WIEN. Die linke Studentenvertretung an der Universität Wien hat mit der Einladung eines Al-Kaida-Mitglieds scharfe Kritik ausgelöst. Am 8. Juni soll Mohamedou Ould Slahi bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Fast 25 Jahre Guantánamo Bay“ auf dem Campus auftreten. Thema sind Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und der amerikanische „War on Terror“.
Slahi war Anfang der 1990er Jahre in einem Lager in Afghanistan ausgebildet worden und hatte nach eigener Darstellung der Terrororganisation Al-Kaida die Treue geschworen. In den USA galt der heute 55 Jahre alte Mauretanier später als wichtige Figur mit Kontakten zu Osama bin Laden.
Die amerikanischen Behörden warfen ihm vor, in die Vorbereitungen der Anschläge vom 11. September 2001 verwickelt gewesen zu sein und drei der vier Piloten für Al-Kaida organisiert zu haben. Von 2002 bis 2016 saß Slahi im US-Gefangenenlager Guantánamo, allerdings ohne Anklage. Während seiner Haft schrieb er ein Tagebuch über seine Gefangenschaft, das später international bekannt wurde. Sein Leben wurde zudem im Film „Der Mauretanier“ verarbeitet.

Al-Kaida-Terrorist darf, was Alice Schwarzer nicht sollte
Neben Slahi sollen bei der Veranstaltung ein weiterer ehemaliger Guantánamo-Häftling und ein früherer Guantánamo-Wärter auftreten. Organisiert wird der Termin von der Österreichischen Hochschülerschaft an der Universität Wien. Die ÖH ist die gesetzliche Interessenvertretung der Studenten in Österreich. An der Universität Wien wird sie derzeit von einer linken Koalition unter Führung des Sozialistischen Studentenverbands VSStÖ getragen, der der Sozialdemokratischen Partei Österreichs nahesteht.
Die ÖH verteidigt die Einladung. Man wolle über Menschenrechte und den „War on Terror“ diskutieren. „Sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, sämtliche biografischen Aspekte oder persönlichen Ansichten einzelner Personen unkritisch zu übernehmen, sondern die Auswirkungen staatlicher Maßnahmen auf Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit ernsthaft zu reflektieren“, erklärte ein ÖH-Sprecher.
Bei der Aktionsgemeinschaft, einem bürgerlichen Studentenverband, stößt das auf scharfen Widerspruch. Die AG gilt als ÖVP-nah. „Wer ehemaligen Al-Kaida-Mitgliedern eine Bühne bietet und das als Menschenrechtsdiskurs verkauft, hat den politischen und moralischen Kompass verloren“, sagte AG-Obmann Laurin Weninger.
Auch FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker sprach von einem „unfassbaren Vorgang“. Besonders brisant sei, dass Slahi selbst öffentlich eingeräumt habe, Anfang der 1990er Jahre Mitglied von Al-Kaida gewesen zu sein und einen Treueeid geleistet zu haben. „Wie kann es sein, dass Personen mit derartigen Hintergründen an österreichischen Universitäten hofiert und ihnen unter dem Deckmantel angeblicher Menschenrechts-Diskurse eine Bühne geboten wird? Wie können solche potentiellen Gefährder überhaupt in unser Land einreisen?“, fragte Hafenecker in einer Pressemitteilung.
Der FPÖ-Politiker kündigte parlamentarische Anfragen an Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) an. Die Bevölkerung habe ein Recht darauf zu erfahren, welche Erkenntnisse den Behörden über die eingeladenen Personen und deren Netzwerke vorlägen und ob es Sicherheitsbewertungen zu der Veranstaltung gebe. Für zusätzlichen Unmut unter den Freiheitlichen sorgt der politische Kontrast an den Wiener Universitäten. So hatten Vertreter der Studenten an der Universität für angewandte Kunst Wien gegen einen Auftritt der deutschen Feministin Alice Schwarzer protestiert.
Ihr wurden damals unter anderem „antimuslimische“ und „transphobe“ Positionen vorgeworfen. Ein Mann, der Al-Kaida die Treue geschworen hat, fiele für die ÖH der Universität Wien nun offenbar in den Rahmen eines zulässigen Menschenrechtsdiskurses. (rr)






