John Adalbert Lukacs, ecrivain. Photographie septembre 2006. ©Effigie/Leemage
John Adalbert Lukacs (1924 – 2019) Foto: picture alliance/Leemage
John Lukacs

Reaktionär aus Reaktion

Vor einem Jahr, am 6. Mai 2019, starb John Lukacs. Am 21. Januar 1924 in Budapest geboren, hatte er ein biblisches Alter erreicht. Was die geringe Zahl der Nachrufe zum Teil erklärt. Aber die Hauptursache des Schweigens dürfte wohl darin liegen, daß Lukacs sich immer von den großen Lagerbildungen ferngehalten hat: in bezug auf sein Fach – die Geschichtswissenschaft – und in bezug auf die Politik.

Wenn Lukacs als US-Historiker bezeichnet wurde, löste das bei ihm eine Irritation aus. Denn so dankbar er für die Aufnahme und die Staatsbürgerschaft und die Heimat in einem kleinen Ort Pennsylvaniens war, er fühlte sich doch nie ganz „amerikanisch“. Ein wesentlicher Grund dürfte die Prägung durch die beiden ersten Jahrzehnte seines Lebens gewesen sein, die er noch in Ungarn verbringen konnte. Lukacs wuchs in einer bürgerlichen Familie auf, zeichnete sich früh durch seine Sprachbegabung und seine Belesenheit aus.

Ohne den Krieg, den Antisemitismus der Pfeilkreuzler, die noch 1944 die Macht ergriffen und seine jüdische Mutter bedrohten, und dann die kommunistische Machtübernahme unter dem Schutz der sowjetischen Besatzer, hätte sein Leben in einer geregelten Bahn verlaufen können. So floh er 1946 in die USA, schloß hier seine Studien ab und arbeitete in Zukunft als Lehrer, dann als Professor. Einen „Ruf“ wollte er nicht und erhielt ihn auch nicht. Aber im Laufe der Jahrzehnte veröffentlichte Lukacs mehr als zwei Dutzend Bücher, die sich in erster Linie mit der Zeitgeschichte befaßten.

Keiner Schule zuzurechnen

Den ersten Hinweis auf seine Arbeiten erhielt ich durch Caspar von Schrenck-Notzing, der äußerte, daß Lukacs die wohl selbständigste Deutung der politischen und militärischen Entwicklung zwischen 1939 und 1941 biete. Tatsächlich hatte sich Lukacs mit seinem Buch Die Entmachtung Europas (Der letzte europäische Krieg 1939–1941, 1978) zwischen denen positioniert, die meinten, daß es Hitler nur darum gegangen sei, irgendwann mit dem „Griff nach der Weltmacht“ zum Zuge zu kommen, und denen, die meinten, es habe sich bei dem Konflikt mit Polen und dann den europäischen Westmächten um einen „Normalkrieg“ gehandelt, der mit dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges in einen „Weltanschauungskrieg“ umschlug.

Lukacs wollte demgegenüber die Eigendynamik des Geschehens in den Mittelpunkt rücken und deutlich machen, in welcher Perspektive das Kriegsgeschehen von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde, inwiefern sie alle – wie wir alle – unter Bedingungen agieren, die weder vollständig zu verstehen noch vollständig zu beherrschen sind.

Seine Weigerung, sich einer „Schule“ anzuschließen, war auch den späteren Veröffentlichungen anzumerken, in denen sich Lukacs mit dem Zweiten Weltkrieg (auf Deutsch nur: Churchill und Hitler. Der Zweikampf 10. Mai – 31. Juli 1940, 1992) und der Bedeutung der Person Hitlers (vor allem Hitler. Geschichte und Geschichtsschreibung, 1997) befaßte. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks nutzte er außerdem die Möglichkeit, in seine Heimat zurückzukehren, dort archivalisch zu arbeiten und zu Aspekten der ungarischen Geschichte zu publizieren (Ungarn in Europa. Budapest um die Jahrhundertwende, 1990).

Sympathie für die Grünen

Das Spätwerk von Lukacs umfaßt aber vor allem systematische Überlegungen, in denen er auch seine eigene politische Position genauer entwickelte. Bekannt war er bis dahin als Antikommunist geworden, der McCarthys Agitation und die von Eisenhower betriebene Verschärfung des Kalten Krieges kritisierte. Folgerichtig ließ er sich zwar den Konservativen zurechnen, hegte später aber auch keine Sympathie für Nixon, Reagan oder die beiden Bushs.

Ganz im Gegenteil. Für ihn waren sie alle Repräsentanten jener Schwundform des „Konservatismus“, die in den USA gemeinhin als Kombination von nationaler Hybris und Marktradikalismus auftritt. Eine Aversion, der bei Lukacs eine ausgesprochene Sympathie für die deutschen Grünen korrespondierte. Fragen des praktischen Umwelt-, Heimat- und Lebensschutzes haben ihn immer beschäftigt. Allerdings warf er den Grünen ihren bedauerlichen Mangel an Konsequenz vor: Denn Ökologie und Feminismus, Ökologie und Abtreibung auf Wunsch, Ökologie und Masseneinwanderung oder Ökologie und Gleichheitswahn gingen nicht zusammen.

Selbstverständlich wußte Lukacs genau, wie klein die Chance war, die Grünen irgendwann links ab- und „rechts auftauchen“ (Die Geschichte geht weiter. Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und die Wiederkehr des Nationalismus, 1994) zu sehen. Aber seine Enttäuschung hielt sich mit der über die die „Konservativen“ die Waage, die ihre Hauptaufgabe verkannten: einen Damm gegen die Tendenz zu bilden, die Lukacs als „populistisch“ bezeichnete und in der er nichts anderes sah, als den Versuch von Demagogen, mit Hilfe des Mobs in den Besitz der Macht zu gelangen (Democracy and Populism: Fear & Hatred, 2005).

Reaktion auf indiskutable Verhältnisse

Lukacs hat deshalb den Begriff „konservativ“ zuletzt nicht mehr zur Bezeichnung seiner eigenen Position verwendet. „Ein Reaktionär wird gemacht, nicht geboren“, schrieb er Ende der 1980er Jahre. Womit er zum Ausdruck bringen wollte, daß er als „Reaktionär“ auf indiskutable Verhältnisse „reagierte“, nicht, daß er aus Borniertheit oder Nostalgie an Überkommenem festhalten wolle.

Der Satz findet sich in einem Buch, das den schönen Titel Confessions of an Original Sinner (1990) – „Bekenntnisse eines Erbsünders“ trägt. Den Begriff des Erbsünders hat Lukacs nicht ironisch gemeint, sondern als Hinweis auf sein Selbstverständnis und sein Verständnis der conditio humana. Die sah er durch jene fundamentale Neigung zum Bösen geprägt, die die christliche Lehre traditionell mit dem Hinweis auf den Sündenfall und seine Folgen für jeden Nachgeborenen erklärte.

Folglich hat Lukacs auf die Frage, was ihn immer an der katholischen Kirche habe festhalten lassen, geantwortet: die Übereinstimmung in bezug auf das Menschenbild. Ein Menschenbild, das bittere Einsichten bereithält, aber auch den Trost der Gotteskindschaft. Lukacs betonte, daß er keine Sympathie für die Anschauungen des Radikalprotestanten Calvin empfand, die auf die amerikanische Geschichte so großen Einfluß genommen hatten, aber er zitierte zustimmend einen Satz aus dessen Institutio: „Eine gewisser Sinn des Göttlichen ist in jedes Herz eingeschrieben“.

John Adalbert Lukacs (1924 – 2019) Foto: picture alliance/Leemage

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