TV-Duell zwischen Donald Trump (l.) und Joe Biden
TV-Duell zwischen Donald Trump (l.) und Joe Biden Foto: picture alliance / newscom
TV-Duell zwischen Trump und Biden

Unentschieden

Die Stimmung war wie bei einem Boxkampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Die Medien hatten sie angeheizt und beide hatten die vergangenen Tage und in der Vergangenheit schon genug Stoff und Parolen dafür geliefert. „Wenn wir in der Schule wären, würde ich ihm hinter der Turnhalle die Fresse polieren“, polterte etwa Joe Biden. Und Donald Trumps Antwort war nicht weniger pennälerhaft: „Hinter der Turnhalle würde ich ihm ordentlich den Arsch versohlen, das wäre nicht schwer.“ Man glaubt es kaum, aber es handelt sich tatsächlich um die beiden Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika.

Diese Nacht trafen sie nun zusammen, zwar nicht hinter einer Turnhalle, sondern auf der Bühne der Case Western Reserve University in Cleveland, Bundesstaat Ohio. Aber die Boxkampf-Stimmung war die gleiche. Die Wortwahl freilich nicht, man bewahrte einen kleinen Rest an Contenance, denn immerhin schauten fast hundert Millionen Menschen zur besten Fernsehzeit zu, Wähler, bei denen man einen gefaßten, starken Eindruck hinterlassen wollte.

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Um es vorweg zu nehmen: Keiner ging k. o. zu Boden. Aber beide mußten ziemlich einstecken, es waren die üblichen Beschimpfungen. Biden bezeichnete Trump als Lügner und Clown, Trump wollte in Biden „nichts Intelligentes“ erkennen. Entsprechend der Stimmung redeten beide in Superlativen, Trump allerdings weniger, als man erwartet hätte. Die Debattenstrategie war schnell erkennbar: Biden vermied den Blickkontakt mit Trump, blieb in der Deckung und wenn er offensiv wurde, richtete er sich direkt an die Zuschauer, indem er beschwörend in die Kamera redete.

Trump zweifelt Wahlergebnis schon jetzt an

Trump politisierte und führte die meisten Probleme auf den Gegensatz zwischen Demokraten und Republikaner zurück, vor allem bei Fragen der inneren Sicherheit. Die „Antifa“-Anhänger seien eine „gefährliche, radikale Gruppe“ und die Gewalt in den Städten komme generell von links. Bei diesem und bei anderen Themen brachte er meist Beispiele aus den umkämpften und vermutlich wahlentscheidenden Staaten Florida, Michigan und Pennsylvania.

Inhaltlich gab es nicht viel Neues. Trump zweifelte schon jetzt das Wahlergebnis an, vor allem wegen der Briefwahlen. Man habe bereits jetzt Wahlzettel für Trump in Abfallkörben gefunden, behauptete er. Die Briefe würden erst am Wahltag aufgemacht, widersprach Biden. Das wirkliche Ergebnis werde man erst „in Monaten“ erfahren, sagte Trump. Er, Biden, werde es akzeptieren, egal wer gewinne.

Ob der Supreme Court letztlich entscheiden werde, fragte der Moderator. „Ich hoffe, wir werden ihn nicht brauchen“, meinte Trump. Biden beschwörend mit Blick in die Kamera: „Gehen Sie wählen, wählen Sie, wählen Sie, wählen Sie. Er darf keine weiteren vier Jahre bleiben mit all seinen Lügen“.

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Biden will zurück zum Pariser Klimaabkommen

Kurz zuvor hatte Trump ihn beim Thema Umwelt noch mehrfach berichtigt. Es gehe bei den Investitionen seiner Regierung für die Umwelt nicht um Millionen und auch nicht um 20 Milliarden, sondern um hundert Milliarden Dollar. Zusätzlich werde man eine Milliarde Bäume pflanzen. Biden versprach, sich dem Umweltabkommen von Paris wieder anzuschließen, außerdem werde er einen eigenen Plan vorlegen und nicht dem „Green New Deal“ seiner Partei zustimmen – ein Hinweis darauf, daß er nicht von den radikalen Linken in seiner Partei ferngesteuert werde, was Trump beim Thema innere Sicherheit und Wirtschaft suggerierte.

Bei der Steuerfrage, die die New York Times mit Berichten kurz vor dem Duell (Trump habe 2016 nur 750 Dollar gezahlt, Biden dagegen 300.000) bezichtigte Trump die Medien, Fake-News zu verbreiten. Er habe in einem Jahr 27 Millionen und im Jahr darauf 38 Millionen Dollar an Steuern gezahlt. Ansonsten habe er die Lücken genutzt, die die Steuergesetze der Regierung Obama-Biden geboten haben. Er solle die Steuerbescheide vorlegen, verlangte Biden und auch der Moderator hakte nach: Wieviel Steuern haben Sie in den Jahren 2016 und 2017 gezahlt? Trump: „Es waren Millionen Dollar, Ihr werdet es sehen.“

Unterschiedliche Gewinner

Natürlich war auch das Corona-Krisenmanagement ein Thema. Trumps These: Durch Bidens Zaudern und Zögern hätte es wegen des „chinesischen Virus“ zwei Millionen Tote gegeben, nicht 200.000, „wir haben einen phänomenalen Job gemacht“. Biden wiederum warf Trump vor, „überhaupt kein Konzept“ zu haben, sein Management sei „total unverantwortlich“, Amerika stelle vier Prozent der Weltbevölkerung, aber 20 Prozent der Corona-Toten.

Ein klarer Gewinner war nicht auszumachen, die erste Blitzumfrage beim Nachrichtensender CNN sieht Biden deutlich als Gewinner. Das ist nicht weiter verwunderlich. Die CNN-Zuschauer sind nicht als Trump-Fans bekannt. Beim Sender CBS sieht es schon anders aus: 48 Prozent sehen Biden, 41 Prozent Trump als Gewinner, zehn Prozent beurteilen das Match Unentschieden. Es wird andere Umfragen mit anderen Ergebnissen geben. Davon abgesehen haben sich 87 Prozent der Wähler bereits entschieden, die Blöcke sind relativ fest eingemauert.

Ein Indiz indes ist, daß Biden noch während der Sendung Spenden von fast vier Millionen Dollar erhielt. Dennoch muß man sagen: Biden wirkte nach einer Stunde etwas fahrig und blickte öfter auf seine Notizen, als wollte er sich daran festhalten. Das dürfte die Zweifel an seiner physischen Eignung für das kräfteraubende Amt nicht zerstreut haben. Trump gelang es aber nicht, ihn trotz vieler Unterbrechungen ins Straucheln zu bringen.

Hysterische Tonlage für die nächsten Wochen

Seine Argumentation klang auch nicht immer schlüssig. Moderator Chris Wallace von Fox News hatte mit beiden seine Mühe, mehrfach rief er die Kontrahenten zur Ordnung und erinnerte daran, was die Wahlkampfteams vereinbart hatten, nämlich keine Unterbrechungen und abwechselnde Redezeiten von zwei Minuten.

Beide Lager werden ihre Kandidaten als Helden darstellen. Das begann schon gleich nach der Sendung. Bidens „running mate“ Kamela Harris, die in einer Woche in Salt Lake City auf Trumps Vize Mike Pence zum Fernsehduell treffen wird, meinte  auf Twitter: „Heute Nacht hat Amerika gesehen, was die Wahl ist: Entweder ein Führer, der einen klaren Weg nach vorne bietet oder einen zornigen, ständig unterbrechenden Tyrannen“.

Das dürfte die etwas hysterische Tonlage für die nächsten Wochen sein. Von den meisten deutschen Redaktionen, vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien, ist man das schon gewohnt. Die Kampagnen-Teams werden den Schlagabtausch von Cleveland dennoch nüchtern analysieren und für die nächsten zwei Begegnungen am 15. und 22. Oktober ihre Lehren ziehen. Das Rennen ist offen.

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