Um etwas zu verstehen, muß man seine Ursprünge kennen, sagt Nietzsche. Das gilt für Menschen, Imperien und ganze Kontinente. Als Ursprung Europas oder, allgemeiner gesagt: der westlichen Zivilisation, gilt gemeinhin die Trias von griechisch-römischer Kultur, christlich-jüdischer Religion und germanisch-romanischem Volkstum. Diese drei Elemente verbanden sich zu einer kulturellen Einheit, die als wirkungsstarke Macht ab dem 16. Jahrhundert die Welt verändern sollte – so jedenfalls das bislang gültige Narrativ der europäischen Geschichte.
Gegen diese Sicht der Dinge erhebt die amerikanische Althistorikerin Josephine Quinn in dem vorliegenden Buch Einspruch. „Ich möchte eine andere Geschichte erzählen“, schreibt sie, „eine, die nicht im griechisch-römischen Mittelmeerraum beginnt und dann im Italien der Renaissance wieder auftaucht, sondern die die Beziehungen zurückverfolgt, durch die sich das, was heute der Westen genannt wird, aus der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen entwickelt hat.“ Mit dem vorliegenden Werk versucht sie diese Perspektive in Form einer neuartigen weltgeschichtlichen Erzählung plausibel zu machen.
Diese Erzählung kommt prachtvoll aufgemacht daher. Mit stattlichem Einband, seinem reichhaltigen Bildteil und einem Fußnotenanhang von fast 200 Seiten hat der Verlag ein bibliophiles Schwergewicht auf den Markt geworfen, in dem die Grundgedanken der Autorin mit einem üppigen Detailreichtum aus nahezu allen Bereichen der Kultur, Wirtschafts- und Geistesgeschichte illustriert werden.
Übernehmen und verbessern
Inhaltlich kann das Buch in dreifacher Weise gelesen werden. Erstens als eine Weltgeschichte von annähernd viertausend Jahren, die im Hafen der phönizischen Stadt Byblos um 2000 v. Chr. beginnt und mit der Inbesitznahme Amerikas durch die spanischen Konquistadoren endet. Ganz unabhängig von ihrer Grundthese bietet die Autorin damit ein anspruchsvolles Stück Weltgeschichtsschreibung unter Einbezug der muslimischen, indischen und chinesischen Historie.
Innerhalb dieses chronologischen Abrisses entfaltet Josephine Quinn zweitens eine schier endlose Liste von Belegen dafür, wie sehr die Entwicklung Europas beziehungsweise des Westens von den Innovationen der außereuropäischen Welt geprägt wurde. Das gesetzgeberische Werk des babylonischen Königs Hammurabi, die ägyptische Verwaltungssystematik, das phönizische Alphabet, Bewässerungstechniken, Tempelarchitektur, Schiffsbau, Sternennavigation und viele andere orientalische Innovationen mehr definierten lange vor der Entstehung des Westens die zivilisatorischen Standards, die für den Westen maßgeblich wurden.
Allerdings waren die dabei ablaufenden Adaptionsprozesse durchaus kreativ, worauf Quinn verweist. Zwar beruhten die ersten archaischen Großplastiken Griechenlands, die freistehenden Kouroi, auf ägyptischen Vorbildern. Die Griechen fügten diesen Plastiken allerdings Dynamik, Individualität, Wohlgestalt und Schönheit hinzu. Ähnlich verhielt es sich mit der Übernahme des phönizischen Alphabets. Dabei handelte es sich um ein Konsonantenalphabet, das die Griechen durch Hinzufügen der Vokale komplettierten. An diesem und anderen Beispielen verdeutlicht die Autorin die wahre Genialität der Griechen: sie waren Schüler, die die Impulse älterer Kulturen aufnahmen und weiterentwickelten. In dieser akribischen Nachzeichnung kulturgeschichtlicher Kontinuitäten und Weiterentwicklungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Kulturgeschichte besteht die Hauptstärke des vorliegenden Buches.
Die Null als Meilenstein
Auf einer dritten Ebene versucht sich die Autorin an der Neubewertung geschichtlicher Entscheidungssituationen. Nicht immer wird man dabei ihren Darlegungen zustimmen können, weder, was die Tatsachen, noch was die Einschätzungen betrifft. So behauptet Quinn allen Ernstes, die Perserkriege wären „unentschieden“ ausgegangen. Eine etwas verwunderliche Einschätzung, nachdem die Griechen die persische Flotte und das Landheer geschlagen und den Persern die ionischen Städte an der Küste Kleinasiens entrissen hatten.
Auf der anderen Seite korrigiert sie die landläufige Vorstellung von der Rettung der antiken Wissenschaften durch die Araber. Richtig sei vielmehr, daß die Übersetzungen antiker Werke, die im neunten Jahrhundert im „Haus der Weisheit“ in Bagdad angefertigt wurden, auf „Netzwerke“ vornehmlich persischer Gelehrter und syrischer Christen zurückgingen – die allerdings ihre Übersetzungen ins Arabische, die Sprache des islamischen Weltreiches, übertrugen. Iranischen Gelehrten gebührt auch das Verdienst, die Errungenschaften Indiens und Chinas aufgegriffen und tradiert zu haben, so etwa die Übernahme des mathematischen Konzepts der Null aus dem indischen Kulturkreis. Ohne diese „Erfindung der Null“ wäre es möglicherweise Leibniz und Newton nicht gelungen, im 18. Jahrhundert mit der Entwicklung der Infinitesimalrechnung die Tore zur Unendlichkeit aufzustoßen.
Diese Beispiele führen zu der Frage, aus welchen Kräften sich dieser interkontinentale Innovationstransfer speiste. Auch darauf hat die Autorin eine Antwort. Die Verwandlung der Welt, von der Europa so stark profitierte, beruhte nicht auf einer oder zwei überlegenen Kulturen, sondern auf einer unendlich großen Zahl individueller und grenzüberscheitender Netzwerke und der Fähigkeit zur Adaption, die dazu beitrug, Innovationen von der einen Ecke der Welt in die andere zu tragen. Das betraf Recht, Technik, Landwirtschaft, Handel, Wissenschaft und Verkehr.
Die „Erfindung des Westens“ beginnt bei Quinn erst spät
Gegen diese Sichtweise, die die Vernetzung kreativer Einzelpersonen zum Motor des Fortschritts erklärt, ist wenig zu sagen, außer daß sie einen ganz wesentlichen Bewegungsmotor der Geschichte merkwürdig unterbelichtet, nämlich die geschichtlichen Kollektive, die sich durch kulturelle Besonderheiten definieren und voneinander abgrenzen. Diese „kulturalistische“ Lesart der Weltgeschichte, wie sie von Hegel bis Toynbee vertreten wurde, ist es aber gerade, die die Autorin aufbrechen möchte. Ob sie damit der Geschichte als Ganzer gerecht wird, ist aber die Frage, denn auch die leistungsfähigsten Netzwerke waren eingebettet in netzwerkübergreifende, kollektive Zusammenhänge.
David Blackbourne hat in seinem Buch „Die Deutschen in der Welt“ (JF 9/25) sehr überzeugend dargestellt, in wie vielen effektiven Netzwerken deutsche Händler und Wissenschaftler bei der Erschließung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert tätig gewesen waren. Da hinter ihnen aber kein politisches Großkollektiv stand, gingen die Deutschen am Ende leer aus. Das meinte Sloderdijk mit seiner Behauptung, die Spanier und Portugiesen hätten eine Weltgeschichte, nicht aber die Deutschen.
Die Sichtweise der Autorin aber ist eine komplett andere. In ihrer Perspektive geht mit der Entdeckung Amerikas „die Epoche der Vernetzung“ zu Ende. Ein ideologisch geframtes „Zeitalter der Kulturkreise“ setzt ein, das heißt Europa und Asien werden plötzlich als antagonistische Prinzipien verstanden und unterschiedlich gewichtet. Mit den Denkern der Aufklärung, vor allem mit Montesquieu und Voltaire, beginnt die eigentliche „Erfindung des Westens“ als einer kulturellen Entität, von der behauptet wurde, sie habe sich in der Hauptsache aus sich selbst heraus entfaltet. Diesen verengten Blick ein wenig ins Globale geweitet zu haben, ist verdienstvoll, auch wenn der Leser der vollständigen Verwerfung der kulturalistischen Erklärungsansätze nicht unbedingt folgen muß.







