Das gesenkte Haupt haut kein Säbel ab

Die Erweiterung der EU durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens bringt einen erheblichen Zuwachs der Orthodoxie mit sich. Bisher waren nur Griechenland und (Süd-)Zypern nahezu uniform orthodox. Dazu kamen noch russische und ruthenische Minderheiten in den baltischen Ländern, in Ostpolen oder Slowakien sowie die aus orthodoxen Ländern wie Serbien eingewanderten EU-Bürger. Von den rund acht Millionen Einwohnern Bulgariens gehören etwa 85 Prozent der seit schon seit dem Jahr 927 autokephalen (selbständigen) Bulgarisch-Orthodoxen Kirche an. Von den etwa 22 Millionen Bürgern Rumä- niens sind über 86 Prozent Mitglieder der Rumänisch-Orthodoxen Kirche. Sie ist inzwischen eine der stärksten autokephalen orthodoxen Kirchen in der Welt. Ihre Autokephalie erhielt sie allerdings erst 1885, sieben Jahre nach der Anerkennung des neuen Königreichs Rumänien durch den Berliner Kongreß. Die nun vier EU-Länder mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit sind in erheblich geringerem Maße unter den Einfluß der Aufklärung und des Code Napoléon geraten als die anderen 23 Mitgliedsstaaten. Das katholisch-protestantische Abendland ist im letzten Jahrhundert laizistisch geworden. Kirche und Glauben sind in die Defensive geraten, während in den orthodoxen Ländern Religion und Kirche bis zum heutigen Tag eine gewichtige gesellschaftliche Rolle spielen. Das wiederum hat unübersehbare Auswirkungen gezeitigt. In Mitteleuropa hat die katholische Kirche einen mehr oder weniger offenen Widerstand gegen die kommunistischen Regimes geleistet. Kardinäle wie der Ungar József Mindszenty oder der Pole Stefan Wyszyński sind legendär geworden. Vergleichbare orthodoxe Kirchenfürsten gab es nicht und konnte es auch nicht geben. Eher waren sie auf den Mitarbeiterlisten der Staatssicherheitsdienste zu finden. Unter dem Vorwand, die Überlebenschancen der Kirchen zu sichern, wurden Patriarchen und Bischöfe querbeet zu Werkzeugen der „Organe“. Eine Gestalt wie der lutherische Pastor Oskar Brüsewitz wäre innerhalb der Basis der Orthodoxie unvorstellbar. „Bakschisch“ für den Sultan und seine Beamten Die orthodoxe Kirche war schon immer zum untertänigen Kompromiß mit der Staatsmacht jedweder Couleur bereit, erst recht nach dem gnadenlosen Massaker an der russischen, ukrainischen, georgischen oder armenischen Geistlichkeit nach 1917. In Rußland hat sich schon im 16. Jahrhundert Iwan IV. („der Schreckliche“) die Orthodoxie gefügig gemacht. Weiter südlich war es das Osmanische Reich. Die von der Hohen Pforte in Konstantinopel diktierte Ethik – die auch von den betreffenden Kirchen durchaus übernommen wurde – konnte in dem Satz zusammengefaßt werden: „Das gesenkte Haupt haut kein Säbel ab.“ Die jetzt lautstark beklagte Korruption der EU-Neulinge geht auf den aus dem Arabischen stammenden Begriff „Bakschisch“ zurück. Der osmanische Sultan und seine Beamten ließen sich immer gern bestechen – was bis heute Spuren in den einst von ihnen beherrschten Ländern hinterlassen hat. Die systematische Fälschung der Brüssel vorgelegten Staatshaushalte durch die griechische Regierung ist nur ein Beispiel für diese Tradition. Die „Bakschisch“-Korruption hat einen historischen Hintergrund, der selbst in den religiösen Bereich hineinwirkt. Diese „erkaufte“ Toleranz der Hohen Pforte gegenüber der unterworfenen Völker und deren Kirchen galt allerdings nicht im gleichen Maße für das türkische Kernland. Die Diskriminierung und die Eingrenzung der Orthodoxie hat sogar die Säkularisierung durch Kemal Atatürk überdauert. Bartholomäus I., seit 1991 Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, wird bis zum heutigen Tag von der türkischen Regierung nicht als der primus inter pares unter den Patriarchen der Orthodoxie anerkannt. Der im Istanbuler Stadtteil Fener (Phanari) residierende griechisch-orthodoxe Erzbischof wird von türkisch-staatlicher Seite lediglich als der Seelsorger der Handvoll Christen toleriert, die noch Istanbul leben. Vor diesen Hintergrund sollte auch der Besuch von Papst Benedikt XVI. bei Bartholomäus I. verstanden werden. Damit und mit seinem Bestreben, das Schisma von 1054 zu überbrücken, hat der Papst die traditionelle Position des türkischen Staates gegenüber dem Patriarchat von Konstantinopel in Frage gestellt. Wahrscheinlich wollte Benedikt XVI. auch in Richtung Brüssel ein Signal senden: Bei den laufenden EU-Beitrittsverhandlungen sollte – neben der Einforderung der vollständigen Glaubensfreiheit, von der die Türkei wegen der Intoleranz des Islam bis heute noch weit entfernt ist – auch die offizielle Anerkennung der Position des Patriarchen des Ostens als EU-Beitrittsbedingung gehandhabt werden. Schließlich wurde das Amt vor bald tausend Jahren etabliert – als die Vorfahren der Osmanen noch in den asiatischen Steppen herumgaloppierten. Foto: Ökumenische Prozession in Paris: Konfliktpotential mit der Türkei

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