Wobei ich nun beim Thema Fairplay schon auf der zweiten Ebene der Katastrophe und damit bei Antonio Rüdiger angekommen bin. Diesen Typen wollte ich nach all seinen Unsportlichkeiten und Islamismus-Fingern nie wieder in der Nationalelf sehen.
Antonio Rüdiger tritt nach jedem Grashalm
Tape-Rollen-Wurf auf den Schiedsrichter im spanischen Pokalfinale gegen Barcelona, Kopf-ab-Geste gegen die Atletico-Madrid-Fans, mit dem Knie voran gegen den am Boden liegenden Getafe-Spieler Diego Rico usw. Der gebürtige Berliner hat sich zuletzt als schlechter Verlierer, miserabler Gewinner und brutaler Klopper gezeigt. Auf gut deutsch gesagt: Antonio Rüdiger trat nach jedem Grashalm.

Dazu noch seine radikal-islamischen Andeutungen. Mit dem erhobenen rechten Zeigefinger, den auch Islamisten weltweit nach Terroranschlägen zeigen, posierte er nicht nur auf Instagram im Gebetsgewand. Er ließ sich mit dieser Geste kurz vor der Europameisterschaft vor zwei Jahren auch im Nationaltrikot fotografieren (die JF berichtete).
So. Eigentlich bin ich von meinem ganzen Naturell her nicht nachtragend. Aber das war mir dann doch ein bisschen zu viel des Schlechten. Und schon vor zwei Jahren habe ich hier den Kommentar mit der Schlagzeile „Werft Antonio Rüdiger aus der Nationalelf!“ geschrieben.
Doch nach Schlotterbecks Ausfall brauchen wir Rüdiger. Was nun? Ich habe in den vergangenen Tagen mit mir gekämpft, ob ich meinen Frieden mit dem 33-Jährigen machen soll.

Soll ich ihm das abnehmen?
Zuletzt gab er sich geläutert, lobte sogar das christliche Gebet von Felix Nmecha und Jonathan Tah mit den Curacao-Spielern nach dem Abpfiff. Und er muckte nicht auf, als klar war, dass er bei der WM vor allem auf der Bank sitzen würde. Im Gegenteil: Er lobte seine internen Konkurrenten Schlotterbeck und Tah, den er sogar als neuen Abwehrchef preiste.
Ich weiß nicht, ob ich ihm das abnehmen soll. Erst recht nicht, wenn Bild gestern titelt: „Darum lieben beim DFB plötzlich alle Rüdiger.“ Aber wissen Sie was? Ab sofort ist mir das, wenn ich mich kurz mal im Fußballerjargon ausdrücken darf, scheißegal. Es geht nicht um Antonio Rüdiger. Es geht um Deutschland. Ja, ich möchte, dass wir Weltmeister werden. Und wenn uns der Verteidiger dabei helfen kann: bitte schön!
Rüdiger gehört zwar wie kein anderer zur sogenannten Generation Blech. Mit ihm hat die Nationalmannschaft absolut nichts gewonnen. Seine Länderspielkarriere begann erst richtig nach der WM 2014, für die er nicht nominiert war. Und seitdem geht’s bergab. Aber er spielt immer noch auf einem Niveau, das sogar Real Madrid kürzlich dazu veranlasste, den Vertrag mit ihm noch einmal um ein Jahr zu verlängern.
Handele dir bitte keine Rote Karte ein, Antonio
Bei unserem JF-WM-Talk (hier anschauen) sprach mein lieber Kollege Matthias Bäkermann davon, dass es gegnerischen Stürmern Angst einjagen würde, wenn sie auf eine solche Kante wie Antonio Rüdiger zulaufen müssten. Ich habe da noch aufgestöhnt: „Rüdiger?“
Jetzt schließe ich mich dem vorbehaltlos an. Was bleibt mir auch weiter übrig? Erstens liegt Bäkermann seit Jahren in unserem redaktionsinternen Bundesliga-Tippspiel vor mir. Er muss also Ahnung haben – jedenfalls mehr als ich. Und mangels Alternativen können wir ja schlecht mit zehn Mann spielen. Oder sollte Waldemar Anton für Schlotterbeck reinkommen? Da setze ich doch lieber auf diese furchteinflößende Kante.

Also: Zeig, dass du dazu gelernt hast und was du kannst, Antonio. Aber handele dir bitte nicht gleich eine Rote Karte ein. Und lass den Zeigefinger da, wo er hingehört: in der Waagerechten, um die Abwehr zu dirigieren.
Lesen Sie hier Frank Haukes weitere WM-Kolumnen:
Folge 6: Was machen wir jetzt mit diesem Ecuador-Spiel?
Folge 5: Spitzenreiter, hey! Die Mammut-Tabelle nach dem ersten Spieltag
Folge 4: Warum Argentinien nicht Weltmeister wird, sondern nur wir
Folge 3: Wie in schlechten alten Zeiten: Der Bundes-Jogi macht die Merkel
Folge 2: Nmecha, Tah, Brown – unsere großartigen deutschen Nationalspieler





