Kyle Rittenhouse droht wegen der tödlichen Schüsse eine lebenslange Haftstrafe Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sean Krajacic
Kyle Rittenhouse droht wegen der tödlichen Schüsse eine lebenslange Haftstrafe Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sean Krajacic

„Black Lives Matter“-Unruhen
 

Rittenhouse-Prozeß polarisiert die USA

Das Recht auf den Besitz von Schußwaffen, um sich damit im Notfall selbst zu verteidigen, ist tief im US-amerikanischen Bewußtsein verwurzelt. Als im vergangenen Jahr in den ganzen USA immer wieder Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung in bürgerkriegsähnliche Ausschreitungen und Plünderungen ausarteten, griffen Bürgermilizen und Privatpersonen zu den Waffen, um ihr Eigentum zu schützen.

In Kenosha im Bundesstaat Wisconsin eskalierte diese Konstellation. Der damals 17jährige Kyle Rittenhouse, war nach dreitägigen Krawallen in die Stadt gereist. Randalierer hatten dort einen Sachschaden von rund 50 Millionen US-Dollar verursacht. Während der Unruhen erschoß Rittenhouse zwei Männer und verletzte einen weiteren mit seinem Sturmgewehr. Der Prozeß gegen ihn geht mit den Schlußplädoyers am heutigen Montag auf die Zielgerade.

Das Verfahren um die Ausschreitungen polarisiert das Land. Das zeigt schon, daß 500 Nationalgardisten in die Stadt geschickt werden, um die lokalen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Die Behörden befürchten weitere Unruhen.

Videos zeigen die tödlichen Schüsse

Linke, Antirassismus-Funktionäre und Mainstream-Journalisten beklagten, daß die Jury, die über den Weißen Rittenhouse urteilen soll, mehrheitlich weiß ist. Unter anderem der Jura-Professor der Georgetown University, Paul Butler, bezeichnete den Prozeß gegenüber dem Sender MSNBC als „white privilege“ auf Steroiden. Rittenhouse warf er zudem vor, bei seiner unter Tränen vorgetragenen Aussage „die Vorstellung seines Lebens“ gegeben zu haben. Vergangene Woche schilderte der Teenager den dramatischen Tag und erlitt dabei einen Zusammenbruch.

Zunächst hatte Rittenhouse am 25. August 2020 mitgeholfen, Graffitis von einer Schule zu entfernen. Später schloß er sich einer Gruppe an, die einen Gebrauchtwagenhandel schützen wollte. Dieser war bereits zum Ziel von Randalierern geworden. Der Besitzer posierte mit Rittenhouse und den anderen Männern für ein Foto, das in den sozialen Medien kursierte, bestritt aber vor Gericht, die Gruppe aufgefordert zu haben, sein Geschäft zu schützen. Dann kam es zu den verhängnisvollen Schüssen.

Da Zeugen die Schüsse mit ihren Mobiltelefonen festhielten, existieren gleich mehrere Videos der Taten. Sie zeigen, wie Rittenhouse vor einer aufgebrachten Menge davonlief. Zunächst attackierte ihn Joseph Rosenbaum und versuchte, ihm das Gewehr zu entreißen. Rittenhouse tötete ihn im Handgemenge mit mehreren Schüssen.

Während er weiter vor der aggressiven Personengruppe floh, stürzte er zu Boden. Nachdem ein unbekannter Mann ihn angriff und durch Schüsse in die Luft vertrieben wurde, schlug Anthony Huber mit seinem Skateboard auf den Jugendlichen ein. Als Huber ebenfalls versuchte, ihm die Waffe abnehmen, traf ihn eine Kugel tödlich in die Brust.

Richter liest Staatsanwalt die Leviten

Kurz darauf stürzte sich mit Gaige Grosskreutz noch ein weiterer Angreifer auf Rittenhouse. Durch einen Schuß in den Arm stoppte ihn der Jugendliche. Die Zeugenaussage von Grosskreutz sorgte für Aufsehen. So gab er auf Nachfrage zu, eine Pistole gezogen und auf Rittenhouse gezielt zu haben. Erst dann drückte dieser selbst ab.

Die überraschten Reaktionen darauf im Gerichtsaal sprachen Bände. Rittenhouse selbst schien der Aussage ungläubig zu lauschen. Seine Unterstützer sahen dadurch bestätigt, daß der mittlerweile 18jährige in Notwehr handelte.

Alle drei Personen, die Rittenhouse vor den Schüssen angriffen, sind ebenfalls weiß und zudem allesamt vorbestraft. Die Todesopfer Huber und Rosenbaum fielen durch Straftaten wie Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sexualstraftaten auf. Grosskreutz wurde bereits wegen Einbruch und unerlaubtem Waffenbesitz verurteilt, wie unter anderem die konservative Autorin Candace Owens auf Twitter verbreitete.

Die Anklage versuchte ihrerseits mit unlauteren Mitteln Rittenhouse vor den Geschworenen in ein schlechtes Licht zu rücken. So hatte Richter Bruce Schroeder im Prozeß Staatsanwalt Thomas Binger wiederholt lautstark gemaßregelt. Binger hatte während des Kreuzverhörs von Kyle Rittenhouse selbigen dazu befragt, warum er sich zunächst entschieden habe, über den Vorfall zu schweigen – was laut US-Recht nicht gegen einen Angeklagten verwendet werden darf.

Rittenhouse droht lebenslange Haft

Die Staatsanwaltschaft wollte damit aufzeigen, daß Rittenhouse im Zeugenstand nicht ganz ehrlich war und seine Aussage „maßgeschneidert“ hätte, nachdem er die Aussagen von Augenzeugen gehört und Medienberichte über die Nacht gesehen hatte. „Ich war wirklich erstaunt, als Sie zu Beginn das Schweigen des Angeklagten nach der Verhaftung kommentierten“, rief Schroeder dem Staatsanwalt damals zu. „Das ist grundlegendes Recht. Es ist seit 50 Jahren grundlegendes Recht in diesem Land. Ich habe keine Ahnung, warum Sie so etwas tun“, bemerkte der Richter.

Nach den Schlußplädoyers wird sich die Jury zurückziehen und über das Schicksal von Rittenhouse beraten. Ihm wird unter anderem vorsätzliche Tötung ersten Grades und Gebrauch einer gefährlichen Waffe vorgeworfen. Schlimmstenfalls könnte er eine lebenslange Hafstrafe erhalten. Wie auch immer der Prozeß ausgeht, auf Kenosha könnten noch einmal unruhige Tage und Nächte zukommen.

Kyle Rittenhouse droht wegen der tödlichen Schüsse eine lebenslange Haftstrafe Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Sean Krajacic
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