Klein-Erna erklärt die Welt

WDR
Mariam Lau, Chefkorrespondentin der „Welt“ und Tochter des iranischen Publizisten Bahman Nirumand Foto: WDR

You can’t always get what you want / But if you try sometimes you might find / You get what you need
Rolling Stones, aufgenommen im November 1968

Es ist immer das gleiche Lied, zumindest die gleiche Grundmelodie. Die Zeit war irre spannend, damals, Achtundsechzig, es herrschte Aufbruchstimmung, ein Hauch von Abenteuer und bis dahin nicht gekannter Freiheit lag in der Luft, es war einfach ein tolles Lebensgefühl. Ach ja, ein paar Irrtümer gab es zwar auch, die aber sind nicht weiter der Rede wert. Schwamm drüber. So klingen die meisten Achtundsechziger bis heute.

Als ob es nicht genug damit ist, daß viele erinnerungsselige Alt-Achtundsechziger mit Blick auf das vierzigste Gedenkjahr der Protestrevolte ihr Mitteilungsbedürfnis nicht zügeln konnten, jetzt meinen auch noch die Kinder der Achtundsechziger, sich zu Wort melden zu müssen. Fünf von ihnen haben sich für die Dokumentation „Kinder der 68er – Die Erben einer Revolution“ interviewen lassen, die prominentesten Namensträger darunter sind Wiebke Mahler und Rudi-Marek Dutschke. Ausgestrahlt wird die vom WDR produzierte, knapp einstündige Dokumentation am 17. April um 22.55 Uhr auf Arte. Autor und Regisseur ist Jürgen Bevers, der 2005 bereits einen Film über den Pariser Studentenführer und heutigen Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit drehte („Der Provokateur“).

In „Kinder der 68er – Die Erben der Revolte“ nun läßt Bevers neben der Tochter von Horst Mahler und dem Sohn von Rudi Dutschke noch Mariam Lau, Chefkorrespondentin der Welt und Tochter des iranischen Publizisten Bahman Nirumand, Uwe Soukup, Buchautor und Sprößling des Hochschullehrers Gunter Soukup, sowie Johanna Timm, Tochter des Schriftstellers Uwe Timm, auftreten. Im Gespräch schildern sie, wie sie über den Aufstand der Achtundsechziger und die Außerparlamentarische Opposition (APO) von damals denken, wie sie ihre Eltern, deren Träume, Ideale und Utopien erlebt haben.

Dokumentation auf dem Niveau von Klein-Erna

Herausgekommen ist ein Film, der nicht nur wegen der schlichten Kameraführung bei den Interviews und den nach Schema F eingestreuten Bilderschnipseln von 1968 mit „schwerhufig“ noch euphemistisch umschrieben ist. Vor allem die Gespräche selbst langweilen, bieten sie doch kaum substantiell Erhellendes, sondern erschöpfen sich überwiegend in Apologetik. Das Lebensgefühl von damals fasziniert die Kinder der Achtundsechziger offenbar noch heute, jedenfalls die für diese Dokumentation befragten.

Selbst die 1982 geborene Johanna Timm weiß mit leuchtenden Augen von der „extrem großen Aufbruchstimmung“ zu erzählen. Was den Achtundsechzigern an negativen Folgen angedichtet werde, stimme doch alles gar nicht. Timm: „Es sind eher die 68er-Kinder, die aufstehen für ’ne alte Oma in der U-Bahn.“ Auf diesem Niveau etwa hat sich früher Klein-Erna die große weite Welt erklärt.

Interessant hätte besonders das Gespräch mit Wiebke Mahler (Jahrgang 1959) werden können, die als freiberufliche PR-Agentin arbeitet. Der Weg ihres Vaters vom erfolgreichen APO-Anwalt über den Mitbegründer der links­terroristischen Rote Armee Fraktion (Verurteilung zu 14 Jahren Haft) bis zum vorübergehenden NPD-Anwalt und heutigen Holocaust-Leugner hätte genug Stoff für Reflexionen geboten. Statt dessen kommen von Wiebke Mahler Auskünfte wie diese: „Die Gewaltfrage finde ich ja bis heute sehr, sehr schwer zu beantworten. Als mein Vater in den Untergrund gegangen ist und sich für den gewalttätigen Weg entschieden hatte, konnte ich das absolut nachvollziehen angesichts der Unbeweglichkeit, auf die man allenthalben gestoßen ist, man konnte so laut schreien, man konnte so viele Eier werfen, wie man wollte, man hat irgendwie überhaupt nichts bewegt, es passierte einfach nichts, es hat sich nicht wirklich was verändert.“ Damit dürfte dann ja alles gesagt sein, oder nicht?

Nein, nicht ganz. Mit den heutigen Aktivitäten und Äußerungen ihres Vaters konfrontiert, legt Wiebke Mahler zunächst eine kleine Denkpause ein, bevor sie schließlich antwortet: „Das ist was, was ich nie gemocht habe, ich wollte eigentlich nie irgendwas erklären, was mein Vater tut. Und das möchte ich auch heute nicht.“

Warum sie dann trotzdem vor eine Kamera geht, bleibt ihr Geheimnis.

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