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Paralleles Währungssystem?: Wie Stablecoins dem Bankensystem Konkurrenz machen

Paralleles Währungssystem?: Wie Stablecoins dem Bankensystem Konkurrenz machen

Paralleles Währungssystem?: Wie Stablecoins dem Bankensystem Konkurrenz machen

Logo von Tether: eine den US-Dollar nachbildende Kryptowährung. Foto: IMAGO / NurPhoto
Paralleles Währungssystem?
 

Wie Stablecoins dem Bankensystem Konkurrenz machen

Sind Krypto-Investitionen „mehr Casino als Investment“, wie die BaFin warnt? Eine Sonderform der virtuellen Währungen stellen sogenannte Stablecoins dar. Warum Zentralbanken jetzt nervös werden.
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Einige Kryptowährungen haben als Spekulationsobjekt den Normalkunden erreicht. Deshalb warnte der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Mark Branson, vor dem fehlenden Realwert bei Bitcoin, Ethereum & Co, deren Anlage „mehr Casino als Investment“ sei. Zudem hat die BaFin eine Liste von 41 Webseiten veröffentlicht, die in Verdacht stehen, der Geschäftsanbahnung für unerlaubte Finanz- bzw. Kryptowerte-Dienstleistungen zu dienen. Ermittlungen laufen bereits.

Eine Sonderform stellen Stablecoins dar. Ihr Anteil am Kryptomarkt von insgesamt 2,1 Billionen Euro beträgt etwa 13 Prozent, und für die nächsten Jahre wird eine starke Zunahme vorhergesagt. Ihr wesentlicher Unterschied besteht in der Anbindung an einen Referenzwert – das können eine Währung (Dollar, Euro), ein Korb von verschiedenen Währungen oder aber Gold sein. Damit wird – anders als bei Bitcoins – ein stabiler Gegenwert von einem Dollar zum jeweiligen Stablecoin angestrebt. Um dieses Stabilitätsversprechen auch erfüllen zu können, müssen die Herausgeber der geschaffenen Stablecoins („Mining“) im entsprechenden Umfang Dollar bzw. Euro kaufen.

Wichtigste Kryptowährungen im aktuellen Finanzmarkt. Quelle: Coingecko.com. Grafik: JF

Diese Vorgabe wurde 2023 in der EU-Verordnung 2023/1114 über Märkte für Kryptowerte (MiCAR) gesetzlich festgeschrieben. Ähnliche Regelungen bestehen in den USA seit Juli 2025 durch den GENIUS Act. Dies soll verhindern, dass der Gegenwert nur auf dem Papier steht und bei Rückgabe/Einlösung („Burning“) nicht vorhanden ist.

Mögliches Parallelwährungssystem jenseits staatlicher Strukturen

Was macht die Stablecoins für die Nachfrager interessant, wenn doch keine spekulativen Erträge locken? Ursprünglich wurden sie aufgrund ihres Referenzwertes Dollar zum kurzfristigen Parken der Erlöse aus dem Verkauf von Bitcoins genutzt. Damit wurden sie zugleich zur Brücke zwischen dem traditionellen Finanzsystem und der Krypto-Welt, denn ein Tausch in Dollar einerseits und in andere Kryptowährungen andererseits wurde ohne große Transferkosten möglich. Zudem bleibt die Anonymität gewahrt und je nach nationalem Recht können steuerliche Vorteile locken. In Entwicklungsländern, wo die Menschen kaum Zugang zum Bankensystem haben, sind so Zahlungen ohne Bankkonto möglich (finanzielle Inklusion).

Auch grenzüberschreitende Transaktionen zu Verwandten in Entwicklungsländern sind gegenüber dem traditionellen Hawala-System oder Western Union erheblich günstiger. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betragen die Einsparungen etwa 60 Prozent. Ein weiterer Vorteil besteht in Ländern, in denen Kapitalverkehrskontrollen den Zugang zu globalen Märkten verhindern. Gleichzeitig bieten Stablecoins dort einen Schutz gegen den Wertverfall der heimischen Währung infolge hoher Inflation gerade für Bevölkerungskreise, die keinen Zugang zu einem Auslandskonto haben. Dies erklärt beispielsweise die Verbreitung des Tether in Argentinien (JF 1/26). Er dient als Wertspeicher und kann bei Bedarf in die Landeswährung, den Argentinischen Peso, ein- und rückgetauscht werden.

Dies kann bis zu einem Parallelwährungssystem führen, indem auch Unternehmen die Zahlungen an Lieferanten, Rechnungen an Kunden und Gehälter in Stablecoins vornehmen. Demgegenüber stellen Stablecoins in entwickelten Ländern mit der Ausnahme von Kryptogeschäften kaum eine Konkurrenz zum Bargeld und zu Kartenzahlungen dar. Letztere sind günstig, sicher und weltweit akzeptiert, so dass kein Anlass für einen Zahlungsmittelwechsel besteht. Allerdings ist bei einzelnen Anbietern die Abrechnung von Kartenzahlungen bereits in Stablecoins möglich, so bei Visa in dollargekoppelten Stablecoins (USDC der New Yorker Firma Circle) und von Mastercard angekündigt.

Stablecoins werden zu 99 Prozent mit Dollars hinterlegt

Welche Interessen verfolgen die Emittenten von Stablecoins? Da die Kryptowährung gegen Dollar oder Euro herausgegeben wird, kann der Emittent – ein privates Unternehmen – diese in zinstragende Wertpapiere anlegen. In ähnlicher Weise erfolgt die Geldschöpfung durch die EZB. Sie gibt ihre Euro-Währung zumeist gegen Staatsanleihen aus. Den entstehenden Zinsgewinn („Seigniorage“) verteilt sie an die nationalen Zentralbanken, die diesen wiederum an ihre Staatshaushalte ausschütten.

Von daher privatisieren Stablecoins den Zinsgewinn der Geldemission, was die – aus Sicht der Zentralbanken – unerwünschte Konkurrenz privater Währungen offensichtlich macht. So konnte die in Hongkong registrierte Tether Corporation mit operativem Sitz in El Salvador auf der Basis eines Gegenwertes von 187 Milliarden Dollar für 2025 einen Nettogewinn von zehn Milliarden Dollar erzielen, vornehmlich auf der Basis von US-Staatsanleihen in Höhe von 141 Milliarden Dollar.

Das weist zugleich auf die US-Regierung als weiteren Interessenten hin, da US-Bonds jetzt zusätzlich Abnehmer abseits der traditionellen Kapitalmärkte und abseits der eigenen Zentralbank Fed finden. Dieser ist der Ankauf von US-Staatsanleihen im Regelfall erschwert (monetäre Staatsfinanzierung). Durch eine zunehmende Verbreitung von Stablecoins kann das US-Haushaltsdefizit (2025: 1,77 Billionen Dollar) unabhängig von Einflüssen der Fed zinsgünstig gestopft werden. Außerdem stützen Länder, in denen der Tether vermehrt eingesetzt wird, die „Dollarisierung“ und den Greenback als Weltleitwährung. Denn schließlich werden Stablecoins zu 99 Prozent mit Dollars hinterlegt.

Gefahr einer verschärften Krise droht

Hieraus entstehen jedoch potentiell erhebliche Gefahren – für die Stabilität der Stablecoins wie auch für das gesamte Banken- und Finanzsystem. Zum einen wird die Steuerung der Geldpolitik über die Zentralbank erschwert. Zum anderen beinhalten Staatsanleihen Zinsrisiken, die die Wertsicherung und letztendlich den Wert der Dollardeckung in Stressphasen gefährden kann. Auch kann eine Verkaufswelle bei Stablecoins zu Notverkäufen der absichernden Anlagen führen, die die Kurse einbrechen lassen.

Volatile Wertsicherungsanlagen in Bitcoin und Gold können zirkuläre Krisen dann noch verstärken, die auch andere Vermögensmärkte bis hin zu Aktien erfassen mögen. Da nützt auch die Vorgabe von Artikel 36 der EU-Kryptoverordnung wenig, nach der die Vermögenswertreserve so zusammengesetzt sein soll, dass „die Liquiditätsrisiken, die mit den dauerhaften Rücktauschrechten der Inhaber verbunden sind, beachtet werden“.


Prof. Dr. Dirk Meyer lehrt Ökonomie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Aus der JF-Ausgabe 17/26.

Logo von Tether: eine den US-Dollar nachbildende Kryptowährung. Foto: IMAGO / NurPhoto
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