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Anja Arndt, AfD

Buchrezension: Der alte Pfarrer und die falschen Propheten

Buchrezension: Der alte Pfarrer und die falschen Propheten

Buchrezension: Der alte Pfarrer und die falschen Propheten

Auf einem alten Foto ist der Autor des Romans "Der alte Pfarrer", der Der dänische Schriftsteller Jakob Knudsen zu sehen
Auf einem alten Foto ist der Autor des Romans "Der alte Pfarrer", der Der dänische Schriftsteller Jakob Knudsen zu sehen
Der dänische Schriftsteller Jakob Knudsen. Foto: Gemeinfrei / Montage: JF
Buchrezension
 

Der alte Pfarrer und die falschen Propheten

Ein alter Pfarrer, ein progressiver Prediger und ein Dorf im moralischen Ausnahmezustand: Ein wiederentdeckter Roman des dänischen Autors Jakob Knudsen zeigt, warum konservatives Denken nicht starr sein muss.
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„Für den Sozialisten ist die Zukunft der Menschheit einfach: die bestehende Ordnung niederreißen und die Zukunft entstehen lassen.“ Immer wieder hob der britische Philosoph Roger Scruton den grundlegenden Unterschied zwischen Progressiven und Konservativen heraus: Erstere bestehen auf dem radikalen Niederreißen von vorhandenen Ordnungen, die nichts als verkrustete Ungerechtigkeit und Unterdrückung seien. Doch nach diesem Akt der Befreiung breche eine Zeit glückseliger Gleichheit und umfassender Liebe zwischen den „neuen“ Menschen an.

Eine Utopie, an die der Konservative nicht recht glauben mag – und die Erfahrung gibt ihm recht. Aber auch für ihn ist der Begriff der Liebe essentiell; eine Liebe, die der Familie und der nächsten Umgebung gilt; einer Schicksalsgemeinschaft mit Verantwortung für Vergangenheit wie auch Zukunft. Bewahrt werde sie durch eine „Politik der Sitten, der Kompromisse und der entschiedenen Unentschiedenheit“, so Scruton.

Das Lob der entschiedenen Unentschiedenheit ist ein konservativer Gedanke von einiger Kontinuität, der sich auch im Roman „Der alte Pfarrer“ findet. In seinem ersten veröffentlichten Roman, erschienen 1899, entfaltet der dänische Autor Jakob Knudsen (1858–1917) den bekannten Widerstreit zwischen progressiven und konservativen Kräften mit durchaus konventionellen Mitteln – um letztlich doch, zumindest für den nicht-konservativen Leser, zu einem überraschenden Ende zu gelangen: Eine Dorfgemeinschaft im dänischen Jütland wird hier zur exemplarischen Gesellschaft, bestehend aus Bauern und Knechten sowie aus Amtsträgern und kleinen Unternehmern.

Im Dorf entsteht eine „erwachte Kaffeegesellschaft“

Für das Wohl der Armen sorgt der großherzige, wenn auch deutlich impulsive Graf Trolle samt Frau und Tochter; Seelsorger der Gemeinde ist der alte Pfarrer Castbierg, ein erzkonservativer Realist, der seine Schäfchen in ihren Stärken und Schwächen auf das Genaueste kennt. Unter diesen aber räubert nun schon seit geraumer Zeit Pfarrer Jensen und verführt sie mit hehren Versprechen von Liebe und Umverteilung, von einer ewig friedlichen Welt in der Vollkommenheit Jesu Christi.

Jakob Knudsen: Der alte Pfarrer. 184 Seiten, Verlag Antaios, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Was Jensen jedoch verschweigt, ist einerseits, dass er seine Gedanken zu dieser humanistischen Moralreligion aus Leo Tolstois Schrift „Worin besteht mein Glaube“ entwendet hat, und andererseits, dass er dringend finanzielle Absicherung benötigt. Unter seinen Ausführungen darüber, dass das Böse verschwinde, wenn niemand mehr Böses tue, entsteht im Dorf eine „erwachte Kaffeegesellschaft“, in der sich die Frauen von ihrer „Schlechtigkeit befreit“ fühlen und die Männer ihren Trieben frönen können – vor allem in Form ausgreifender Völlerei. Diesen mit einiger Ironie beschriebenen „entwurzelten Seelen“ stellt Autor Knudsen die Bauernschaft entgegen; sie ist einfach, solide und aufrichtig, geprägt von Tradition und Verlässlichkeit.

Knudsens Roman „Der alte Pfarrer“ ist ein Kammerspiel, das gleichwohl dem pyramidalen Aufbau eines fünfaktigen Dramas folgt – und an dessen Spitze auch hier der Wendepunkt steht; eine Extremsituation, in der sich die einander gegenüberstehenden Pole bewähren müssen. Ausgerechnet der nichtsnutzige Sohn des progressiven Pfarrers Jensen führt diesen Konflikt herbei: Sein Versuch, die Grafentochter zu vergewaltigen, scheitert zwar, doch zieht der Übergriff Lügen und Verleumdungen sowie einen rasenden Akt der Vergeltung nach sich: Graf Trolle tötet den Schuldigen und lädt damit selbst immense Schuld auf sich – nicht nur gegenüber dem Toten, sondern auch gegenüber seiner kranken Frau und der gemeinsamen Tochter: Käme es zu einem öffentlichen Prozess, wäre beider Leben und Zukunft zerstört.

Knudsen glaubte an die Gemeinschaft

Es ist diese existentielle Notsituation, in der der alte Pfarrer Castbierg von allen konventionellen – um nicht zu sagen: dogmatischen – moralischen Grundsätzen abweicht und dem Grafen selbst zu Lüge und Verschleierung des Totschlags rät. Mehr noch: ihn sogar segnet, als nur noch des Grafen Selbstmord den Schutz seiner Liebsten garantieren kann.

Jakob Knudsen, zunächst Lehrer an der dänischen Volkshochschule, dann Pfarrer und später Schriftsteller, schrieb zeitlebens gegen die allzu rasanten Wandlungsprozesse auf dem Weg zur Moderne an. Tief geprägt vom Grundtvigianismus war ihm das Volk – eine in Sprache, Traditionen und Mythen verbundene Gemeinschaft – Grundvoraussetzung für eine gelingende Gesellschaft.

Konservatismus erschien plötzlich revolutionär

Mit dem Roman „Der alte Pfarrer“ erfuhr Jakob Knudsen seinen literarischen Durchbruch, behandelte er doch die Ende des 19. Jahrhunderts viel diskutierten Fragen zu Religion und Gesellschaft. Neben dem idealistischen Christentum nach Tolstoi, das menschengemachte Werte vergöttert, ohne ihnen im Extremfall selbst gerecht werden zu können, hatte sich in Dänemark auch der „Kulturradikalismus“ verbreitet, der sich sowohl gegen das Christentum als auch gegen die Nation stellte.

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Knudsens Grenzüberschreitung durch den alten Pfarrer, der einen Mord verschleiert sowie einen Selbstmord legitimiert und damit gegen feststehende Glaubenssätze verstößt, brachte ihm den Beifall eben jener Kulturradikalen ein und verunsicherte die Rechte: Konservatismus erschien plötzlich revolutionär; Knudsens Gegner feierten ihn, seine Verbündeten griffen ihn an, wie Jörg Seidel, Wiederentdecker und Übersetzer Jakob Knudsens, in seinem Nachwort bemerkt.

Die 68er räumten ihn ab

Doch man übersah die anspruchsvolle Dialektik, die im Roman verdeutlicht wird: Knudsen stellt das menschliche Gewissen über eine tradierte Moral; der alte Pfarrer ist ein Beispiel für den vom Autor vehement vertretenen ethischen Individualismus, der den feststehenden Gesetzesrahmen im Zweifelsfall durchbrechen darf – sofern dadurch Unrecht verhindert und Leben geschützt werden kann.

Eine zugegebenermaßen nicht ganz ungefährliche Ansicht, könnte sie doch direkt zur Legitimierung von „Gewalt für einen guten Zweck“ führen – doch in Knudsens Lebenswelt existierte noch ein grundsätzlicher Glaube an Gott und dessen Gebote; für den Autor der maßgebliche ordnende Handlungsrahmen.

In Dänemark galt Jakob Knudsen lange Zeit als bemerkenswerter Autor mit einer großen Leserschaft; in seinem Todesjahr 1917 wurde er sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Erst die 68er, die späten Nachfolger der einstigen Kulturradikalen, kritisierten Knudsen als patriarchalisch und reaktionär; gemäß der neuen Ideologie wurde der Autor aus dem literarischen Bewusstsein verdrängt. Warum ihn heute wiederentdecken?

War Jakob Knudsen ein Visionär?

Knudsen war ein vehementer Kritiker der Geschwindigkeit, ja Rastlosigkeit der Moderne, die die Menschen entwurzele, ihre Seelen zu Gespenstern mache. Solche Seelengespenster aber müssen sich an Phantasien nähren, so der alte Pfarrer, seien es nun „Sozialismus oder andere Großpolitik, die aus lauter Phrasen besteht“. Heute stehen wir vor den Ergebnissen einer solchen Großpolitik, die jeglichen Kontakt zur Realität – gar nicht zu reden von einer Form der Wahrhaftigkeit – verloren hat. Wie in der „erwachten Kaffeegesellschaft“ des progressiven Pfarrers wird ein überbordender Altruismus propagiert, dessen normative Wertvorstellungen aber schlichtweg nicht verwirklicht werden (können) – am wenigsten von jenen, die diese Werte so vehement einfordern. Doch eine schlecht geführte Herde ist unberechenbar, weiß der alte Pfarrer, und bietet seinen Schäfchen eine Alternative an: „unter dem Banner des Lebens und des Lichts“.

Nun ja, die Schäfchen folgen ihm nicht sogleich, zunächst müssen sie noch einen Schuldigen, einen Sündenbock ausmachen für das ganze Dilemma. War Jakob Knudsen ein Visionär? Eher nicht; vielmehr war ihm das Allzumenschliche nicht fremd.

Aus der JF-Ausgabe 22/26.

Der dänische Schriftsteller Jakob Knudsen. Foto: Gemeinfrei / Montage: JF
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