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Interview
 

„Das hätte ich mir nie träumen lassen“

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Eurozeichen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Kollektiver Rechtsbruch gibt ohne Kläger Foto: Pixelio/Daniel Gast

Der ehemalige Vize-Präsident der Deutschen Bundesbank, Jürgen Stark, war von 2006 bis 2011 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und eines von sechs Mitgliedern in deren Direktorium, dem Führungsgremium der EZB. Im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT spricht Stark über das Euro-Krisenmanagement. Das vollständige Interview wird in der am Freitag neu erscheinenden Ausgabe wiedergegeben.

Herr Professor Stark, wären Sie heute noch Chefvolkswirt der EZB, was würden Sie tun?

Stark: Wenn ich nicht damals schon  ausgeschieden wäre – inzwischen wäre ich es bestimmt.

Warum?

Stark: Weil die Währungsunion sich weiter verändert hat und das Krisenmanagement immer teurer wird.

Seinerzeit haben Sie zur Ursache Ihres Rückzugs in der Öffentlichkeit geschwiegen, gaben nur „persönliche Gründe“ an. Was war es genau, das Sie damals nicht mehr mitverantworten konnten?

Stark: Ich habe zunächst persönliche Gründe genannt, die aber im dienstlichen Bereich lagen. Der eigentliche Grund ist, daß die Politik einen grundsätzlich falschen Weg eingeschlagen hat.

Nämlich?

Stark: Nämlich zu versuchen, die Krise mit Hilfe großer Finanzpakete zu lösen und daß die EZB über ihren Auftrag hinausgegangen ist. Stichworte Rettungsschirme und Anleihekäufe.

Wieso ist das der falsche Weg?

Stark: Weil man damit das in Maastricht 1991 entworfene Konzept einer Wirtschafts- und Währungsunion als Stabilitätsunion auf den Kopf gestellt hat. Für die Zentralbank kommt hinzu, daß sie eine Strukturkrise, wie wir sie erleben, gar nicht lösen kann. Mit ihren Mitteln kann sie lediglich Zeit kaufen.

Also rettet die Euro-Rettung den Euro gar nicht?

Stark: Es geht doch nicht um den Euro. Es geht um Staaten, die gerettet werden.

Sind Sie enttäuscht?

Stark: Daß es in Europa einen kollektiven Rechtsbruch gibt, aber keinen Kläger. Das ist für mich bis heute unfaßbar!

Was ist Ihre Konsequenz?

Stark: Ich sage voraus, daß damit auch weiterhin jeder Beitrag der EZB zur Lösung der Krise früher oder später verpuffen wird oder die EZB ihre Unabhängigkeit verliert. Man wiederholt den Fehler, der von Beginn an gemacht wurde.

Moment, Sie selbst gehören zu den Vätern des Euro.

Stark: Ich bin einer derjenigen, der an der Entstehung der Währungsunion beteiligt war, das stimmt. Und ich räume ein, auch ich war der Meinung, der Euro würde zu einem Katalysator für Reformen. Aber das Gegenteil war der Fall: Der Euro hat eher wie ein Schutzwall gegenüber Reformen  gewirkt.

Also doch der Euro – er hat doch zu diesem Verhalten verführt.

Stark: Nein, nicht der Euro. Politiker haben sich falsch verhalten, und Regierungen haben sich nicht an die neuen Bedingungen einer gemeinsamen Währung angepaßt. Dazu sind Prinzipien und Regeln für die Wirtschafts- und Haushaltspolitik sowie für die Währungsunion festgelegt worden. Diese Regeln sind weder vor noch während der Krise eingehalten worden.

Ist das alles aus deutscher Sicht nicht eine absurde Situation?

Stark: Ich hätte mir nie träumen lassen, daß ausgerechnet die erfolgreichste europäische Zentralbank nach dem Zweiten Weltkrieg – die Bundesbank – in Europa einmal in eine absolute Minderheitenposition geraten würde. Lange galt die Bundesbank als Leitbild für erfolgreiche Geldpolitik. Und darauf baut die heutige Währungsunion auf! Eine solche Institution nun so ins Abseits zu stellen und  Positionen, die ihr jetziger Präsident vertritt, in Europa heute beinahe lächerlich zu machen – daß all das möglich ist, bedrückt mich sehr und ist kein gutes Zeichen für die Zukunft. Wir erleben einen Paradigmenwechsel.

Wie geht das alles aus?

Stark: Man wird sich weiter durch die Krise ‚wursteln’. Es wird aus den vielen politischen Beschlüssen der vergangenen beiden Jahre eine neue ‚Ordnung’ in Europa entstehen – nur weiß niemand, ob diese wirklich tragen wird und ob wir das wirklich so wollen.

JF 42/12

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