Dannenberg & St. Jürgen

Die definitive Würdigung des kürzlich 80 gewordenen St. Jürgen ist in Sophie Dannenbergs 2004 erschienenem Roman „Das bleiche Herz der Revolution“ nachzulesen. Darin wird geschildert, wie die hoffnungsvolle Karriere des jungen Sozialphilosophen Hieronymus Arber durch „1968“ zerstört wird. Der zweite Handlungsstrang erzählt von der Galeristin Kitty Caspary, die von ihren 68er Eltern zu einem „Neuen Menschen“ erzogen wird und dabei die Hölle erlebt.

„Dieser Roman beschreibt den Zeitgeist, nichts anderes“, heißt es vorab. „Reale Personen sind weder beabsichtigt noch gemeint.“ Natürlich nicht. Aber was kann der Leser dafür, daß er, je schärfere Konturen die monströse Figur des Sozialphilosophen Mueller-Skripski gewinnt, desto mehr an Jürgen Habermas denken muß?

Ein großdeutscher „Reader’s Digest“

Dabei fängt es ganz harmlos und in satirischer Überzeichnung an. Von seinem Chef Aaron Wisent, Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, befragt, urteilt Arber über Mueller-Skripski: „Er ist wie ein Staubsauger. Er hat ein Aktenregal im Kopf. Er kann zitieren und wiedergeben, durchaus auch klug interpretieren, was andere gedacht haben; er kann es oft sogar besser wiedergeben, als es gedacht wurde. Er findet den Kern des Gedankens und beißt alles andere weg. Und die Kerne reiht er auf. Man spart sich dann meistens die Lektüre des Originals. Er ist ein großdeutscher ‚Reader’s Digest‘. Er ist nicht kühn, sondern genau, nicht treu, sondern linientreu.

Vielleicht ist er auch nur ängstlich. Droht die Logik eines Textes sein Interesse zu widerlegen, schleicht er sich an der Logik vorbei. Droht eine Erkenntnis sein Weltbild zu erschüttern, diffamiert er den Autor. Er ist groß im Hassen, genial. Da liegt seine wahre Begabung. Er ist, eine in Deutschland seltene Begabung, weniger Hermeneutiker als Hasser, weniger Analytiker als Agitator, weniger Wissenschaftler als Kompilator. In der Sowjetunion heißt das Agit-Komp.“

Wisent stimmt ihm zu: „Wenn sich ein esprit de corps bilden sollte, der im Sinne Mueller-Skripskis ausgerichtet ist, erziehen wir keine freien Geister, keine Menschen, die zu eigenem Urteil fähig sind, sondern Anhänger, die auf Schriften schwören, heute auf die, morgen vielleicht auf jene.“ Er gibt seinem Asisstenten den Rat: „Unterschätzen Sie seine Intelligenz nicht und seine Beharrlichkeit und seinen kühlen Haß. Legen Sie sich nicht mit ihm an.“

Totale Bestimmung des intellektuellen Diskurses

1968 kommt Mueller-Skripski nach ganz oben, so daß er später sagen kann: „Ich allein bestimme den intellektuellen Diskurs in der Bundesrepublik seit nunmehr dreißig Jahren.“ Über sein Handy („Die reinste Kommandozentrale.“) regiert er bundesweit das akademische Leben. Sein erstes Opfer ist Arber: „Ich habe Sie vor über dreißig Jahren liquidiert … Ich bin die Wahrheit und das Licht, und es führt kein Weg zum Lehrstuhl denn durch mich.“

Mueller-Skripski hat ein Manuskript Arbers über die „Ästhetik der Verzweiflung“ entwendet, das seinem Autor den internationalen Durchbruch gebracht hätte. „Ihre Gedanken müssen im Dunkeln bleiben, lieber Arber, sie sind zu nah an der Wahrheit … Was ist schon Wahrheit, und wozu brauchen wir die. Lieber wollen wir reden, ohne zu wissen worüber. Wir kommunizieren, um eine Kommunitas zu sein. Mehr ist doch eh nicht drin, oder?“

Eine Konstellation, die aus Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ adaptiert ist. Ecos Roman handelt von einer Mordserie in einem mittelalterlichen Kloster. Als Urheber stellt sich der blinde Jorge von Burgos heraus, der verhindern will, daß der zweite Teil der Aristotelischen Poetik, der vom Lachen handelt, bekannt wird. Das Lachen, fürchtet er, würde die göttliche Weltordnung aus den Angeln heben. Bei Sophie Dannenberg ist es umgekehrt: Die eifrigen Diskursler sollen sich nicht des tragischen Abgrunds bewußt werden, in den sie geschleudert sind.

Die Ästhetik der Verzweiflung

Dieser Abgrund öffnet sich vollständig im letzten, „Die Ästhetik der Verzweiflung“ überschriebenen Kapitel, in dem Kitty Casparis Großvater seine Lebensbeichte ablegt. Es ist eine Erzählung über Krieg, Vertreibung, Heimatverlust, über seelische und körperliche Verwundung. Er beschließt sie mit Sätzen über die nachfolgende, die 68er Generation: „Meine Kinder, ja doch, die kennen meine Geschichte, aber es ist nicht die ihre. So wie ich Eltern und Großeltern habe, so habe ich keine Kinder. Meine Kinder sind nicht meine Erben. Sie führen nicht fort. Sie sind fortschrittliche Menschen, stolze Besitzer eines selektiven Gedächtnisses, ohne Neugier, ohne Mitleid, ganz und gar gnadenlos.“

Sie nehmen übel, „daß wir den Krieg verloren haben, daß wir nicht die mächtigen Rächer waren, die wir gewesen sein sollen, sondern Krüppel und Deutsche, denen man das Rückgrat gebrochen hat. Daß wir voller Trauer sind und voller Heimweh, daß wir uns erinnern, das mögen sie nicht. Sie leben im Hier und Jetzt, in fröhlicher Verzweiflung.“ Mueller-Skripski ist der Hausphilosoph dieser reduzierten Wesen.

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