Joachim Kuhs

 

Mehr als gedacht

Immer noch werden aus den politischen Lagern sehr unterschiedliche Angaben über das Ausmaß der Zuwanderung nach Deutschland gemacht. Die meisten Werte beruhen dabei auf reinen Schätzungen und Hochrechnungen. Denn die bislang oft als Kriterium herangezogene Ausländerquote in der Bundesrepublik hat durch die im Jahr 2000 erleichterte Einbürgerung immer weniger Aussagekraft. Doch gibt es die Möglichkeit, mit einer verbesserten Statistik den heutigen Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung präziser und realistischer zu bestimmen? Einen Ansatz auf diesem Wege präsentierte in der vergangenen Woche das Amt für Statistik von Berlin-Brandenburg. Dieses greift bei der Bestimmung von Personen mit einem Migrationshintergrund auf zwei Quellen zurück: Die eine ist ein Mikrozensus, in dem entweder Staatsangehörigkeit, Geburtsort, Zuzugsjahr und das Jahr der Einbürgerung oder Staatsangehörigkeit, Einbürgerung und Geburtsort der Eltern oder Großeltern erfaßt werden. Mit Hilfe dieser Angaben lassen sich gleichermaßen Personen mit eigener Migrationserfahrung (Eingebürgerte und Ausländer; allerdings auch deutsche Zuwanderer wie etwa Rußlanddeutsche) sowie Personen ohne eigene Migrationserfahrung bestimmen. Zu diesem letzteren Personenkreis zählen sowohl Eingebürgerte, die mindestens einen Elternteil aufweisen, welcher Eingebürgerter, Zugewanderter oder Ausländer ist; ferner auch in Deutschland lebende Ausländer der zweiten und dritten Generation. Werden diese Zahlen zusammengerechnet, so ergibt sich daraus, daß der durchschnittliche Migrantenanteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland Ende 2006 bei 21,2 Prozent lag. Besonders hoch ist der Anteil in den Stadtstaaten Hamburg (25,8 Prozent), Bremen (24,5 Prozent) und Berlin (22,9 Prozent). Wird jedoch nur das Gebiet des ehemaligen Ost-Berlins und der östlichen Bundesländer berücksichtigt, dann beträgt die Migrantenquote dort lediglich 5,2 Prozent. Dem Mikrozensus kommt allerdings nur die Bedeutung einer Stichprobe zu, da nur 380.000 Haushalte in Deutschland erfaßt werden. Für eine noch genauere Erfassung des Migrantenanteils im lokalen Raum wertete das Amt für Statistik in Berlin-Brandenburg daher zusätzlich Angaben aus der Einwohnerregisterstatistik des Landes Berlin aus. Diese Statistik ist allerdings im Gegensatz zum Mikrozensus eine Sekundärstatistik. Dies bedeutet, daß die daraus entnommenen Daten ursprünglich nicht zur Erhebung der genauen Zuwanderungsquote gedacht waren. Trotzdem liefert dieses Material eine Fülle vergleichsweise verläßlicher Daten über Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, Personen mit einer zweiten – ausländischen – Staatsangehörigkeit sowie die erste und eventuelle zweite Staatsangehörigkeit der Eltern beziehungsweise eines Elternteiles. Hinzu kommen Angaben über das Geburtsland sowie über das Einbürgerungskennzeichen – beides allerdings in unvollständiger Form. Werden diese Daten als Grundlage genommen, so ergibt sich daraus, daß der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund in Berlin im Dezember 2007 sogar 25,7 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes betrug. Dieser Wert liegt damit rund drei Punkte höher als die errechnete Quote aus den Daten des Mikrozensus. Bei den einzelnen Stadtbezirken nimmt der Anteil der Migranten und Ausländer in Berlin-Mitte mit 44,5 Prozent den Spitzenplatz ein. Es folgen Neukölln (38,7 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg mit 36,6 Prozent. Am niedrigsten ist der Anteil im Ostbezirk Treptow-Köpenick mit rund zehn Prozent. Allerdings gibt es auch innerhalb der einzelnen Stadtbezirke deutliche Unterschiede, wenn die einzelnen Wohnviertel betrachtet werden. So weisen im Viertel um den Askanischen Platz (Kreuzberg) über 68 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund auf. In der und rund um die Reinickendorfer Straße (Wedding) sind es 67,1 Prozent. Da Kreuzberg verwaltungstechnisch mit dem ehemaligen Ostbezirk Friedrichshain zusammengelegt wurde und der Wedding inzwischen einen gemeinsamen Stadtbezirk mit der historischen Mitte der Hauptstadt bildet, wird an diesen Beispielen deutlich, daß tatsächlich der Anteil von Migranten und Ausländern in Wedding und Kreuzberg noch weit höher liegt, als es die Durchschnittsangaben von Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg widerspiegeln. Statistisch erfaßt wurde auch der Anteil von Ausländern und Personen mit Migrationshintergrund nach Altersgruppen. Danach waren über 40 Prozent der Berliner Kinder im Alter zwischen 0 und 15 Jahren Ausländer oder Migranten. Bei den 45- bis 55jährigen lag der Anteil noch bei 22 Prozent der Berliner Gesamtbevölkerung, bei den über 65 Jahre alten liegt er mit 13,7 Prozent am niedrigsten. Vom rot-roten Berliner Senat wurde die Veröffentlichung der Zahlen als „integrationspolitischer Meilenstein“ gewertet. Erstmals sei es möglich, „mit vielen Vorurteilen“ aufzuräumen, so der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening. Nun werde „tatsächlich Politik und Öffentlichkeit ersichtlich“, wie stark die deutsche Hauptstadt durch Zuwanderung geprägt sei. Die Daten gäben „Hinweise darauf, wie sich die Kieze verändern werden, vor welchen Herausforderungen unsere öffentlichen Einrichtungen von der Kita bis zur Altenpflege stehen und wie wichtig eine abgestimmte ganzheitliche Integrationspolitik ist“. Mit Hilfe der neuen statistischen Erfassungsmethode nehme Berlin „eine Vorreiterrolle bei der Datenerhebung im Feld der Integration ein“. Ein Ziel der aktuellen Erhebung soll es allerdings auch sein, den Nachweis zu führen, daß „kein direkter Zusammenhang zwischen sozialem Status und Migrationsquote“ bestehe, sagte Piening. Denn es gäbe ja zahlreiche Gebiete in der Stadt, in denen es einen sehr hohen Migrantenanteil gebe, aber dennoch keine „expliziten Spannungen zwischen den Bewohnern von Presse und Öffentlichkeit thematisiert“ wurden, wie etwa im Umfeld der berüchtigten Rütli-Schule in Neukölln.

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