Vom Europa-Palast zum Deutschlandhaus

Das Berliner Deutschlandhaus, gegenüber der erhalten gebliebenen Ruine des im Kriege zerstörten Anhalter Bahnhofs, wird künftig nach dem Willen der Regierungskoalition den Charakter einer Gedenkstätte an Flucht und Vertreibung erhalten. Das Gebäude, das im letzten Jahrzehnt eine ziemlich unbedeutende Rolle spielte, was mit dem schwindenden Einfluß der Landsmannschaften zu tun hatte, weist selbst eine Geschichte auf, die in mehr als einer Hinsicht bemerkenswert erscheint.

Nahezu dem Vergessen ist es anheim-gefallen, daß bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs dieses Haus als Europa-Palast einen Begriff in der Filmwelt darstellte. Viele Stars von Ufa, Tobis und Terra feierten hier ihre Filmpremiere, deren besonderer Flair sich auf die gesamte Umgebung des Askanischen Platzes übertrug, der den Anhalter Bahnhof umgab. 1924 befaßte sich erstmals ein Büro für Städteplanung mit der weiteren Bebauung des gesamten Areals, wozu auch die Palais-Gärten des Prinzen Albrecht gehörten. Die Architekten konnten hier ihren Ehrgeiz in jeder Weise frönen, so konzipierten sie dann das für damalige Zeiten größte Berliner Hochhaus mit einer Geschäftsfläche von 35.000 Quadratmetern. Das sich über elf Etagen erstreckende Haus, in der damals neuartigen Stahlskelettbauweise errichtet, verkörperte im Jahre 1931 eine Sensation, was auch in der Bezeichnung Europahaus seinen Ausdruck fand.

In der Zeit des Nationalsozialismus zog das Reichsarbeitsministerium in das Gebäude ein. Im Jahr 1926 kam es zu einer Erweiterung des Europahauses durch einen größeren Anbau, dem Filmaufführungstheater im Europa-Palast ferner einem Tanzpavillon sowie einem Palmengarten.

Mehrere Ereignisse verschafften dem Europa-Palast besondere Aufmerksamkeit. Im Jahre 1938 lud Deutschland die europäischen Filmschaffenden zu einem Kongreß nach Berlin ein, der aus ganz besonderem Anlaß im Europa-Palast stattfand. Damals wurden gerade in diesem Haus die letzten Vorkehrungen zur Aufnahme eines Studiobetriebs des Fernsehens der Reichshauptstadt getroffen, nachdem neun Jahre zuvor die deutsche Reichspost in der Nacht zum 9. März 1930 ein erstes drahtloses Fernsehprogramm ausgestrahlt hatte. 1938 war man nun so weit, zum regulären Sendebetrieb übergehen zu können, wofür im Europa-Palast zwei bestens ausgestattete Studios zur Verfügung standen. Im Jahre 1941 kam ein drittes hinzu, weitere Entwicklungen verhinderte der Krieg.

General Wlassow und das Europahaus

Mit diesem Krieg hatte es auch zu tun, daß am 20. November 1944 der Berliner Europa-Palast zum Schauplatz einer ungewöhnlichen Kundgebung wurde. Das einige Zeit zuvor in Prag gegründete Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands, das unter dem Vorsitz von General Wlassow stand, trat hier erstmals vor die deutsche Öffentlichkeit und überraschte sie mit der Mitteilung, daß auf dem Truppenübungsplatz in Münsingen zwei Divisionen einer Nationalen Russischen Befreiungsarmee im Entstehen begriffen seien.

Nach dem Krieg und der Beseitigung von Bombenschäden begann ein gänzlich anderes Kapitel des Europa-Palastes, welcher seit dem Jahre 1950 in ein „Haus der ostdeutschen Heimat“ umgewandelt wurde. Den Anstoß zu dieser Entwicklung gab der dem Kabinett Adenauer angehörende Minister für Gesamtdeutsche Fragen Jakob Kaiser. Im November und dann noch einmal im Dezember 1950 befaßte sich die Bundesregierung mit der Tatsache, daß im Ostsektor der Stadt die Errichtung eines Hauses der sowjetischen Kultur sowie eines weiteren der deutsch-polnischen Freundschaft erfolgt war. Jakob Kaiser plädierte angesichts solcher ideologischer Propagandazentren zur Verbreitung der kommunistischen Ideologie dafür, ein Gebäude im Westteil der Stadt zur nationalen Pflege der ostdeutschen Kultur herzurichten und es gleichzeitig den Organisationen der Heimatvertriebenen als dauerhaftes Domizil zu übergeben.

Dafür auserwählt wurde das Haus des einstigen Europa-Palastes, in welchem nunmehr verschiedene Landsmannschaften ihren Einzug hielten. Als erstes wurden sie mit der Aufgabe betraut, eine Ausstellung über die deutsche Heimat im Osten zu gestalten, die noch im gleichen Jahr unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers in den Berliner Messehallen eröffnet wurde. Mit der Errichtung einer Stiftung erfolgte im Jahre 1974 die Umbenennung in Deutschlandhaus. Es erhielt ein äußerst ansehnliches Foyer, in dessen Fenster die farbigen Wappen der verlorenen ostdeutschen Heimat eingelassen wurden. Gleichzeitig wurde dem Haus eine große Bibliothek mit Werken der ostdeutschen Literatur überantwortet, die seit Aufkündigung der Stiftung durch den damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) am 31. Dezember 1999 in einem Depot des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden „dahinschlummert“.

Unterstützung durch Axel Springer

Viele Erinnerungsstücke, die damals dem Deutschlandhaus ein besonderes Kolorit verliehen, fanden zum gleichen Zeitpunkt anderweitige Interessenten. Über mehrere Jahrzehnte stand der aus Küstrin stammende Gerhard Dewitz dem Berliner Landesverband der Vertriebenen vor. Er gehörte zu den wenigen Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die am 16. Dezember 1991 gegen die Ratifizierung des Grundlagenvertrages stimmten, mit welchem die endgültige Abtretung der deutschen Ostgebiete beschlossen wurde. Auf ganz besondere Weise fühlte sich den Heimatvertriebenen der Verleger Axel Springer verbunden, der zusammen mit dem Berliner Landesverband der Vertriebenen einen Schülerwettbewerb ins Leben rief, bei dem es darum ging, jungen Menschen die früheren deutschen Ostgebiete sowie die Geschichte der Vertreibung nahezubringen. Zu den gegenwärtigen Nutzern gehören außer dem Landesverband der Vertriebenen, der seit einigen Jahren unter der Leitung des ehemaligen Staatssekretärs Rüdiger Jakesch im Innensenat steht, sowie einigen Landsmannschaften, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Robert Koch Institut, das Institut für Städtebau und Landesplanung sowie die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“.

Nunmehr wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, indem nach jahrelangem Streit hier eine Dokumentationsstätte errichtet werden soll, die sich mit dem Geschehen von Flucht, Vertreibung und Deportation befaßt, wovon allein etwa 15 Millionen Deutsche betroffen waren. Zu diesem Zweck ist ein Umbau des Deutschlandhauses vorgesehen, der in den nächsten drei Jahren erfolgen soll.

Foto: Europahaus Berlin (1936): Filmpremierenfeiern in den Zwanzigern, erste Fernsehübertragungen in den Dreißigern, „Haus der ostdeutschen Heimat“ nach 1950 und ab 2011 Zentrum gegen Vertreibungen

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