Gefangennahme Zweiter Weltkrieg
Die US-Armee nimmt junge Wehrmachtssoldaten gefangen Foto: dpa
Zweiter Weltkrieg

„… konnte einwandfrei als Todesursache Genickschuß festgestellt werden“

Eigentlich hätte der Krieg schon vorbei sein sollen für Edgar Frosch, der sich zunächst so gefreut hatte, Soldat zu werden. Der 16jährige Lehrling aus dem unterfränkischen Bürgstadt war noch im Frühjahr 1945 mit anderen Mitgliedern der Hitlerjugend (HJ) in das Wehrertüchtigungslager „Hohe Fahrt“ in Vöhl am Edersee geschickt worden. Nach einer kurzen Ausbildung an der Panzerfaust hieß es für die Jungen am 6. März: ab in den Harz. Hier müsse der Vormarsch der rasch nach Osten vorrückenden Amerikaner zum Stehen gebracht werden. Der deutsche Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Albert Kesselring, wollte das Mittelgebirge unbedingt halten, um so noch Kräfte westlich der Elbe zu sammeln, die der im Ruhrkessel eingeschlossenen Heeresgruppe zu Hilfe kommen könnten.

Hier in den Tälern und in teilweise dicht bewaldetem Gebiet sollten die etwa 100.000 Soldaten der 11. Armee unter General der Artillerie Walter Lucht noch einmal erbittert Widerstand leisten. Doch obwohl zahlenmäßig unterlegen, waren die Amerikaner durch Artillerie, Panzer und Jagdbomber klar im Vorteil. Im Norden rückte die 9. US-Armee vor, von Süden die 1. US-Armee – so wurden die deutschen Truppen auch im Harz eingekreist.

Als Mitte April 1945 klar war, daß der Kampf dort mit dem Bau von Panzersperren nicht mehr zu gewinnen war – nur jeder vierte habe einen Karabiner gehabt, „zusammen mit zwei bis drei Panzerfäusten und ein paar Handgranaten“, schilderte es später ein Zeitzeuge –, hatte man Edgar Frosch und andere nur unzureichend militärisch ausgebildete Hitlerjungen entlassen; in Zivilkleidung und mit reichlich Marschverpflegung. Von Thale im östlichen Nordharz aus wollten sie durchs Tal des Flusses Bode in Richtung ihrer Heimat am Main.

„Ein Bild des Grauens“

Doch statt nach Hause führte sie der Weg in den Tod. Als die zehnköpfige, unbewaffnete Gruppe nach wenigen Kilometern das Örtchen Treseburg südwestlich von Thale erreichte, geriet sie unter Beschuß, obwohl – wie Zeugen später berichteten – die Jungen eine weiße Fahne geschwenkt hätten. Einer aus der Gruppe kann entkommen und sich in einem Stollen verstecken, die anderen wurden von den Amerikanern umzingelt und gefangen genommen. Etwas später trieben US-Soldaten die neun Jugendlichen die Straße entlang ein Stück aus dem Ort hinaus und in den Wald. Kurz darauf fielen Schüsse …

Der Treseburger Werner Meister berichtete, er sei einen Tag später gemeinsam mit dem Gemeindediener Karl Hermann von Soldaten der amerikanischen Armee abgeholt worden, um gefallene Deutsche zu beerdigen. „Oberhalb der des Albrechtweges in der Kurve lagen die tags zuvor durch Genickschuß getöteten neun Hitlerjungen, ein Bild des Grauens. Nachdem wir ihnen die Ausweise abgenommen hatten, wurden sie in dreieckige Zeltbahnen gewickelt, auf einem zweirädrigen Karren zu dem inzwischen ausgehobenen Massengrab gefahren.“ Die Papiere der Jungen soll ein Amerikaner später vernichtet haben.

Die US-Armee kündigte der Zivilbevölkerung ihren Anmarsch auf Flugblättern an Foto: Robby Zeitfuchs, Volker Schirmer: „Zeitzeugen – Der Harz im April 1945“, 2004

Was war der Grund für diese furchtbare Tat? Warum mußten Frosch und seine Kameraden, die beiden ältesten 17, der jüngste gerade mal 15 Jahre alt, sterben? Obwohl keiner von ihnen bewaffnet war …?

Rache für einen Angriff auf den amerikanischen Kommandanten?

Es gibt Spekulationen, die Exekution könnte ein Racheakt gewesen sein. Denn einen Tag zuvor soll der in einem Hotel an der Bode untergebrachte Gefechtsstand des amerikanischen Bataillons in Treseburg von einem versprengten deutschen Trupp unter Maschinengewehr-Feuer genommen worden sein. In einem Bericht heißt es, die Amerikaner hätten daraufhin zunächst angedroht, als Sühnemaßnahme für diesen Beschuß, jeden zweiten männlichen Einwohner des Ortes zu erschießen; um dann stattdessen, quasi ersatzweise, die HJ-Buben zu exekutieren.

Gesichert ist indes, auf welche Art die neun jungen Deutschen starben. In einem Schreiben des Treseburger Bürgermeisters an die „Deutsche Dienststelle zur Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ aus dem Jahr 1949 heißt es über die in einem Massengrab im Ort befindlichen Gefallenen: „Wie Einwohner bestätigen, sind diese Jugendlichen von Amerikanern durch Kopfschüsse getötet worden. (Als Geiseln für einen Anschlag auf den amerikanischen Kommandanten.) Die Papiere sollen von einem amerikanischen Feldwebel eingesammelt und vernichtet oder fortgeworfen worden sein. Genaue Angaben lassen sich nicht machen.“

Gedenksteine erinnern an die Getöteten in Treseburg Foto: Vollradt

Im Jahr 1951 wurde das Massengrab geöffnet und die mittlerweile vollständig verwesten Leichen umgebettet. Im Grab befanden sich dem darüber angefertigten Protokoll zufolge die sterblichen Überreste von fünf Soldaten und neun Jugendlichen „im Alter von 15 – 17 Jahren (ehemalige Angehörige eines Wehrertüchtigungslagers).“ Weiter heißt es in dem Schreiben: „Bei den neun HJ-Jungen wurden keinerlei Papiere mehr vorgefunden. Bei zwei von ihnen konnten noch Privatpullover festgestellt werden. Einer aus blau-weißer Wolle gestrickt und mit weißem Reißverschluß aus Kunststoff (nicht Metall) und der andere grau oder grün mit brauner Kante … Bei den neun Jugendlichen konnte einwandfrei als Todesursache Genickschuß festgestellt werden.“

Staatsanwaltschaft und Polizei ermittelten

Noch Jahrzehnte später beschäftigte ihr Schicksal nicht nur die Angehörigen oder diejenigen Treseburger, die dies als Zeitzeugen miterlebten. Auch die Staatsanwaltschaft Magdeburg und die Kriminalpolizei in Halberstadt nahmen vor etwa 15 Jahren Ermittlungen auf. Denn der Junge aus der Gruppe, der am 19. April 1945 den feuernden Amerikanern entkommen, der sich verstecken und so überleben konnte, hatte 2005, kurz vor seinem Tod, noch Strafanzeige gestellt.

Doch für die Ermittler erwies sich die Arbeit aufgrund der großen zeitlichen Distanz als äußerst schwierig. Denn die Berichte der Zeitzeugen über das, was damals in Treseburg geschah, enthalten zum Teil widersprüchliche Angaben über das Vorgehen der US-Soldaten, wichtige Details ließen sich so nicht mehr beweissicher klären. Waren die Jungen wirklich als HJ-Mitglieder, noch dazu in Zivilkleidung unterwegs? Dann wären sie formal keine Militärangehörigen gewesen, sondern unbewaffnete Zivilisten; ihre Erschießung wäre also als Mord einzustufen – und der verjährt nicht.

Nach über 60 Jahren endlich ein Grab mit Namen

Waren die Jugendlichen nach Absolvierung des Wehrertüchtigungslagers am Edersee jedoch im „Deutschen Volkssturm“ – und damit Angehörige eines militärischen Verbandes –, müßte ihre Erschießung, da sie unbewaffnet waren, mutmaßlich als Kriegsverbrechen, jedoch nicht als Mord gewertet werden. Zumal die Amerikaner in diesem Fall sie möglicherweise als zivil getarnte „Werwolf“-Kämpfer verdächtigt haben könnten.

Die Namen der getöteten deutschen Jugendlichen auf dem Gedenkstein Foto: Vollradt

Ungeachtet all dieser Ungewißheiten ist immerhin im Jahr 2012 ganz offiziell und mit einer feierlichen Zeremonie im Beisein von Angehörigen ein neuer Gedenkstein auf der Kriegsgräberanlage des Friedhofs in Treseburg eingeweiht worden. Erstmals sind nun die Namen der vor 75 Jahren getöteten Jungen erwähnt; ein älterer Stein hatte lediglich die Bezeichnung „unbekannte Soldaten“ getragen. Unbekannt ist dagegen weiterhin, wer verantwortlich war für den Tod von Edgar Frosch, Valentin Kunkelmann, Longin Harder, Ewald Hoffmann, Georg Schade, Willi Vollweiler, Willi Fröhlich, Georg Werner und Willi Müller.

Die US-Armee nimmt junge Wehrmachtssoldaten gefangen Foto: dpa

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