25 Jahre Öffnung des Eisernen Vorhangs

Ein Picknick für die Freiheit

BERLIN. Was als ein nachbarschaftliches Picknick zwischen Österreichern und Ungarn geplant war, wurde für 700 DDR-Bürger zur Chance auf die Flucht in die Freiheit. Seit Tagen grassierten auf den ungarischen Campingplätzen unweit der Grenze zu Österreich zahlreiche Flugblätter, auf denen für den 19. August zu einem „Paneuropäischen Picknick“ in Sopron/Ödenburg geladen wurde.

Das schier Unglaubliche: Der Eiserne Vorhang sollte an diesem Tag für einige Stunden geöffnet werden. Eigentlich sollte dadurch den Österreichern die Möglichkeit gegeben werden, mit ihren ungarischen Nachbarn das Picknick gemeinsam feiern zu können.

Hunderte nutzten die Gelegenheit

Doch es war Sommer, und viele DDR-Bürger hatten Ungarn als eines der wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Reiseziele gewählt, um die heiße Jahreszeit am Plattensee zu verbringen und dem realexistierenden Sozialismus zumindest für eine kurze Zeit zu entfliehen. Manch einer trug sich mit dem Gedanken, nie wieder in den „Arbeiter- und Bauernstaat“ zurückzukehren, sondern über Jugoslawien sein Heil im „goldenen Westen“ zu suchen.

Schirmherren des Picknicks von Sopron/Ödenburg waren der EU-Abgeordnete sowie Vorsitzende der Paneuropa-Union, Otto von Habsburg, und Imre Pozsgay, Mitglied des Zentralkomitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei und einer der führenden Reformer, die sich für die Demokratisierung Ungarns starkmachten.

Grenzer schauten weg

Österreichische Grenzbeamte öfnnen das Grenztor Foto: Picture alliance/dpa
Österreichische Grenzbeamte öfnnen das Grenztor Foto: Picture alliance/dpa

Gegen Mittag tauchten die ersten DDR-Bürger am Grenzübergang auf. Anfänglich zögernd dann zunehmend euphorisch passierten sie den Eisernen Vorhang, der die Straße von Sopron in Richtung des österreichischen St. Margarethen seit 1948 versperrte. Hunderte folgten ihnen an diesem Tag.

Und ihr Traum wurde Wirklichkeit. Die ungarischen Grenzer ließen sie passieren und schauten über Stunden großzügig weg. Der Stasi blieb an diesem Tag nur die Aufgabe, die zahlreichen Autos, die die DDR-Flüchtlinge in Ungarn zurückgelassen hatten, in die Heimat zurückzuführen. Es war ein Vorzeichen dafür, daß der sozialistischen Diktatur die Kontrolle über ihre nach Freiheit strebenden Bürger mehr und mehr aus den Händen glitt.

Nicht einmal drei Wochen später öffnete Ungarn seine Grenze für Reisende aus der DDR endgültig. Zwei Monate darauf fiel in Berlin die Mauer. Die Zeit des geteilten Deutschlands war vorbei. (krk)

DDR-Flüchtlinge erreichen am 19. August 1989 Österreich Foto: picture alliance/dpa

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