Kaum ein Tropfen fiel vom Himmel, trotzdem waren in der Menge, die sich diesen Samstag am Berliner Südstern in Kreuzberg die Beine in den Bauch standen, zahlreiche Regenschirme aufgespannt – einer von vielen Widersprüchen an diesem Nachmittag. Mit den Schirmen wurden vor allem Journalisten abgedrängt, die vor Ort über die Demonstration gegen die Pressefreiheit berichten wollten, zu der die Initiative „Apollo Nö“ aufgerufen hatte.
Unterstützung erhielt sie dabei von der örtlichen Linkspartei, die eigens einen Infowagen zu der Kundgebung vor den neuen Redaktionsräumlichkeiten von Apollo News beigesteuert hatte, um den Kollegen klarzumachen, „dass sie in Kreuzberg, in Alt-Treptow und überall sonst unerwünscht sind“, wie es auf entsprechenden Flyern heißt. Der linke erinnerungspolitische Verein VVN-BdA sowie die Antifa waren über einschlägige Flaggen ebenfalls vertreten.
Aus der Kundgebung heraus werden Journalisten als „Hunde“ beschimpf
Um ein klares Zeichen gegen das „Phantasma einer linken Meinungsdiktatur“ zu setzen, rückt eine linke Fahrraddemo bis zum Büro von Journalisten an – ein weiterer Widerspruch. Die JF war vor Ort, wo sich einer der Redner lauthals darüber echauffierte, dass die „Hunde hier herumlaufen mit ihren Scheißkameras und versuchen, tolle Bilder zu machen“. Wenn sogenannte Antifa-Fotografen, als Journalisten getarnt, Bilder von konservativen und liberalen Journalisten zur Feindmarkierung in Umlauf bringen, blieb es in linken Kreisen dagegen stets auffallend still.
»Nazis raus«-Rufe gegen die freie Presse. Was als Protest gegen @niusde_ und @apollo_news_de angekündigt wurde, entpuppt sich vor Ort schnell als aggressive Konfrontation gegen den freien Journalismus. pic.twitter.com/Y6ReahryxB
— JUNGE FREIHEIT (@jungefreiheit) June 20, 2026
Mit der Bezeichnung „Hunde“ sind Apollo-Chefredakteur Max Mannhart und Nius-Chefredakteur Julian Reichelt gemeint, die sich in Begleitung einiger Kollegen vor die Tür gewagt haben, um die Demonstranten zu interviewen. Wenn man schon Journalisten bedrängt, dann sollte man vorher doch wenigstens einen Moment darüber nachdenken, dass diese das Geschehen wahrscheinlich dokumentieren werden – von Berufs wegen.
Ein-Mann-Gegendemo für „Apollo“
„Freier Journalismus soll aus Kreuzberg vertrieben werden – sowohl Apollo als auch Nius“, gibt Reichelt der JUNGEN FREIHEIT gegenüber zu Protokoll. Als Antwort auf ihre Gesprächsangebote bekommen die beiden Reporter allerlei Unflätigkeiten zu hören. Die Polizei musste sie schließlich aus der aufgebrachten Menge herauseskortieren, um Übergriffe zu verhindern. Ein Kamerateam der JF wird immer mit aufgespannten Regenschirmen abgedrängt. „Die wurden teils schon als Waffe missbraucht“, gibt Apollo-Redakteur Boris Cherny der JF zur Auskunft, der das Bad in der Menge gemeinsam mit Mannhart und Reichelt gewagt hatte. „War nicht so geil“, ergänzt der später noch von den Demonstranten ins Gebüsch geschubste JF-Praktikant.
Wir haben jahrzehntelange Erfahrung mit der linken Unfähigkeit, Meinungs- und Pressefreiheit zu akzeptieren. Erbärmlich ist stets die Feigheit und das Appeasement vieler Bürgerlicher, die vor dieser Gewalt in die Knie gehen. Solidarität mit @apollo_news_de! Defund linke „N“GOs! pic.twitter.com/wzCITOJfHj
— Dieter Stein (@Dieter_Stein) June 20, 2026
Die Gegendemo war genau einen Mann stark; der ebenfalls mit Fahrradhelm erschienene Herr hielt beharrlich ein Schild hoch, auf dem zu lesen war: „Apollo … ein großer Schritt für die Pressefreiheit.“ Mannhart wird ihn später in den sozialen Medien augenzwinkernd als „heroischen Apollo-Leser“ würdigen. Natürlich wurde der Mann auf der Kundgebung nur rein zufällig angerempelt.
Die Stimmung ist aggressiv, frustriert – und lustlos
Die neudeutsch „Chants“ genannten Parolen waren viel zu lang und wenig mitreißend. Insgesamt hatte man das Gefühl, im mehrheitlich weißen, gutbürgerlich dominierten Publikum werde mehr aggressiver Frust ausagiert, als begeistert ein Kiez gerettet. Lustlos wurde skandiert: „Rechte Hetze, finden wir kacke – von Kreuzberg nach Treptow Regenbogenflagge“. Zu ihrer Verteidigung lässt sich sagen: Es war ganz schön heiß.
„Wir sind eigentlich ganz froh gewesen, dass da jetzt nicht der schwarze Block stand“, gesteht Apollo-Redakteur Boris Cherny der JUNGEN FREIHEIT im Nachhinein. Bereits im alten Standort der Redaktion in Alt-Treptow habe es immer wieder kleinere Reibereien mit linken Initiativen gegeben. Ende 2025 verteilte die Ortsgruppe der Linkspartei etwa einen Flyer mit der kaum verhohlenen Gewaltandrohung: „Rechten Medien auf die Tasten treten“.

Im Interview mit der lokalen Parteizeitung Blättchen bezeichnete der Linken-Politiker Moritz Warnke Vorwürfe versuchter Einschüchterung dennoch als „frei erfunden“. „Weinerlichkeit“ sei einfach eine „Masche“ der Rechten. Am Ende der Fahrraddemo vor den Räumlichkeiten der Nius-Redaktion erneuerte Warnke – zugeschaltet vom Linken-Parteitag in Potsdam – die Forderung: „Egal ob Kreuzberg oder Alttreptow, Apollo News und Nius sind nicht willkommen.“ Warnke gilt als treibende Kraft hinter den pressefeindlichen Kampagnen.
„Wir lassen uns von denen nicht unterkriegen“
Im Gespräch mit der JF zeigt sich Apollo-Redakteur Cherny solchen Attacken gegenüber indes kampfeslustig: „Wir lassen uns von denen nicht unterkriegen.“ Wegen der Polizeipräsenz diesen Samstag habe er sich zu keinem Zeitpunkt bedroht gefühlt. „Aber natürlich macht man sich im Alltag schon so seine Gedanken, ob man wirklich immer sicher ist“, schiebt der Journalist nachdenklich hinterher.
Der Demoredner ist derweil sichtlich aufgebracht. Statt auf der Gneisenaustraße – die Adresse hatten die Kollegen von der taz in einem Artikel weiterverbreitet – gegen Nazis zu demonstrieren, hätte er auch in einen Badesee springen können, echauffiert er sich. Hätte er das mal gemacht. Die Fahrraddemo gegen Apollo und Nius offenbart die vielen Widersprüche in linken Weltbildern.






