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Theodor Groppe: Widerstand aus katholischer Überzeugung

Theodor Groppe: Widerstand aus katholischer Überzeugung

Theodor Groppe: Widerstand aus katholischer Überzeugung

Aus katholischer Überzeugung: Theodor Groppes Widerstand richtete sich vor allem gegen SS-Chef Heinrich Himmler.
Aus katholischer Überzeugung: Theodor Groppes Widerstand richtete sich vor allem gegen SS-Chef Heinrich Himmler.
Theodor Groppes Widerstand richtete sich vor allem gegen SS-Chef Heinrich Himmler. Foto: picture-alliance / dpa | –
Theodor Groppe
 

Widerstand aus katholischer Überzeugung

Eine bemerkenswerte Biographie würdigt den konservativ-katholischen NS-Widerständler Theodor Groppe. Der Generalleutnant sparte nicht mit deutlicher Kritik insbesondere an SS-Chef Himmler und geriet so in Todesgefahr. Dabei gehörte er nicht zum engeren Widerstandskreis des 20. Juli.
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In der deutschen Militärgeschichte kennt man bis heute die Anekdote des preußischen Generalmajors Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der während des Siebenjährigen Krieges einen Befehl König Friedrichs des Großen zur Plünderung des sächsischen Schlosses Hubertusburg verweigerte und deshalb aus dem militärischen Dienst ausscheiden musste, worauf einer seiner Nachfahren auf seinen Grabstein die denkwürdigen Worte setzen ließ: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“.

Ob diese Geschichte nun wahr ist oder nur gut erfunden: Man wird die Tatsache kaum in Frage stellen können, dass gerade der Beruf des Militärs bestimmte charakterliche und in diesem Sinne auch ethisch-moralische Qualifikationen erfordert, die im Kriegsfall das Entstehen von Exzessen purer Gewalt eindämmen oder im besten Fall verhindern können.

Dabei steht es auf einem anderen Blatt, dass Offiziere dieser Art in Geschichte und Gegenwart leider eher dünn gesät sind. Einer von ihnen ist allerdings kürzlich mit einer ansehnlichen, umfangreichen und im ganzen sehr ertragreichen Biographie gewürdigt worden: Theodor Groppe (1882–1973). Er war nicht nur ein Offizier von ungewöhnlicher Tapferkeit – im Ersten Weltkrieg errang er die damals höchste deutsche Kriegsauszeichnung, den Orden „Pour le mérite“ –, sondern auch ein Mann von selten anzutreffender Charakterfestigkeit.

Groppe war streng gläubiger Katholik

Als Berufsoffizier, der die Preußische Kriegsakademie in Berlin absolviert hatte, stieg er während des Krieges bis Ende 1917 in den deutschen Generalstab auf und konnte, im Gegensatz zu sehr vielen seiner Kameraden, auch unter den harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrags in der Reichswehr verbleiben.

Der streng gläubige Katholik war von Anfang an ein entschiedener Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus, doch er blieb, vermutlich aufgrund seiner patriotischen Grundhaltung, auch nach 1933 in der Wehrmacht, diente noch bis in die Anfänge des Zweiten Weltkriegs und schied erst im Frühjahr 1940 endgültig aus seinem Beruf aus. Es waren zwei „unbotmäßige“ Handlungen des Generalleutnants Theodor Groppe, die ihn 1940 seine Stellung kosteten – weil in diesen Fällen „Gehorsam nicht Ehre brachte“.

Anfang Dezember 1939, Groppe war Kommandeur einer am Westwall stationierten Infanteriedivision, erhielt er die Nachricht, dass die Funktionäre der örtlichen NSDAP planten, um der zunehmenden Unzufriedenheit der dortigen Anwohner während der Maßnahmen des „Sitzkriegs“ entgegenzuwirken, ein vermeintlich „spontanes“ Pogrom gegen die ansässige jüdische Bevölkerung zu inszenieren. Groppe protestierte sofort heftig und kündigte mit Rückendeckung seines unmittelbaren Vorgesetzten, des Generalobersten Erwin von Witzleben, an, den Schutz der jüdischen Bevölkerung vor Übergriffen aller Art notfalls mit militärischen Mitteln sicherstellen zu wollen. Tatsächlich war er mit seinem energischen Auftreten erfolgreich; die Parteifunktionäre mussten unter diesen Bedingungen ihr schändliches Vorhaben abblasen.

Widerspruch gegen Himmlers Zeugungsbefehl beendete Groppes Militärlaufbahn

In dieser Angelegenheit kam Groppe angesichts des bevorstehenden Beginns der Kriegshandlungen noch einmal glimpflich davon, doch eine weitere Äußerung sollte ihn seine Stellung kosten. Der Generalleutnant widersprach öffentlich und entschieden dem berüchtigten „Zeugungsbefehl“ Heinrich Himmlers, der den ihm unterstellten SS-Männern und Polizeiangehörigen quasi den Befehl zur Zeugung möglichst vieler, auch außerehelicher Kinder gegeben hatte; das war, wie der Autor zu Recht sagt, nichts anderes als eine weitere „Facette“ von Himmlers „rassistischer Utopie von Blut und Auslese“.

Dieser „Befehl“ des „Reichsführers SS“ sei, schrieb Groppe sofort an seine vorgesetzte Stelle, „an Schamlosigkeit kaum zu überbieten“, weil hierdurch „unsere Frauen und Töchter zum Freiwild für die SS und Polizei“ gestempelt würden, und er fügte hinzu: „Offensichtlich handelt es sich um ein Flugblatt des feindlichen Nachrichtendienstes, das im Ausland den Eindruck erwecken soll, als ob das deutsche Volk aus der Reihe der Kulturnationen ausgeschieden sei“.

Das hatte gesessen. Und als Groppe in einer Kommandobesprechung Anfang 1940 auch noch ganz offen feststellte: „In Polen soll die SS wie das Vieh hausen, Massenerschießungen vornehmen, auch von Kindern“, war das Maß voll: Himmler, dem diese Bemerkungen zugetragen worden waren, konnte Groppes Abberufung von seinem Militärposten durchsetzen. Er wurde zuerst jedoch – als hoch angesehener Pour-le-mérite-Träger des Ersten Weltkriegs – noch nicht aus der Armee entlassen, sondern vorerst in die „Führerreserve mit Aufenthaltsort am Friedensstandort“ versetzt.

Gelegenheit zum organisierten Widerstand fehlte

Erst Ende 1941 musste er die Wehrmacht verlassen, kurz darauf entzog man ihm die Dienstbezeichnung sowie das Recht zum Tragen der Uniform. Der nun zwangsweise ausgemusterte Offizier musste seine große Familie anschließend auf andere Weise ernähren; in einem metallverarbeitenden Werk an seinem damaligen Wohnort Hanau leitete er bis 1944 den Werk- und den Luftschutz sowie die Werksfeuerwehr.

Wirklich gefährlich wurde es für ihn nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. Groppe gehörte den engeren Widerstandskreisen zwar nicht an, war jedoch durch seinen früheren Vorgesetzten von Witzleben in groben Zügen informiert; er werde, hatte der spätere Generalfeldmarschall ihm schon 1940 anvertraut, „gegen den Satan Hitler losschlagen, sobald sich eine günstige Gelegenheit biete“.

Groppe war, wie Gräßler mit Recht anmerkt, ein „grundsätzlicher Opponent“ des Regimes, und zwar aus ethischen und weltanschaulich-religiösen Überzeugungen heraus – und deshalb keineswegs nur ein „einsamer Verweigerer und Nonkonformist im Kleinen“. Und dass sich Groppe „vor und nach 1940 nicht am militärischen Widerstand beteiligte, war nicht mangelndem Willen, sondern fehlender Gelegenheit geschuldet“.

Biographie würdigt Groppes Charakter

Groppes Todfeind Himmler scheint dies geahnt zu haben und ließ ihn deshalb, obwohl er augenscheinlich mit den Umständen des Attentats nichts zu tun hatte, im August 1944 verhaften. Nur mit sehr viel Glück überlebte Groppe, der nach der Jahreswende 1944/45 von einem Militärgefängnis ins andere verschleppt wurde, das Kriegsende. Der aus dem Berliner Hauptquartier des SD ergangene Mordbefehl wurde in den Wirren der letzten Kriegstage an Groppe und seinen Mitgefangenen nicht mehr vollstreckt. Nach dem Krieg zog er sich in seine Heimatstadt Trier zurück, wo er erst 1973 im Alter von 91 Jahren nunmehr hochgeehrt starb.

Gräßler, der für seine vorzügliche und eingängig geschriebene Biographie – unterstützt von führenden Militärhistorikern wie Winfried Heinemann und Sönke Neitzel – eine Fülle von Quellen auswerten konnte, charakterisiert Theodor Groppe ­abschließend mit den treffenden Formulierungen: „Seine Loyalität galt dem Deutschen Reich, der Monarchie und seiner katholischen Kirche, nie einer Staatsform oder Regierung. Die klassischen, zeitlosen Tugenden des Soldaten – Gehorsam, Disziplin, Beharrlichkeit, Tapferkeit, Mut, Ehre und Fürsorge für die Untergebenen, mit Abstrichen, Bescheidenheit – waren ihm Richtschnur.“ Besseres lässt sich über ein langes Soldatenleben wohl kaum sagen.

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Prof. Dr. Hans-Christof Kraus lehrte Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Passau.

Martin J. Gräßler: „Über dem Befehl steht mir Gott“. Theodor Groppe – ein katholischer Offizier im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. BeBra Wissenschaft Verlag, Berlin 2025, gebunden, 440 Seiten, 46 Euro.

Aus der JF-Ausgabe 13/26.

Theodor Groppes Widerstand richtete sich vor allem gegen SS-Chef Heinrich Himmler. Foto: picture-alliance / dpa | –
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