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Diplomatiegeschichte: Im Galopp in den Ersten Weltkrieg

Diplomatiegeschichte: Im Galopp in den Ersten Weltkrieg

Diplomatiegeschichte: Im Galopp in den Ersten Weltkrieg

Bündnisschmieden vor dem Ersten Weltkrieg: Der französische Präsident Raymond Poincare (l.) fährt mit Zar Nikolaus II. in der Kutsche.
Bündnisschmieden vor dem Ersten Weltkrieg: Der französische Präsident Raymond Poincare (l.) fährt mit Zar Nikolaus II. in der Kutsche.
Der französische Präsident Raymond Poincare (l.) fährt mit Zar Nikolaus II. in der Kutsche. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Diplomatiegeschichte
 

Im Galopp in den Ersten Weltkrieg

Die Jahrhundertfrage über das Verschulden am Ersten Weltkrieg: Der Blick auf die Außenpolitik der Ententemächte vor 1914 stellt alte Weisheiten aus der deutschen Binnenperspektive in Frage. Eine Neubewertung drängt sich auf.
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„Fast ein Dreivierteljahrhundert haben die deutschen Historiker an der falschen Front gekämpft.“ So drückte es ein angelsächsischer Kollege mit Blick auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus. Die spitze Bemerkung zielte auf das methodische Defizit, das die Forschung hierzulande seit Fritz Fischers bahnbrechendem „Griff nach der Weltmacht“ von 1961 kennzeichnet. So wurde zwar eine Menge an Dokumenten beigebracht, um die Vorbereitung eines Eroberungskriegs oder eine gezielte Eskalationsstrategie durch Berlin zu beweisen.

Aber die Akten der Gegnermächte blieben unberücksichtigt, insbesondere die von den Bolschewiki seit 1918 aus den zaristischen Archiven ans Licht gezerrten Quellen: die Geheimabsprachen der Ententemächte zur Einkreisung des Deutschen Reiches. Diese Binnenperspektive führte zum Ergebnis, dass die von Berlin getroffenen Entscheidungen – der „Blankoscheck“ an Österreich-Ungarn vom 6./7. Juli 1914 sowie die Kriegserklärungen an Russland und Frankreich vom 1. und 3. August – die deutsche Hauptverantwortung am Kriegsausbruch begründen.

„Kriegserklärung ist Kriegsverursachung“ – dieses schlichte Kausalschema ignoriert den Umstand, dass die internationale Politik von einem komplexen Geflecht antagonistischer Aktion und Reaktion bestimmt wird. Großkriege sind kein plötzlich hereinbrechendes Naturereignis. Sie sind die blitzartige Entladung eines Gewitters, dem ein langes Donnergrollen vorausgeht. Ohne die Rolle Frankreichs, Russlands und Englands in den Blick zu nehmen, kann somit die komplizierte Grammatik der Vorgeschichte des Kriegs nicht entschlüsselt werden.

Aggressionen Russlands richteten sich gen Westen

Das Manöver, das Deutsche Reich zu umzingeln und die Weichen für den Showdown zu stellen, begann mit dem französisch-russischen Militärpakt von 1893. Er sah die Mobilmachung von 1,3 Millionen Mann im Westen und einer knappen Million russischer Soldaten im Osten vor. Diese Abmachung war ein gänzlich neues Element in der europäischen Politik. Bismarcks Bündnisse waren Status-quo-Allianzen gewesen. Sie bändigten die Turbulenzen im Staatensystem und zielten auf Konfliktvermeidung.


Die „gallisch-russische Greifzange“ dagegen, wie sie Wilhelm II. titulierte, war ein offensives Werkzeug des Machtausbaus, ein Sprungbrett in den Krieg. Entsprechend euphorisch bewertete der Pariser Außenminister die Revanche-Perspektive des Abkommens, als er feststellte: „Wir dürfen nicht einen Augenblick den Krieg aus den Augen verlieren, den wir eines Tages gegen Deutschland zu führen haben werden und der für lange Zeit das Schicksal Europas entscheiden wird.“ Analoge Töne kamen von Zar Alexander III., als er seinen zögernden Außenminister zurechtwies: „Wir müssen bei einem Krieg zwischen Frankreich und Deutschland sofort über die Deutschen herfallen, um ihnen keine Zeit zu lassen, zunächst Frankreich zu schlagen und sich dann gegen uns zu wenden. Wir müssen Deutschland bei der ersten Gelegenheit zerschmettern.“

Nach der Jahrhundertwende wurde dieses Szenario akut. Richtungsweisend war der britische Kolonialausgleich mit Russland von 1907, als London das fast ein Jahrhundert geltende Axiom seiner Kontinentalpolitik über Bord warf: die Verteidigung Konstantinopels vor einem russischen Zugriff. Die Opferung dieses eisernen Grundsatzes war eine Einladung an Sankt Petersburg, zur Tat zu schreiten. Seitdem tickte das Uhrwerk des Krieges. Denn nun entlud sich der russische Expansionsdrang nicht mehr gegen die britischen Bastionen in Asien. Die Aggression richtete sich gegen Österreich-Ungarn und das mit diesem verbündete Deutsche Reich.

Serbien fiel Rolle des Provokateurs zu

Entsprechend groß war die Euphorie in Petersburg. Die Besitzergreifung der Meerengen, so lautete der Beschluss einer Konferenz unter dem Vorsitz des Zaren am Silvestertag 1913, sei nur durch „einen allgemeinen europäischen Krieg möglich“. Deshalb müsse der Griff nach Konstantinopel „mit Operationen an der deutsch-österreichischen Grenze beginnen. Weder England noch Frankreich werden uns dabei in den Arm fallen.“ Serbien war in diesem Drehbuch die Rolle als Agent provocateur zugedacht. Außenminister Sergei Sasonow stachelte Belgrad wiederholt zum gewaltsamen Vorgehen gegen Wien auf und veranlasste schon zwei Tage nach dem Attentat von Sarajewo, am 30. Juni, ohne dazu im geringsten vertraglich gebunden zu sein, die Lieferung von mehr als 120.000 Gewehren und 120 Millionen Schuss Munition.

Wenn die Russen den Serben die Zündschnur zur Detonation der Kriegsbombe in die Hand drückten, dann hatte die Pariser Politik die entscheidende Vorarbeit geleistet. Dort amtierte seit Januar 1912 Raymond Poincaré als Ministerpräsident und Außenminister, der zielstrebig am Zustandekommen einer großen Allianz für den Revanchekrieg gegen Deutschland arbeitete. Die Briten und die Russen hatte er im April 1914 dazu gebracht, Verhandlungen über eine Marinekonvention aufzunehmen, die im Kriegsfall die Anlandung russischer Soldaten an der deutschen Ostseeküste vorsah. Gleichzeitig pumpte er Milliarden von Francs in den russischen Staatshaushalt, um ein großes Rüstungsprogramm auf den Weg zu bringen.

Die Aufstockung der Präsenzstärke der Armee auf mehr als 2,3 Millionen Mann, die massenhafte Bereitstellung von Eisenbahnwaggons und der Ausbau der an die deutsche Grenze führenden Eisenbahnlinien – alles diente dazu, die Mobilmachungszeit des Heeres im Riesenreich von 31 auf 16 Tage zu halbieren, die Prämissen des Schlieffenplans auszuhebeln und Deutschland in einen simultanen Krieg an zwei Fronten zu zwingen. Und er gab Zar Nikolaus II. bis Ende Juli 1914 mehrfach unkonditionierte Zusagen unverbrüchlicher Beistandstreue. Das war der Freibrief zur Aufsprengung des Balkanraums, um einen Großmachtkrieg zu entfesseln.

Das bedrängte Deutsche Reich wollte mit Krieg Umklammerung lösen

Seit Ende Mai 1914 wusste man in Berlin durch einen Spion in der russischen Botschaft in London, dass sich ein eiserner Ring um das Reich gelegt hatte. In diesem Umstellungsszenario schien es ausgeschlossen, mit Österreich den einzig verbliebenen Bundesgenossen zu verprellen, zumal die Ententemächte die Daumenschrauben jederzeit fester ziehen konnten. Als Russland am 25. Juli die Mobilmachung verfügte, schnappte die Falle des Zeitdrucks zu. Deren Absicht war, wie der russische Kriegsminister entlarvend zugab, „Deutschland die Initiative einer Kriegserklärung zuzuschieben“.

Jetzt spürte man in Berlin das Messer an der Gurgel. Und jetzt wurde die Auslösung eines Großmachtkriegs zur Ultima Ratio. Damit konnte man das Reich vom Würgegriff der Entente befreien und der machtpolitischen Erosion Einhalt gebieten. „Wir wären“, so der Reichskanzler, „auf den Status eines östlichen Winken gefügigen Vasalls“ Russlands herabgesunken.

Im Pokerspiel der Julikrise besaßen Paris und Sankt Petersburg die besseren Karten. Sie konnten glaubwürdig mit dem Krieg drohen. Das von zwei Seiten bedrängte Deutschland musste ihn auslösen. Théophile Delcassé, der französische Botschafter in Russland, hatte dies 1913 vorhergesagt: „Deutschland kann es sich nicht leisten, abzuwarten; es wird nicht in der Lage sein, den Druck auszuhalten; seine Lage wird in wenigen Jahren noch schlechter sein als jetzt; und wenn der Krieg nicht vermieden werden kann, dann wird es diesem jetzt nicht aus dem Wege gehen.“

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Prof. Dr. Rainer F. Schmidt lehrte Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Würzburg.

Aus der JF-Ausgabe 35/26.

Der französische Präsident Raymond Poincare (l.) fährt mit Zar Nikolaus II. in der Kutsche. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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