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Als die Gerufenen gehen mußten

Die Vertreibung der Deutschen aus weiten Teilen Mittel- und Osteuropas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war nicht nur eine menschliche Tragödie. Zugleich endete damit eine über 800jährige deutsche Siedlungs-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte.

Das Wissen um diese reichen Traditionen ist heute bei der mittleren und jüngeren Generation sehr gering. So sorgte etwa die Bekanntgabe der Tatsache, daß die familiären Wurzeln von Bundespräsident Horst Köhler in Bessarabien liegen, bei vielen deutschen Medien für starke Irritationen. In Quizsendungen wird regelmäßig Heidelberg als richtige Antwort auf die Frage nach dem Standort der ältesten deutschen Universität gewertet, obwohl diese Ehre zweifellos Prag gebührt. Und häufig wird die Geschichte der Deutschen im Osten als Resultat eines gewaltsamen Vordringens und des Strebens um eine Erweiterung des Lebensraumes mißdeutet.

Für die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen war dieses verbreitete Unwissen ein wesentlicher Anlaß, eine Ausstellung unter dem Titel „Die Gerufenen – Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa“ zu konzipieren. Sie ist seit der vergangenen Woche im Berliner Kronprinzenpalais zu besichtigen. Zum einen sollen mit dieser Präsentation die für viele Zeitgenossen „dunklen Wurzeln“ eines erheblichen Teiles der Deutschen näher „ausgeleuchtet“ werden, wie die Stiftungsvorsitzende und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, bei der Eröffnung sagte. Zugleich soll die Ausstellung aber auch dazu dienen, die Realisierung des geplanten Zentrums gegen Vertreibungen ein weiteres Stück voranzubringen. Dieses Zentrum soll einen Gesamtüberblick über das Schicksal der mehr als 15 Millionen deutschen Deportations- und Vertreibungsopfer bieten. Doch obwohl das Projekt durch die Ende vergangenen Jahres eingerichtete bundeseigene Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nach langem Streit nun tatsächlich realisiert werden soll, trifft es weiterhin auf starke außenpolitische wie innenpolitische Vorbehalte. 

Wie bereits bei der ersten Präsentation der Stiftung „Erzwungene Wege“ ist auch in „Die Gerufenen“ erneut die starke Komprimierung eines überaus reichhaltigen Stoffes notwendig, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Dies ist freilich nur um den Preis des teilweisen Verzichtes möglich. Der Fokus liegt auf den deutschen Siedlungsgebieten in den böhmischen Kronländern, im Baltikum, den Westkarpaten, Siebenbürgen, dem Donauraum, in Galizien, der Bukowina, dem Schwarzmeerraum, Bessarabien, im Wolgagebiet sowie in Lodz und Wolhynien.

Gemeinsam ist der Einwanderung in diese Regionen während vieler Jahrhunderte, daß sie in fast allen Fällen in friedlicher Absicht und nicht aus nationalistischen Erwägungen heraus erfolgte. Sie war in erster Linie eine Folge der gezielten Werbung durch Herrscher, die sich von einer deutschen Besiedelung einen unmittelbaren ökonomischen und kulturellen Nutzen erhofften. So warb der böhmische König Přemysl Ottokar II. bereits im 13. Jahrhundert intensiv um deutsche Handwerker und Bauern. Der römisch-deutsche Kaiser Sigismund von Luxemburg förderte im frühen 15. Jahrhundert die Einwanderung von Deutschen nach Ungarn. Und weitere drei Jahrhunderte später hoffte Zarin Katharina II., wirtschaftliche Fortschritte im Russischen Reich durch die Werbung deutscher Handwerker und Bauern erreichen zu können. Die eigentliche Anwerbung erfolgte in dieser Zeit durch sogenannte Lokatoren, die im Auftrag der Herrscher und Grundherren handelten. Den Siedlern wurde häufig befristete Steuerfreiheit, Befreiung von Militärdiensten und das Privileg, nach eigenem Recht zu leben, versprochen.

Zumeist entsprachen jedoch die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort nicht den gegebenen Zusagen. So gelang es den meisten Ankömmlingen erst nach langer Zeit, tatsächlich Fuß zu fassen. Dennoch entwickelten sich viele deutsche Siedlungen allmählich zu Musterkolonien, da viele deutsche Einwanderer nicht nur über eine gute Ausbildung und zahlreiche Vorkenntnisse, sondern auch über den zähen Willen zum Erfolg verfügten. Im Regelfall behielten die Siedler einen großen Teil ihrer Herkunftstraditionen bei. Eine ebenso wichtige Rolle wie Handwerker, Bauern, Bergleute und Händler spielte die deutsche Intelligenz in Mittel- und Osteuropa. Die Universität Dorpat, die 1632 auf Geheiß von König Gustav II. Adolf von Schweden entstand, wurde 1802 durch Zar Alexander als deutschsprachige Hochschule neu gegründet. Sie hatte eine große geistige Ausstrahlung auf den gesamten baltischen Raum.

Erst im Zuge des sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt ausbreitenden Nationalismus wurden diese reichen Traditionen zunehmend in Frage gestellt und erste Forderungen nach einer erzwungenen Umsiedelung von Volksgruppen erhoben, soweit sie nicht in das Bild einer homogenen Nation paßten. Nun wurde das Janusgesicht der Zuwanderung sichtbar: Denn die einst Willkommenen wollten nun viele Staaten „wieder loswerden“, so der bekannte Literaturkritiker Hellmuth Karasek, der das Zentrum gegen Vertreibungen unterstützt, bei der Ausstellungseröffnung im Berliner Kronprinzenpalais. In großem Umfang wurden diese Pläne jedoch erst von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts umgesetzt. Was im Osten in Jahrhunderten aufgebaut worden war, wurde innerhalb weniger Jahre durch das Dritte Reich und die Sowjetunion zerstört, sagte Karasek. Diese Trauer dürfe jedoch auf keinen Fall dazu führen, die oft sehr segensreiche Geschichte der Deutschen in den späteren Vertreibungsgebieten bis zum Jahr 1933 zu vergessen, wie sie in „Die Gerufenen“ dokumentiert werde.

Die Ausstellung „Die Gerufenen – Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen ist bis zum 30. August täglich von 10 bis 20 Uhr  im Berliner Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, zu sehen. Zur Ausstellung ist ein 150seitiger, reich illustrierter Begleitband erschienen.

Foto: Hermannstadt (Sibiu) in Siebenbürgen, Kleiner Ring (l.), Rathaus und Garnisonkirche: Von Deutschen geprägtes Stadtbild

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