Martin Sellner: Kämpft gegen Kündigungen und Sperrungen Fotos: Privat
Kampagne gegen IB-Chef Sellner

„Wer nicht ihrer Ideologie entspricht, soll ruiniert werden“

Martin Sellner ist der führende Kopf der Identitären Bewegung (IB) in Deutschland und Österreich. Für seine Artikel, Videos oder medial erfolgreich inszenierten Aktionen, in denen er vor allem vor unkontrollierter Masseneinwanderung warnt, erhält er viel Zuspruch in sozialen Netzwerken. Für andere ist er gerade deshalb eine Haßfigur. Das bekommt der 29jährige nicht nur in Form von Beleidigungen und Drohungen zu spüren. Seit rund drei Wochen hat der Student mit Bankkündigungen, Youtube-Sperrungen und gewalttätigen Aktionen zu kämpfen.

Am 29. Dezember 2017, zwei Tage nach dem Mord an einem 15 Jahre alten Mädchen durch einen mutmaßlich gleichaltrigen Afghanen in Kandel, veröffentlicht Sellner einen Video-Kommentar auf Youtube. Er kritisiert darin unter anderem, daß „die Europäer auf den Straßen ermordet und vergewaltigt werden“. Mit seinen 35.000 Followern und zwei Millionen Aufrufen ist er eine feste Größe im Lager der rechten Youtuber.

Seine Währung heißt Aufmerksamkeit

Soziale Medien sind ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Aktionsmedium für Sellner, der sich als Aktivist bezeichnet. Seine Währung heißt Aufmerksamkeit. Nur dadurch kommen Zehntausende Euro an Spendengeldern zusammen, mit denen er und seine Mitstreiter Aktionen wie „Defend Europe“ starten können. Mit der Beobachtung von Flüchtlingshelfern im Mittelmeer sorgten Sellner und seine IB im vergangenen Sommer international für Schlagzeilen – und viel Aufmerksamkeit für weitere Aktionen gegen den „Großen Austausch“ oder Ausländerkriminalität.

Das haben nun auch seine Gegner erkannt. Das Kandel-Video kommt an, es wird angeklickt, geschaut und geteilt. Wenige Stunden nach Veröffentlichung des Videos loggt sich Sellner nach eigenen Angaben erneut in das zu Google gehörende Videoportal ein. Ein rotes Verwarnfenster öffnet sich, die Funktionen sind eingeschränkt.

Sein Kanal ist für zwei Wochen deaktiviert. Der Grund: „Haßrede“. In einem „zähen E-Mail-Wechsel“ gelingt es ihm, die Sperrung aufheben zu lassen, erzählt er der JUNGEN FREIHEIT. Doch kurz danach wird ein weiteres Video gesperrt. „Dieses Mal wegen einer zwei Jahre alten und fünf Minuten langen Rede auf französisch, in der ich in Paris über die Bedrohung durch den Terror sprach.“ Das Problem: Erhält er eine dritte Verwarnung, wird sein Konto dauerhaft gesperrt.

In der Nacht auf den 30. Dezember, Sellner befindet sich gerade in den Vereinigten Staaten, brennt sein Auto in Wien ab. Die Polizei geht von Brandstiftung und einem „politisch motivierten Tatzusammenhang“ aus. Der 29jährige ist sich sicher: Es waren Linksextreme. „Meine Wohnadresse ist den einschlägigen Kreisen bekannt, ebenso wie mein Auto.“

„Meine Bank knickte nach nur einem Tag ein“

Weil er seinen Wagen lediglich haftpflichtversichert hat, bleibt er auf dem Schaden sitzen. Deshalb berichtet er um Neujahr in Videos und Twitter-Einträgen ausführlich über den Vorfall und bittet um Spenden. Was folgt, ist ein nicht enden wollendes Hin und Her zwischen ihm und Kundenbetreuern verschiedener Banken. Denn Sellners Gegner wollen ihn da treffen, wo es ihrer Meinung nach am meisten weh tut: bei seinen Kanälen und Finanzen. Vor allem auf dem Kurznachrichtendienst machen sie Sellners Bank, die DenizBank, öffentlich aufmerksam, daß bei ihr ein „Neonazi“ Spenden sammle.

„Meine Bank knickte nach nur einem Tag ein“, erzählt der Österreicher. Das zur russischen Sberbank gehörende Geldinstitut kündigt unter Verweis auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen das Konto. Der tatsächliche Grund aber sei die Denunziations-Kampagne eines „linken Melde-Rings gewesen“, vermutet Sellner. Denn das Konto habe er schon zwei Monate vorher zu Spendenzwecken verwendet.

Die DenizBank will sich zu dem Vorgang nicht äußern. „Wir geben aus Datenschutzgründen dazu keine Antwort“, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage der JF. Sellner fühlt sich an die Aktion „Defend Europe“ erinnert, als seine ehemalige Hausbank, die Bank Austria, sein Konto „im Rahmen der Vertragsfreiheit“ und nach linken Protesten kündigte.

Bank Austria kündigt Sellner Foto: privat

Weil Sellner seine Aktionen durch Spenden finanziert und auch privat dringend ein Konto benötigt, meldet er sich bei der finnischen Bank Holvi an. „Das Konto wurde nach linken Schmutzkübelkampagen nach nur zwei Tagen gesperrt.“ Dasselbe geschieht mit seinem Geschäftskonto bei der Banking-App Kontist, die mit der Solaris Bank kooperiert, sowie bei der N26-Bank. Wann immer er ein neues Konto eröffnet, und im Internet um Unterstützung bittet, melden ihn seine Gegner bei dem entsprechenden Geldhaus als „Nazi“ oder „Rechtsextremisten“.

Mit Erfolg. „Kontist schrieb mir sogar eine E-Mail, in der mir die Bank rechtliche Schritte androhte, weil die Kontonummer auf Video-Reuploads kursierte.“ Nach demselben Muster kündigt ihm die maltesische Ferratum Bank. „Die haben mir gekündigt, obwohl mir vorher vom Kundendienst bestätigt wurde, daß das Konto auch für Spendensammlungen geeignet ist.“

Ein anderes Geldinstitut bestätigte der JF, daß sich Sellner gezielt über die Eröffnung eines Kontos informiert habe, mit dem er auch Spenden sammeln könne. Nach einem ausführlichen E-Mail-Verkehr habe man sich einvernehmlich geeinigt, kein Konto bei der Bank zu eröffnen. Sellners Darstellung, ihm sei aus heiterem Himmel sein Konto gekündigt worden, widerspricht die Bank.

Holvi kündigt das Konto Foto: privat

Amazon nimmt Sellners Buch aus dem Sortiment

Mitten in dieser Odyssee durch Anschuldigungen und Kündigungsschreiben nimmt der US-amerikanische Online-Händler Amazon in der Nacht des 15. Januars Sellners Buch „Identitär! Geschichte eines Aufbruchs“ aus dem Sortiment. Plattformen wie Audible weigern sich, die Hörbuchversion anzubieten. Facebook sperrt die beiden Accounts von Sellner für 30 Tage.

Diese Kündigungen und Sperrungen stellen Sellner einerseits vor große Probleme. Ohne Spenden keine Aktionen, ohne Aktionen keine Aufmerksamkeit, ohne Aufmerksamkeit keine Spenden. Auf der anderen Seite erhält er dadurch aber auch viel Unterstützung.

„Die vergangenen Wochen haben mir gezeigt, wie gefährlich die Macht ist, die Plattformen angesammelt haben, und wie flüchtig die scheinbare Freiheit unseres Systems ist. Wer nicht der herrschenden Ideologie entspricht, kann durch gezielte Hetze isoliert und wirtschaftlich ruiniert werden“, sagt Sellner.

Am heutigen Freitag hat er einen Termin bei einer weiteren Bank. Er hofft, ein Konto einrichten zu können, das auch fürs Spendensammeln für IB-Aktionen geeignet ist, und nicht nach den ersten Protest-Tweets gekündigt wird. Seine Videos lädt er mittlerweile auf alternativen Plattformen wie BitChute hoch. Über einen privaten E-Mail-Verteiler will er sich von sozialen Netzwerken unabhängig machen.

Wie sehr haben die Kampagnen Sellner geschadet? Oder haben seine Gegner am Ende sogar das Gegenteil bewirkt? „Die Hilfsbereitschaft und Ausdauer der Unterstützer hat mich aber sehr beeindruckt.“ Viele Unterstützer hätten ihr Geld immer wieder auf die neuen Konten überwiesen, auch wenn es ständig zu ihnen zurückgekommen sei. Einige hätten ihm sogar Geld per Post geschickt.

„Wenn Leute hören wollen, was ich zu sagen habe, werden sie einen Weg finden“, sagt Sellner. Brennende Autos, gesperrte Konten und zensierte Kommentare nehme er gerne in Kauf. Das seien schließlich die letzten Zuckungen eines überkommenen Systems. „Wir leben in einer Umbruchszeit“, verdeutlicht er. Ein Umbruch, bei dem Sellner und seine Anhänger kräftig mitmischen wollen.

Martin Sellner: Kämpft gegen Kündigungen und Sperrungen Fotos: Privat

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