Der Migrationsforscher Ruud Koopmans kritisiert das hessische Kultusministerium
Der Migrationsforscher Ruud Koopmans kritisiert das hessische Kultusministerium (Archivbild) Foto: picture alliance / dpa | Jörg Carstensen

Hessisches Kultusministerium
 

Mohammed-Karikaturen: Migrationsforscher warnt vor falscher Rücksicht

WIESBADEN. Der Migrationsforscher Ruud Koopmanns hat im Umgang mit Mohammed-Karikaturen vor falscher Rücksichtnahme gewarnt. Er kritisierte eine Empfehlung des hessischen Kultusministeriums, in der Schulleiter gewarnt wurden, das Zeigen solcher Darstellungen könne schwerwiegende Folgen haben. „Kein Lehrer wird sich nach dem Lesen des Schreibens noch trauen, die Karikaturen zu zeigen“, sagte er der Welt am Sonntag. Er rief dazu auf, vor allem den Bildungsauftrag in der Demokratie im Blick zu haben. Andere Meinungen und Äußerungen müßten ausgehalten werden.

Bereits im Dezember hatte das Ministerium gewarnt, daß es beunruhigende „Hinweise im Zusammenhang mit der Thematisierung des Mordes an dem französischen Lehrer Samuel Paty gebe“. Dieser war am 16. Oktober von einem 18jährigen Islamisten in Frankreich enthauptet worden. Zuvor hatte der Pädagoge Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt. Dadurch hatte sich der Täter beleidigt gefühlt.

Das Ministerium warnte, daß die Beschäftigung mit den Karikaturen im Schulunterricht neben Unmutsbekundungen auch schwerwiegende, polizeilich relevante Reaktionen in Form von körperlichen Übergriffen bis hin zu schweren Gewalttaten nach sich ziehen könne.

„Inakzeptable Kapitulation vor dem politischen Islam“

Zuvor habe das Landeskriminalamt (LKA) verlauten lassen, daß das Zeigen der Mohammed-Karikaturen oder jede bildliche Darstellung des Propheten als islamkritisches Verhalten interpretiert werden und radikalisierend wirken könne. Zu dieser Gefahrenanalyse war das LKA nach Reaktionen von Schülern während einer Schweigeminute für den ermordeten Lehrer gekommen. Zwar habe es keine „konkreten gefährdungsrelevanten Hinweise“ gegeben, dennoch sei es aus Sicht des LKA sinnvoll, „deeskalierend im Bildungsprozeß mit diesem Themenkomplex umzugehen“.

Koopmann kritisierte, daß das Einlenken des hessischen Kultusministeriums Täter belohne sowie das Gedächtnis an Paty und andere Opfer verhöhne. Dadurch werde Intoleranz gegenüber Glaubenskritik gefördert. Auch die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter bezeichnete die Empfehlungen laut Welt am Sonntag als „inakzeptable Kapitulation vor dem politischen Islam“. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, Simone Fleischmann, berichtete, daß einige Kollegen die Karikaturen nicht mehr nutzen wollten. „Die Angst ist da.“

Das Kultusministerium reagierte auf die Kritik und betonte, daß es wichtig sei, mit solchen Situationen präventiv und notfalls intervenierend umgehen zu können. Auch in anderen Bundesländern wie Hamburg, Berlin und Niedersachsen hatten Schüler während der Schweigeminute ihr Unverständnis gezeigt, den Mord an Paty gerechtfertigt und mit Gewalt gedroht. (hl)

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans kritisiert das hessische Kultusministerium (Archivbild) Foto: picture alliance / dpa | Jörg Carstensen
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