Der Autor Jörg Kirschstein, Archivar aus Potsdam, betrachtet das kurze Leben jenes heute fast vergessenen Mannes, der ohne die Umwälzungen des Jahres 1918 eines Tages wohl deutscher Kaiser und König von Preußen geworden wäre. Prinz Wilhelm von Preußen, ältester Sohn des Kronprinzen, wurde am 4. Juli 1906 in Potsdam geboren und verbrachte seine Kindheit in Potsdam, Berlin, Danzig und Zoppot. Früh zeichnete er sich durch ein rücksichtsvolles Wesen, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein und militärisches Interesse aus. Ab 1920 besuchte Wilhelm das Potsdamer Realgymnasium, wo er durch seinen Gemeinschaftssinn ein Idol und Vertrauensmann wurde, volksnahe Sportarten wie Fußball etablierte und nach dem Abitur 1925 die Abschiedsrede hielt.
Im Jahr 1926 nahm der Prinz als Zuschauer an einem Manöver der Reichswehr teil, was als „Prinzenaffäre“ die Entlassung des Chefs der Heeresleitung, Hans von Seeckt, nach sich zog. 1928 trat Wilhelm in den Jungstahlhelm ein, dessen Gemeinschaft er tief verbunden war. Schon bald wurde er Führer einer Jungstahlhelmgruppe. Um die Eigenständigkeit des Stahlhelm zu wahren, verweigerte er 1932 die Unterstützung der NSDAP und trat als Chef des Stahlhelm-Flugwesens zurück. Als er 1933 unter Verstoß gegen die Hausgesetze, gegen den Willen seiner Familie und unter Missachtung eines Verbotes seines Großvaters, des Ex-Kaisers Wilhelm II., die nicht ebenbürtige Dorothea von Salviati, heiratete, musste er auf sämtliche Erbansprüche am Hohenzollernvermögen verzichten. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor.
Prinz Wilhelm von Preußen sollte die Krone tragen
In den Verfassungsplänen einer militärischen Verschwörergruppe, die 1938 einen Umsturz vorbereitete, war er dennoch als Staatsoberhaupt vorgesehen. Nach Kriegsausbruch kämpfte Wilhelm als Oberleutnant zunächst in Polen, später in Frankreich. Beim Sturm auf ein Dorf bei Valenciennes am 23. Mai 1940 erlitt er einen Lungen-, einen Bauch- und einen Fußschuss. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen. Wilhelms Beisetzung am 29. Mai erfolgte unter enormer öffentlicher Anteilnahme. Hitler reagierte auf diese missliebige Sympathiebekundung mit dem „Prinzenerlass“, der den Fronteinsatz von Mitgliedern ehemaliger regierender deutscher Fürstenhäuser fortan untersagte.

Jörg Kirschstein verdient Anerkennung, da er den Prinzen Wilhelm der Vergessenheit entreißt. Eine reiche Bebilderung macht das Buch lebendig und anschaulich. Störend wirken dagegen die vielen Tipp- und Grammatikfehler. Ferner finden sich inhaltliche Irrtümer. So versteht man unter Agnaten nicht die Vertreter der Standesherren, sondern Verwandte im Mannesstamm. Ebensowenig war das EK I die höchste Kriegsauszeichnung, und Stralsund und Groß Kedingshagen liegen auch nicht in Mecklenburg, sondern in Pommern.
Mehrfach wird Hans-Jürgen Graf von Blumenthal (1907–1944) als Wilhelms engster Freund, wichtige Bezugsperson und Trauzeuge erwähnt. Daher ist es unverständlich, dass Kirschstein eine Quellenrecherche in dessen Umfeld unterlassen hat. Blumenthal war Jungstahlhelmführer, Mitglied der Schwarzen Reichswehr, Journalist, Redakteur der Zeitung Der Stahlhelm und seit seinem fünften Lebensjahr Wilhelms bester Freund. Zeitzeugen zufolge seien die beiden wie Brüder aufgetreten. Ab 1932 geriet Blumenthal, der 1934 SA-Sturmbannführer und 1935 Berufssoldat wurde, in Opposition zur Spitze der NSDAP. Er sollte bereits 1934 in der „Nacht der langen Messer“ liquidiert werden, war in die Verschwörung von 1938 involviert, wurde 1941 an der Ostfront schwer verwundet und für seine Beteiligung am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 am 13. Oktober 1944 hingerichtet.
Blumenthal und Wilhelm hätten Hitler unsympathisch gefunden
In Briefen berichtet Blumenthal seiner Mutter von der nach Einreichung der Doktorarbeit durch das Fehlverhalten des betreuenden Professors geplatzten Promotion Wilhelms an der Universität Greifswald, dem von der Kronprinzessin an ihn herangetragenen Wunsch, Wilhelms Hochzeit zu verhindern und dessen Bitte, er möge Dorothea als seine Bekannte ausgeben. Er schreibt von Wilhelms Trauung und den begeisterten Menschenmassen, die dem Prinzen schon am Vorabend nach dessen Rede zugejubelt und das Deutschlandlied angestimmt hätten.
Berührend sind seine Zeilen zum Tod des treuen Freundes. Wilhelm habe „fest damit gerechnet zu fallen“. In den Aufzeichnungen der Mutter Blumenthals findet sich außerdem ein Bericht über ein Treffen ihres Sohnes und Wilhelms mit Hitler, das auf dessen Wunsch erfolgt sei. Beide hätten Hitler unsympathisch gefunden und seine Angebote abgelehnt. All diese Informationen fehlen in Kirschsteins Buch.
Als problematisch anzusehen ist Kirschsteins verallgemeinernde Annahme einer von den rechten Kräften angeblich gewünschten Rückkehr Kaiser Wilhelms II., die er wohl auch auf Wilhelm bezieht. Bei einer offenbar in diese Richtung interpretierten Unterschrift Wilhelms in einem Brief an seinen Großvater handelt es sich lediglich um eine damals übliche Respektbezeugung gegenüber älteren Familienmitgliedern, und eine 1933 erschienene Abhandlung Blumenthals über den Jungstahlhelm zeugt von einer klar nationalrevolutionären Orientierung. Dies wirft auch die Frage auf, ob Wilhelms Weltbild tatsächlich einfach nur „monarchistisch“ und „konservativ-reaktionär“ gewesen ist, wie der Autor glaubt.
Trotz der dargelegten Mängel handelt es sich bei Kirschsteins Buch um eine wertvolle Arbeit. Eine gründlich überarbeitete Neuauflage wäre wünschenswert.






