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Freie Forschung?: Die Politik nimmt die Wissenschaft an die Leine

Freie Forschung?: Die Politik nimmt die Wissenschaft an die Leine

Freie Forschung?: Die Politik nimmt die Wissenschaft an die Leine

Medizinethikerin und Hochschulprofessorin Alena Buyx: Dauergast in Talkshows.
Medizinethikerin und Hochschulprofessorin Alena Buyx: Dauergast in Talkshows.
Medizinethikerin und Hochschulprofessorin Alena Buyx: Dauergast in Talkshows. Foto: picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH
Freie Forschung?
 

Die Politik nimmt die Wissenschaft an die Leine

Deutschlands Wissenschaftsbetrieb spricht gern von Innovation, verwaltet aber lieber Gleichstellung, Förderprogramme und politische Netzwerke. Aus Forschung wird Gesinnungsbetrieb – bezahlt vom Staat.
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Wer sich ein Bild vom Wissenschaftsstandort Deutschland machen will, sollte Bad Godesberg besuchen, den südlichen Vorort der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn; am besten wochenends, denn dann geht es in dieser wohlversorgten Beamten- und Pensionärsstadt noch geruhsamer zu als sonst. Vorbei an den Gebäuden der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und des Wissenschaftszentrums (heißt immer noch so) führt der Weg zur  Hochschulrektorenkonferenz und zur Studienstiftung des deutschen Volkes (heißt auch noch so). Dort angelangt, steht er vor dem letzten Exemplar des Transrapid, der Magnetschwebebahn, die in Deutschland erdacht, entwickelt und finanziert, dann aber verschenkt worden ist, verschenkt an China.

Dort ist der Transrapid seit Jahren unterwegs; nicht sehr erfolgreich allerdings. Nachdem die Chinesen in kurzer Zeit geschafft hatten, was den Deutschen jahrzehntelang nicht geglückt war, der Bau einer Referenzstrecke nämlich, konnten sie Erfahrungen sammeln im Umgang mit der neuen Technik. Die fielen offenbar enttäuschend aus, denn bis auf weiteres verlässt sich ja auch China nicht auf den Transrapid, sondern wie alle Welt auf Rad und Schiene. Wieder einmal hatten die Deutschen aufs falsche Pferd gesetzt; was sie jedoch nicht störte, worauf sie sogar stolz sind, weil sie im Unterschied zu allen anderen Völkern nicht ihre Siege feiern, sondern ihre Niederlagen.

Der Transrapid war eine solche Niederlage. Deswegen haben sie ihm ein Denkmal gesetzt: damit nun wirklich jeder sieht, dass die Deutschen ihre Vergangenheit meinen, wenn sie von der Zukunft reden. Und zurückblicken, wenn andere nach vorn schauen.

Forscher sollen nicht übermütig werden

So soll das auch nun bleiben. Um die Wissenschaft an die Leine zu nehmen, haben Bund und Länder, wie in Deutschland üblich, eine Kommission gebildet, die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, die GWK, eine Dachorganisation von Dachorganisationen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, den Leibniz-, den Helmholtz-Gemeinschaften und ein paar anderen. Die allesamt jedoch nicht viel zu sagen haben, denn der Bund und die Länder, vertreten durch ihre Wissenschafts- und Finanzminister, sitzen mit am Tisch. Und achten darauf, dass die Forscher nicht übermütig werden, wenn sie von Innovationen reden hören. Gemeint ist damit ja nichts Wissenschaftliches, gemeint ist, wie in Deutschland üblich, etwas Soziales.

Tatsächlich ist der entscheidende Beitrag, den die Gemeinsame Konferenz zum immerwährenden Fortschritt geleistet hat, sozialpolitischer, nicht wissenschaftlicher Natur. Sie hat den wohlbekannten Dual, der Forschung und Lehre als die Aufgaben der Universität benennt, um einen dritten Zweck, die Gleichstellung, erweitert.

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Seither sind Politiker und Präsidenten nicht nur gehalten, sondern verpflichtet, bei der Besetzung von Dauerstellen neben den üblichen Leistungsnachweisen auch Aussagen über das Geschlecht zu berücksichtigen: Aussagen genügen, denn wie wir von der erfahrenen Hochschulpolitiker*in Lisa Paus gelernt haben, ist eine Frau eine Person, die behauptet, eine Frau zu sein. Mehr als tausend Professor*innen sollen von dieser Innovation profitiert haben; und der Fortschritt geht weiter, denn das Frauenförderungs- und Gleichstellungsprogramm läuft bis ins Jahr 2030.

Das Gleichstellungsgebot verlangt mehr

Wenn es trotz alledem mit der Karriere nicht schnell genug vorangeht, sollte die verletzte, in ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung beeinträchtige m/w/d/k.A.-Person ein Webinar über Karriereplanung, Berufungsmanagement und ähnliches besuchen, angeboten vom Zentrum für Wissenschaftsmanagement mit Sitz in Speyer. Oder ein Online-Coaching-Programm über Strategien und Instrumente zur effektiven Selbstorganisation von Frauen buchen.

Wie oder was auch immer, die Aussichten sind gut, lassen sich aber noch verbessern, denn wenn man auch nichts Neues lernt – beim get together kann man die Angel auswerfen, wird vielleicht sogar selbst geangelt. Wolfgang Wick, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, hat seine Kollegen erst neulich wieder ermahnt, bei Berufungen neben den wissenschaftlichen auch den außerwissenschaftlichen Leistungen Gewicht beizumessen: eine Innovation, in der Dorothee Bär, die Bundesforschungsministerin, die ersten Anzeichen eines tiefgreifenden kulturellen Wandels zu erkennen glaubt.

Nur die ersten allerdings; denn der Prozess läuft weiter. Das Gleichstellungsgebot verlangt mehr, weil es ja nicht nur zwei, auch nicht nur drei, sondern eine bisher noch unbekannte Zahl von Geschlechtern gibt; ein progressiver Autor kam auf rund sechzig. Nicht umsonst ist die Latte, auf der die LGBTIQ-Gemeinde ihre Mitglieder vermerkt (und deren Ansprüche verkündet), im Laufe der Zeit immer länger geworden – wie die bekannte Richter-Skala ist sie nach oben oder hinten offen.

Wenn Pistorius in der Kunstgalerie auftritt

Niemand weiß, wer da noch aufspringt und gefördert, entschädigt und belohnt werden will. Sicher ist nur, dass die Behauptung, Frau (oder trans oder bi oder queer) zu sein, genügt; und dass sie sich auszahlt. Ob die Milliarden, mit denen die GWK der Gendergerechtigkeit auf die Sprünge helfen will, reichen werden, um alle Ansprüche zu erfüllen, bleibt daher offen.

„Ja, isch es was oder isch es nix?“ soll Heinz Maier-Leibnitz, seinerzeit Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in seinem schwäbischen Idiom gelegentlich gefragt haben, wenn im Senat, dem obersten Beschlussorgan der DFG, die Entscheidung über ein größeres Projekt bevorstand. So zu fragen ist unmodern. Denken sei unwissenschaftlich, hatte schon Adorno vermutet; Urteilen erst recht. Urteile sind subjektiv; deswegen werden sie outgesourct, weitergereicht an irgendwelche Kommissionen, Dienstleitungsagenturen oder Evaluationsbehörden, die vorgeben, subjektive Ansichten in objektive Urteile verwandeln zu können.

Die Wissenschaft ist zahm geworden. Sie insistiert nicht mehr, dreht lieber bei, kriecht unter und macht mit. „Boris Pistorius – Aufbruch“ hieß der Titel einer Ausstellung, auf der die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften die Bilder zeigte, die Herlinde Koelbl, eine ehrgeizige Fotografin, von Boris Pistorius, einem ehrgeizigen Minister, auf ihren Reisen rund um die halbe Welt geschossen hatte. Zurück in Berlin, traf sich Frau Koelbl mit Herrn Markschies, dem Akademiepräsidenten, um das öffentliche Bild des angeschlagenen Ministers öffentlich zu erörtern. Tags darauf trat Pistorius dann selbst vor die Presse, um seine strategischen Pläne bekanntzugeben. So leisten Kunst und Wissenschaft ihren Beitrag zur Verteidigung „unserer Demokratie“.

Die Politik hat den Fuß in der Tür

„Was macht die Kunst?“ fragt der Prinz in der Emilia Galotti, Lessings bekanntem Trauerspiel, den diensteifrigen Künstler. Der antwortet: „Prinz, die Kunst geht nach Brot.“ Die Wissenschaft auch. Nicht offen selbstverständlich, sondern versteckt, auf Umwegen, die gar nicht lang genug sein können, um die Öffentlichkeit zu täuschen und den Schein der Unabhängigkeit, der wissenschaftlichen Autonomie zu bewahren. Der Deal läuft so: Der Bundestag ermächtigt die Bundesregierung, der Humboldt-Universität nahezulegen, ihr Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung zu bitten, bei der Gründung eines anderen, fast gleichnamigen, aber außeruniversitären Forschungs-Instituts, des „Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung“, behilflich zu sein.

Das ist geschehen; und damit hat die Politik den Fuß in die Tür gesetzt. Das Zentrum nennt sich unabhängig, ist es aber nicht. Es betreibt Ressortforschung, tut also, was die Minister*in will. Neben der Integrations- und der Migrationsforschung widmet es sich der Konsens- und der Konfliktforschung, ergänzt und erweitert um Diskriminierungs- und Rassismusforschung, Identitäts- und Diversitätsforschung, Teilhabe-, Vielfalts- und Schnickschnackforschung – die volle Ladung also. Bezahlt wird das Ganze aus dem Bundeshaushalt, aus dem millionenschweren Forschungs- und Förderungsprogramm „Demokratie Leben!“ Damit schließt sich der Kreis. Denn das Zentrum darf das Programm evaluieren, die Geförderten sollen ihre Förderer bewerten. Und tun das auch, indem sie ihnen bescheinigen, fleißig gewesen zu sein, gute Arbeit geleistet und nahezu alle Ziele erreicht zu haben; die letzten Ziele aber nur dann erreichen zu können, wenn die Millionen weiter flössen …und so weiter.

Wie unsere Spitzenpolitiker eilt sie von einem Termin zum nächsten

Der moderne, drittmittelfinanzierte Wissenschaftsbetrieb hat einen neuen Typ hervorgebracht, den Weder-noch-Forscher. Er ist der Nachfolger des Sowohl-Als-auch-Forschers, der sich mit Kombi-Fächern wie Wirtschaftsethik, Befreiungstheologie oder Friedenspädagogik zufriedengegeben hatte.

Über solche Zwitter ist der Weder-noch-Professor hinaus, sein Blick reicht weiter. Er hat das Fächerdenken hinter sich gelassen, ist nicht nur interdisziplinär, sondern multi-, pluri- oder transdisziplinär tätig. Alena Buyx, ehemals Vorsitzende des Ethikrates, ist sogar noch ein Stückchen weiter, sie arbeitet omnidisziplinär, ist Mediziner*in und Manager:in, PolitikerIn und Publizist_in, Forschende, Lehrende und Lernende, alles zusammen. Oder nichts davon. Schwer zu entscheiden für einen, der es noch nicht ganz so weit gebracht hat wie sie.

Der Weder-noch-Professor muss vor allem eines sein: gut vernetzt. Das ist Alena Buyx auch. Sie ist ständig unterwegs und überall zu Hause, in Gütersloh und München genauso wie in Riad, Kapstadt oder Honolulu. Wie unsere Spitzenpolitiker eilt sie von einem Termin, einem Auftritt, einem Summit zum nächsten. Follow the science! ruft sie uns zu, wenn sie den Flieger besteigt. Lieber nicht, sage ich mir, da oben ist es mir zu windig. Ich brauche keine Führer oder Führer*innen. Ich halte es mit David Hume, der gemeint hatte, nichts sei für die Launen des Zufalls und die Torheiten der Mode empfänglicher als die angeblich definitiven Lösungen der Wissenschaft.

Aus der JF-Ausgabe 26/26.

Medizinethikerin und Hochschulprofessorin Alena Buyx: Dauergast in Talkshows. Foto: picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH
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