Anzeige
Anzeige

Verteidigungspolitik: Wie die Bundeswehr ihre Panzer „kriegstüchtig“ macht

Verteidigungspolitik: Wie die Bundeswehr ihre Panzer „kriegstüchtig“ macht

Verteidigungspolitik: Wie die Bundeswehr ihre Panzer „kriegstüchtig“ macht

Ein Leopard 2A8 auf der Teststrecke: Jüngste Hoffnung der Bundeswehr. (Themenbild)
Ein Leopard 2A8 auf der Teststrecke: Jüngste Hoffnung der Bundeswehr. (Themenbild)
Ein Leopard 2A8 auf der Teststrecke: Jüngste Hoffnung der Bundeswehr. Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe
Verteidigungspolitik
 

Wie die Bundeswehr ihre Panzer „kriegstüchtig“ macht

Seit dem Ukraine-Krieg stellen Experten zunehmend die Zukunft der Panzerwaffe in Frage. Die Bundeswehr setzt dennoch auf die altbewährten Kampffahrzeuge – und auf hochmoderne Drohnenabwehr.
Anzeige

Die Zukunft der deutschen Panzerwaffe ist hoch umstritten. Derzeit sorgt die Dominanz von Drohnen im Ukraine-Krieg für einen rüstungspolitischen Richtungsstreit zwischen traditionellen Rüstungsschmieden und innovativen Drohnen-Startups. Müssten die einst gefürchteten Kettenfahrzeuge mit ihren Kanonen eigentlich längst eingemottet werden? Sind sie ihre horrenden Beschaffungskosten nicht mehr wert angesichts der Tatsache, dass sie mit kleinen ferngesteuerten und wesentlich günstigeren Fluggeräten außer Gefecht gesetzt werden können? Kurz: Taugt der Panzer nur noch als Ausstellungsstück in historischen Sammlungen, gleich neben Ritterrüstung und Steinschleuder?

Geht es um die Geschichte mechanisierter Kriegsführung, gilt Ralf Raths, der Direktor des Deutschen Panzermuseums (DPM) im niedersächsischen Munster, als nationale Koryphäe. „Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg“ steht dort in übergroßen Lettern direkt am Eingangsportal. Wer das Rüsten als Abschreckungsdoktrin definiert, wird in der exklusiven Sammlung stählerner Kriegsexponate aus 110 Jahren nationaler Panzergeschichte fündig.

Kritiker bemängeln hohe Kosten-Nutzen-Diskrepanz

Eine dieser Gewaltmaschinen ist der legendäre Panzerkampfwagen VI Tiger, der ab 1942 schlagkräftig, aber nicht kriegsentscheidend war. Ein stählerner Koloss mit 57 Tonnen Gefechtsgewicht, mächtigen Kettengliedern und der legendären 8,8-Zentimeter-Kanone am markanten Turm. Wurde der Tiger einst als Wunderwaffe und Sinnbild deutscher Ingenieurskunst propagandistisch ausgeschlachtet, wird die gegenwärtige technische Speerspitze der gepanzerten Kampftruppe vom Leopard 2A8 der Bundeswehr verkörpert.

Der Panzerkampfwagen VI Tiger 1 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Foto: Falk Degner

Ob britische Tank-Offensive von 1916, das Sterben deutscher Panzerverbände im alliierten Jagdbomberhagel 1944 an der Westfront oder Israels Panzerverluste im Jom-Kippur-Krieg von 1973 durch sowjetische Maljutka-Panzerabwehrraketen – schon oft und immer wieder sei der Tod des Panzers prophezeit worden, meinte Experte Raths kürzlich bei einer Diskussionsrunde am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Eine voreilige Diagnose, ist der Historiker überzeugt.

Das Ende des Panzers sei ein wiederkehrendes Phänomen, das seit Beginn des Ukraine-Kriegs virulent kursiere, betont der DPM-Chef am ZMSBw. Tatsächlich habe der aktuelle bewaffnete Konflikt im Osten Europas dazu geführt, dass sowohl die strategische Relevanz als auch die rüstungstechnologische Schutzbedürftigkeit des Panzers aufgrund neuartiger Bedrohungsspektren innovativen Bewertungen mit zahlreichen Anpassungslösungen unterzogen wurden.

„Nur Panzer sind in der Lage, Gelände zu gewinnen“

Dennoch heizt die Massenpräsenz von Killer-Drohnen in der Ukraine das Debatten-Karussell beständig an. Jüngster Beleg dafür ist die durch deutsche Drohnenhersteller wie das Münchner Rüstungs-Startup Helsing entzündete Wortgefecht, dass der kostspielige Rüstungseinkauf von modernen Kampfpanzern aus militärökonomischen Gesichtspunkten wenig Sinn ergebe.

So würde vergleichsweise billige, KI-gestützte „Loitering Munition“, die als Kamikaze-Drohnen über dem Gefechtsfeld „herumlungerten“, bei Zielerkennung über dem Dach schwach geschützter Panzertürme detonieren – die tödliche Top-Attack–, was in der Ukraine zur tausendfachen Vernichtung gepanzerter Gefechtsfahrzeuge geführt habe. Die Kosten-Nutzen-Diskrepanz ergebe sich auch aus den massenhaften Fertigungskapazitäten von Drohnen, da die kostspielige Produktion von Panzern oft Jahre benötige.

Traditionelle Waffenschmieden wie Rheinmetall verweisen indes auf die Tatsache, dass nach vier Jahren Ukraine-Krieg noch immer Panzer über die Gefechtsfelder rollen. Rheinmetall-Chef Armin Papperger bezeichnet die Drohnendebatte schlichtweg als „Unsinn“. Nur Panzer seien als Erdkampfsysteme in der Lage, Raum zu gewinnen und Gelände zu halten.

Militärhistoriker warnt vor Angriff Russlands

Wenn Deutschlands Rüstungsinvestitionen auf dem Weg zu den stärksten Streitkräften in Europa in Panzerbeschaffungen fließen, zielten die Käufe auf modernste Waffensysteme wie den Leopard 2A8 ab. Die neueste „Leo“-Variante sei gegen Drohnenangriffe bestens gewappnet. Die moderne Panzerplattform verfügt neben verstärktem Dachschutz über modulare Verbundpanzerung, optimierten Minenschutz und einen 360-Grad-Schutzschild.

Den Abwehrkern bildet das aktive Schutzsystem „Trophy“ – ein sogenanntes „Hardkill“-System, das über Radarsensoren anfliegende Panzerabwehrwaffen oder Top-Attack-Drohnen erkennt und die Bedrohungen mit Gegenladungen aus turmintegrierten Werfern vor dem Aufprall neutralisiert. Die symbiotische Ergänzung stellt die innovative Nebelwurfanlage dar: ein „Softkill“-System, das bei Bedrohungen in Sekundenbruchteilen dichte Nebelwände erzeugt. Damit werden infrarotbasierte Lenkwaffen zwar nicht zerstört (deswegen „soft“), aber irritiert und von ihrer Flugbahn abgelenkt, was den hohen Schutzfaktor der Panzerbesatzungen zusätzlich steigert.

Analoge Positionen vertritt der renommierte Militärhistoriker Sönke Neitzel, etwa aktuell beim FAZ-Kongress 2026 und auf dem YouTube-Kanal „Sicherheitsrat“. Angesichts aktueller Bedrohungsannahmen durch Nato-Sicherheitsexperten, wonach das massiv aufrüstende Russland ab 2028 zu einem Angriff auf ein Mitgliedsland des Bündnisses in der Lage wäre, stuft der Potsdamer Universitätsprofessor den Fortbestand des Waffensystems Kampfpanzer sowie dessen operationell-taktischen Gefechtswert im engen Systemverbund mit gepanzerten Kampfverbänden wie etwa der Panzergrenadiertruppe als unverzichtbar ein.

Auch Cyberkomponente werde künftig eine Rolle spielen

Neitzels Einschätzungen basieren auf Analysen des Ukrainekriegs mit dem Ergebnis, dass Kampfpanzer, engmaschig eingebettet in eine hochmobile, effektive Abwehrkette, auch gegen Tausende von Kampfdrohnen überlebensfähig sind. Dem Kriegswissenschaftler zufolge bleibt die Panzertruppe in symmetrischen Landkriegsszenarien dann eine essentielle und durchsetzungsfähige Waffengattung, wenn das System Kampfpanzer dem hohen, durch das Drohnenzeitalter notwendig gewordenen Anpassungsdruck rüstungstechnologisch standhält.

Der Leopard 2 A7V mit modernstem Multitarndruck. Foto: Falk Degner

Von einer generellen Doktrin, in Operationen verbundener Waffen bei hochintensiven Gefechten mit Panzerverbänden als „kriegsentscheidende“ Waffe die finale Vernichtungswirkung zu erzielen, müsse sich das deutsche Heer allerdings verabschieden. Wegen der extrem gestiegenen Komplexität bei gegenwärtigen und künftigen „Multi-Domain Operations (MDO)“ wären die Landstreitkräfte nur dann kriegstüchtig und damit siegfähig aufgestellt, wenn Kampfpanzer im engen Gefechtsverbund mit gepanzerter Infanterie, weitreichender Rohr- und Raketenartillerie, Kampfhubschraubern, drohnenabwehrendem Nächstbereichsschutz, eigenen Kampf- und Aufklärungsdrohnen, elektronischer Kampfführung sowie Cyber-Komponenten operieren würden.

Um in MDO – so der Nato-Sprech für den parallel verlaufenden Fünf-Dimensionen-Krieg, der sowohl Luft- wie Weltraum, Land- und Seegebiete sowie den Cyber- und Informationsraum umspannt – auf seiten des Kremls als militärisch schlagkräftig eingestuft zu werden, sei die hohe Einsatzbereitschaft von alliierten Panzertruppen, wie etwa Deutschlands 10. Panzerdivision an der Nato-Ostflanke, ein zentraler Eckpfeiler glaubhafter Abschreckungsdoktrin.

Bundeswehr setzt auf Panzer und Drohnen

Neben der Fähigkeit zur durchgängigen Drohnenresistenz liege ein weiterer entscheidender Kernpunkt für die Zukunftsfähigkeit der Panzertruppe in der Professionalisierung des Soldatenhandwerks. Hier betont Neitzel die Notwendigkeit exzellenter Ausbildung mit dem Ziel der kriegsnahen Beherrschung des Waffensystems. Nur so sei die Panzertruppe angesichts aller erdenklichen Gefechtsbilder in der Lage, überlebensfähig und siegreich zu operieren. Neben einer erstklassigen Ausbildung benötigten die Panzerbesatzungen vor allem Nervenstärke und physische Robustheit.

Um die Moral der gepanzerten Kampftruppe zu härten, fordert Neitzel seitens des Wehrressorts einen radikalen Mentalitätswechsel zu vollziehen, der klar dem militärischen Kernauftrag „Befähigung zum Kampf“ mit dem unbedingten Willen zum Sieg sinnprägend Rechnung trägt. Demnach müssten Kampfeinheiten, so Neitzel, im Sinne klassischer Militärpädagogik zu waffengattungsspezifischen Kriegern geformt werden. Selbst im vierten Jahr des Ukraine-Kriegs präsentiere Deutschlands strukturkonservative Wehrarchitektur einen dysfunktionalen, überbürokratischen Wasserkopf und sei organisatorisch wie materiell nicht kriegstüchtig, so Neitzels bekannt kritische Haltung zur aktuellen Situation in der Bundeswehr.

Die setzt unterdessen auf ein Sowohl-Als-auch: Zum einen wurden jüngst die Verträge mit den deutschen Herstellern Helsing und Stark zur Beschaffung sogenannter Kamikaze-Drohnen („Loitering Munition“) unterzeichnet. Zum anderen setzt das Verteidigungsministerium weiterhin auf Panzer. So will man noch in diesem Jahr die Planung für einen von den bisherigen Konkurrenten Rheinmetall und KNDS zu bauenden Leopard 3 abschließen. Das als „Brückenlösung“ gedachte Fahrzeug samt seiner Kanone mit dem größeren 130-Millimeter-Kaliber soll in den dreißiger Jahren eingeführt werden.

Aus der JF-Ausgabe 16/26.

Ein Leopard 2A8 auf der Teststrecke: Jüngste Hoffnung der Bundeswehr. Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles